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| 02:49 Uhr

Ein Lausitzer Dorf träumt vom deutschen Meistertitel

Trebendorf. Einmal im Leben deutscher Meister werden – davon träumt jeder Fußballer. Dafür muss man aber nicht mehr in der Bundesliga spielen. Ein Fan ermöglicht im Internet auch Amateuren, wie Dortmund und Bayern mit Teams aus dem ganzen Land um die Meisterschale zu spielen. Der sächsische Kreis ligist SV Trebendorf ist noch dick im Geschäft. Doch nicht jeder begrüßt den inoffiziellen Titelkampf. Steven Wiesner / swr1

Über die A 15 Richtung Forst und die Abfahrt Roggosen geht's über den ersten Pass des Muskauer Faltenbogens. Die nächste Station ist Groß Düben, ehe man den Halbendorfer See links liegen lässt und schließlich in die Idylle der 1000-Seelen-Gemeinde Trebendorf eintaucht. Hier, in dem beschaulichen Ort, der fünf Kilometer von Weißwasser entfernt liegt und eine der kleinsten Gemeinden Sachsens bildet, könnte bald der nächste Deutsche Meister kicken. Kreisligafußballmeister, genau genommen. Der SV Trebendorf nämlich steckt nach sechs Siegen aus ebenso vielen Partien in der Oberlausitzer Kreisliga A mitten im Rennen um die Deutsche Kreisligafußballmeisterschaft.

Noch vor 16 Jahren gab es nicht mal einen Sportverein in der Provinz. Weil ein Dutzend Hobby-Volleyballer aber eine Spielwiese mit Umkleidemöglichkeiten benötigte, "haben wir aus Blödelei einen Verein gegründet und eine Satzung zusammengekritzelt, ohne zu wissen, was das wirklich bedeutet", kramt René Kraink in seinem Erinnerungsvermögen herum. Der 36-Jährige ist gleichermaßen Gründungsmitglied und Vorsitzender des Klubs, der mittlerweile um die zehn Abteilungen und etwa 320 Mitglieder zählt.

Gerade sind die Trebendorfer dabei, ihr Vereinsgelände zu erweitern und sich ein richtig hübsches Domizil in die Landschaft zu stellen. Ein Förderungskatalog von Vattenfall und dem Freistaat Sachsen macht's möglich und schafft neben einem modernen Funktionsgebäude mit Sporthalle auch ein kleines Fußball-Paradies, an dem sich so mancher Regionalligist erfreuen würde. Auf dem über 40 000 Quadratmeter fassenden Areal steht nun neben zwei Rasenplätzen auch eine mit mehr als 200 Sitzplätzen ausgestattete Arena mit einem Kunstrasen, der schon bei der WM 2010 in Südafrika Verwendung fand, wie Kraink verrät. "Für unseren Größenwahn wurden wir anfangs belächelt. Aus Spinnerei ist aber Ernst geworden."

Es gehört zu Krainks Selbstverständnis, dass auch die sportlichen Strukturen mitwachsen sollen. "Wenn du Qualität haben möchtest, musst du Potenzial organisieren", beschreibt er den Vorgang, auch Spieler von außerhalb für Trebendorf zu begeistern. Oberstes Gebot aber ist die Maxime, "dass sich jeder mit dem SV identifiziert". So wie es der Vorsitzende selbst vorlebt. "Bei mir kommt erst Trebendorf und dann die Bundesliga. Hier stecke ich mein Herzblut rein."

Schon in der letzten Spielzeit peilten die Blau-Gelben den Aufstieg an, stolze 66 Punkte waren aber einer zu wenig. Die neue Periode geht der Kreisligist, der das Feld saisonübergreifend seit 29 Spielen nicht mehr als Verlierer verlassen hat, als Klassenprimus an. Kurios: Mit dem makellosen Saisonstart könnten die Trebendorfer nun sogar bundesweit Bekanntheit erlangen. So listet die Website " www.kreisligen.info . de" alle Teams aus über 425 Kreisligen auf, die den Husarenstreich bewältigen, verlustpunktfrei durch eine Serie zu spazieren. Der Torquotient tut dann das Übrige und ermittelt den "Deutschen Kreisligafußballmeister".

Als der SV Trebendorf vor wenigen Wochen auf Platz 1 besagter Tabelle thronte, wurde auch Kraink auf das Forum aufmerksam. "Das ist schon geil. Bessere Werbung geht nicht." Aktuell haben nur noch 67 Teams ihre weiße Weste gewahrt. Auch der SV hat am zurückliegenden Spieltag erfahren, wie schnell dieser Traum platzen könnte, als man gegen die zweite Delegation Bad Muskaus bis zur 59. Minute einem 0:1 hinterherrannte und Simon Patyna erst sieben Zeigerumdrehungen vor dem Abpfiff das Blatt wendete.

Störfaktor oder Motivation?

Womöglich kann sich Trainer Frank Stäbler (51) gerade deswegen kaum mit dem Nebenschauplatz anfreunden und interpretiert denselben als Störfaktor. "Was bringt uns diese Nichtigkeit? Spieler neigen generell zur Überheblichkeit und vergessen dabei gerne, ihre Hausaufgaben zu machen." Auch sein Kapitän Thomas Nyschan (31) rollt mit den Augen und findet, dass es vor allem die jüngeren Spieler ablenkt, die die Homepage regelmäßig ansurfen und bei Facebook bewerben.

Zu verdanken haben sie ihre Uneinigkeit einem Polizeibeamten aus Ostfriesland, der die Internetseite erstellt hat und den Trebendorfern rät, sie nicht zu ernst zu nehmen. "Es ist für Amateur-Mannschaften einfach interessant", sagt Jörg Heitner, "sich deutschlandweit zu messen und zu gucken, wo sie im Vergleich stehen." Im Endeffekt sei es zwar nur ein inoffizieller Titel, "aber ein Titel, mit dem sich nicht jeder schmücken kann, ist es trotzdem." Der Vorjahressieger aus dem Saarland hatte wenig später sogar den Südwestfunk zu Gast. "Und", ergänzt Fußball-Fan Heitner, "es hat sich gezeigt, dass Mannschaften, die fünf Spieltage vor Schluss bereits als Aufsteiger feststanden, trotzdem bis zum letzten Match um jedes Tor gekämpft haben." Man stelle sich nur vor, der 52-jährige Ostfriese hätte eine solche Tabelle auch für Nationalteams ins Leben gerufen - vermutlich hätten Jogis Jungs nach dem geschmeidigen Kombinationsfeuerwerk und der 4:0-Führung gegen Schweden dann nicht in den Stand-By-Modus zurückgeschaltet und die stolze DFB-Historie wäre nun um ein blitzsauberes Fabelländerspiel reicher.

Zum Thema:
Zwei Jahre ist es her, dass Fußball-Fan Jörg Heitner von der Siegesserie eines A-Kreisligisten beeindruckt wurde und daraufhin recherchierte, wie viele Teams deutschlandweit jedes Ligaspiel gewinnen. Also rief er eine Internet-Tabelle ins Leben, die den "Deutschen Kreisligafußballmeister" kürt. Die Tabelle ergibt sich aus der Tordifferenz und der Anzahl der gewonnenen Spiele. Hier mischt in diesem Jahr auch der SV Trebendorf (Landkreis Görlitz) mit, der am Sonntag gegen Lok Schleife II den siebten Sieg einfahren will. Ebenfalls noch ohne Punkt verlust ist der ESV Lok Falkenberg (Elbe-Elster-Kreis).