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Düstere Bilanz und Schwäche durch Virus

Stabhochspringer Raphael Holzdeppe hatte sich eigentlich "perfekt gefühlt", war nach seinem Salto nullo aber ratlos: "Es ist sehr frustrierend."
Stabhochspringer Raphael Holzdeppe hatte sich eigentlich "perfekt gefühlt", war nach seinem Salto nullo aber ratlos: "Es ist sehr frustrierend." FOTO: img1
London. Die deutschen Athleten zahlen bei der WM mehr Lehrgeld als erwartet – und kämpfen jetzt auch noch mit erschwerten Bedingungen. Ulrike John und Andreas Schirmer

Die Altstars reißen nichts, die Jungspunde sind oft noch nicht so weit - und jetzt schwächt und stresst auch noch ein Magen-Darm-Virus Sportler und Betreuer. Für den Deutschen Leichtathletik-Verband fällt die Zwischenbilanz bei der Weltmeisterschaft in London ziemlich düster aus. Die Funktionäre sprechen angesichts der gesundheitlichen Probleme von einem Krisenmanagement.

Mannschaftsarzt Andrew Lichtenthal nannte bei einer Pressekonferenz am Mittwoch insgesamt 13 Fälle bei Athleten und Betreuern in den vergangenen Tagen. Zwei Sportler seien noch in einer 48-Stunden-Quarantäne, deren Startchancen stünden 50:50. "Bei den 13 Fällen ist es wahrscheinlich, dass sie das Noro-Virus haben", sagte der Mediziner. Andere Nationen sind längst auch betroffen.

"Wir haben eine Ausnahmesituation", erklärte Chefcoach Idriss Gonschinska. Wegen der Ansteckungsgefahr werden Athleten ausquartiert, die physiotherapeutischen Maßnahmen sind eingestellt. Unsicher sei derzeit, ob der DLV seine Staffeln zusammenbekomme. Die WM-Zwischenbilanz sei zu relativieren, "weil es Rahmenbedingungen sind, die wir nicht erwarten konnten", sagte Gonschinska. Die Frage sei vor allem, wie die WM-Teilnehmer darauf reagieren.

Unabhängig von den aktuellen medizinischen Sorgen droht der olympischen Kernsportart beim Umbruch im Nationalteam eine ähnlich magere Ausbeute wie in Rio de Janeiro. "In der zweiten WM-Hälfte haben wir noch eine Reihe von Medaillenchancen, traditionell sind wir nach hinten raus immer erfolgreicher gewesen", betonte jedoch DLV-Präsident Clemens Prokop.

Nur einmal Silber für Siebenkämpferin Carolin Schäfer - mehr Medaillen sprangen in den ersten sechs Wettkampftagen für die 71 deutschen Teilnehmer nicht heraus. Drei waren es bei Olympia 2016, gleich acht bei der letzten WM 2015 in Peking. Irgendwo dazwischen liegt wohl der wahre Leistungsstand. Am Dienstagabend standen allerdings zwei weitere deutsche Mitfavoriten ratlos in den Katakomben des Olympiastadions: Katharina Molitor, Titelverteidigerin im Speerwurf, enttäuschte als Siebte; Raphael Holzdeppe, Weltmeister von 2013, scheiterte im Stabhochsprung an seiner Anfangshöhe von 5,50 Meter.

Für das Final-Wochenende hat der DLV noch einige Trümpfe in der Hinterhand: das in der Welt führende Speerwurf-Trio mit Olympiasieger Thomas Röhler, dem deutschen Rekordhalter Johannes Vetter und Andreas Hofmann sowie die Zehnkämpfer Rico Freimuth und Kai Kazmirek.

Mit dem zweifachen Kugelstoß-Weltmeister David Storl und Diskus-Olympiasieger Robert Harting waren allerdings zwei erfahrene Athleten leer ausgegangen. Eine Erkenntnis von London: Die Werfer sind nicht mehr die Medaillengaranten.

Selbst so manche erfahrene Athleten wie Sprinter Julian Reus (29) kamen vor der lautstarken Kulisse mitunter nicht klar. "Es ist nicht einfach, direkt in so ein Haifischbecken geschmissen zu werden. Ich habe das zwar schon mehrmals gemacht, aber wir haben es nur einmal im Jahr", sagte der Wattenscheider nach seinem Vorlauf-Aus.

Aber es gab auch andere: Gina Lückenkemper flitzte in der Weltklassezeit von 10,95 Sekunden durch den Vorlauf, Hanna Klein kam bei ihrem WM-Debüt über 1500 Meter als Elfte ins Ziel. "Ich finde, die jungen Athleten haben eine bewundernswerte Vorstellung gegeben. Es zeigt, dass wir bis zu den Olympischen Spielen 2020 gut aufgestellt sind", sagte Prokop.