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Ein Heißsporn auf Himmelfahrt

Köln. FCE-Trainer Jörg Böhme hat einen Vorteil. Der als Heißsporn bekannte Ex-Profi hat mit Cottbus nichts mehr zu verlieren. „Mehr Himmelfahrtskommando geht nicht“, so Böhme, der sich als Trainer so gibt, wie man ihn schon als Spieler kannte: unberechenbar. Jan Lehmann und Frank Noack

Um seine Aufstellung für das Cottbuser Auswärtsspiel in Köln am Freitagabend (zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) festzulegen, hat Jörg Böhme vermutlich nicht ins Fußball-Lehrbuch geschaut. Sein persönlicher Motivationstrick dürfte dort ohnehin nicht als Lernstoff zu finden sein: Der 40-Jährige lässt seine Mannschaft lange im Ungewissen - die Spieler erfahren erst extrem spät, wer spielt.

Und Böhme wäre nicht Böhme, wenn dabei nicht noch etwas Überraschendes passiert: Vor dem erlösenden Heimsieg gegen Kaiserslautern änderte er die Aufstellung 20 Minuten vor der Teambesprechung noch einmal auf einer Position. Welche? "Das habe ich schon wieder vergessen", so der Energie-Coach, der sich nicht in die Karten gucken lassen will.

Böhme ist eben als Trainer so, wie er auch schon als Spieler war. Viel Einsatz, viel Risiko, viel Tempo, viel Herz - und immer ein bisschen unberechenbar. So hat er sich in seiner Profi-Zeit bei Bielefeld, Gladbach, 1860 München, Carl-Zeiss Jena, Eintracht Frankfurt und vor allem bei Schalke 04 einen Namen gemacht. Er hat es damit zum Vize-Weltmeister und zweifachen DFB-Pokalsieger gebracht. Kann er mit seiner Hopp-oder-Topp-Mentalität nun auch noch den scheinbar unrettbaren FC Energie vorm Abstieg bewahren?

Der Vorteil des ehemaligen Linksaußen ist, dass er nicht viel zu verlieren hat. Das liegt zum einen an der schier aussichtslosen Lage des Vereins bei seinem Amtsantritt. Gegenüber dem Kölner "Express" gab er vor der Partie in der Domstadt zu: "Wenn man die Situation sieht, muss man sagen: Mehr Himmelfahrtskommando geht nicht. Eigentlich abgeschlagen Letzter und mit Köln und Kaiserslautern die Großkaliber der Liga vor der Brust."

Zum anderen hatte Böhmes Amtsübernahme von seinem unfassbar erfolglosen Vorgänger Stephan Schmidt nicht unbedingt für neue Euphorie in der Lausitz gesorgt. Er galt als kurzfristige Übergangslösung, der Verein sondiert auch jetzt weiterhin den Markt. Und Ex-Trainer Petrik Sander sorgte mit seiner Andeutung für Unruhe, dass er Inhalte von Gesprächen mit Präsident Ulrich Lepsch "noch" für sich behalten wolle.

Bekannt für Eskapaden

Damit ließ Sander Raum für Spekulationen, die Böhme nicht gefallen dürften. Doch der 40-Jährige kämpft um seine Chance, die er von Präsident Lepsch öffentlich eingeräumt bekommen hat. Dabei setzt Böhme auf Offenheit. Via "Sportbild" gab der Ex-Profi, der früher auch wegen Eskapaden außerhalb des Fußballplatzes in die Schlagzeilen geraten war, zu: "Auch ich mache Fehler, habe Fehler gemacht." Mittlerweile sehe er viele Dinge anders.

Doch ein Hitzkopf ist er geblieben. Bei seinem Cheftrainer-Debüt gegen Kaiserslautern tobte er vor der Cottbuser Bank hin und her, ließ Frust und Freude mit deutlicher Körpersprache raus. Er betont: "Fußball lebt nunmal von der Emotionalität." Weniger Einsatz zeigt er indes bisher beim Doppelpass mit den Medien. Interviews sieht Böhme eher als lästige Pflicht an - er wird auch nicht wie sein ehemaliger Schalker Teamkollege Olaf Thon wegen seiner rhetorischen Künste als Professor in die Fußballgeschichte eingehen.

Dazu passt sein Geständnis: "Ja, ich bin einmal durch die theoretische Prüfung beim DFB-Trainerlehrgang geflogen." Das habe er der Mannschaft gleich offenbart. Böhme begründet: "Ich will nicht, dass getuschelt wird." Die Prüfung hat er zwar im Oktober 2013 erfolgreich wiederholt. Auf dem Rasen fühle er sich trotzdem wesentlich wohler, als wenn er zehn Stunden auf der Schulbank sitzen müsse. Lehrbücher sind halt nichts für ihn.

Wie lange er nun auf der Cottbus Bank sitzen darf, hängt ganz maßgeblich von seinen Erfolgen ab. Und sollte er mit dem FCE tatsächlich noch das Wunder Klassenerhalt schaffen, könnte er mit seinem vermeintlichen Himmelfahrtskommando ganz schnell im siebten Cottbuser Fußballhimmel landen.