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| 11:18 Uhr

Das Fußball-Märchen hat auch ein Lausitzer Gesicht
Die Geschichte des SC Paderborn: Fahrstuhlfahren mit Lichtgeschwindigkeit

 Die drei ehemaligen Cottbuser Uwe Hünemeier, Steffen Baumgart und Sven Michel (v.l.) sind fester Bestandteil des Paderborner Fußball-Märchens.
Die drei ehemaligen Cottbuser Uwe Hünemeier, Steffen Baumgart und Sven Michel (v.l.) sind fester Bestandteil des Paderborner Fußball-Märchens. FOTO: Imago, dpa
Paderborn/Cottbus. Der SC Paderborn ist gerade dabei, ein hollywoodreifes Fußball-Märchen zu entwerfen. Und auch drei ehemalige Cottbuser arbeiten am Drehbuch mit. Von Steven Wiesner

Markus Krösche hat den 20. Mai 2017 nicht vergessen. Es war der Tag, an dem der SC Paderborn rein rechnerisch in die vierte Liga abstieg und der Insolvenzverwalter schon mit einer Fußsohle auf der Matte stand. Das Bundesliga-One-Hit-Wonder aus Ostwestfalen stand vor dem Totalschaden und der Versenkung im Amateurfußball. „Wir hatten damals ein doppelt blaues Auge mit Kieferbruch“, versinnbildlicht der Geschäftsführer die damalige Verfassung des SC Paderborn, der binnen drei Jahren von der ersten bis in die vierte Liga zu fallen drohte. Mit diesem Tempo konnte seinerzeit nicht mal Energie Cottbus mithalten. Dessen Absturz in die Viertklassigkeit zwischen 2009 und 2016 schien ja bereits rekordverdächtig, hatte im Vergleich zur Paderborner Kamikaze-Variante allerdings eher die Dynamik einer Kaffeefahrt.

Nicht mal zwei Jahre später allerdings hat der SC Paderborn seine Sterne neu geordnet. Statt Abstieg und Insolvenz durfte der Verein den Reset-Knopf in der 3. Liga drücken, weil 1860 München keine Lizenz erhielt und anstelle der Paderborner in die Regionalliga krachte. Auf drei sportliche Abstiege am Stück folgte im Sommer 2018 zunächst der Aufstieg in die 2. Bundesliga – und spätestens nach dem 4:1-Triumph am vergangenen Wochenende gegen einen taumelnden Hamburger SV ist im Sommer 2019 sogar der Durchmarsch zurück ins deutsche Fußball-Oberhaus realistisch.

Einmal von der Bundesliga Richtung Regionalliga und wieder zurück, und das alles allein zwischen den Jahren 2015 und 2019. Es sind ja schon einige Fußballklubs von der Rasanz des Auf- und Abstiegssystems durchgeschüttelt worden. Der SC Paderborn aber hebt das Fahrstuhlfahren zwischen den Ligen auf ein neues Level. Das, was der SCP da gerade macht, ist Fahrstuhlfahren mit Lichtgeschwindigkeit.

Und die Geschichte hat sogar ein Lausitzer Gesicht. Denn mit Trainer Steffen Baumgart, Abwehrchef Uwe Hünemeier und Torjäger Sven Michel versuchen sich auch drei ehemalige Cottbuser als Aufzugführer in Paderborn. Baumgart hatte die Mannschaft im April 2017 übernommen und aus dem Fast-Absteiger eine Offensivmaschine gemacht, die mehr für Erlebnis als Ergebnis steht. Mit 90 Toren stieg Paderborn letztes Jahr in die 2. Bundesliga auf (zum Vergleich: Der aktuelle Drittliga-Meister VfL Osnabrück hat 55 Treffer herausgespielt) und auch in dieser Zweitliga-Saison hat nur Meister Köln öfter die Tormusik aufdrehen lassen. Mit ihren bisher 75 Toren haben die Paderborner 25 Treffer mehr erzielt als Hauptkonkurrent Union Berlin – und sogar 35 mehr als der bereits abgehängte HSV. Damit ist Paderborn schon jetzt der treffsicherste Zweitliga-Aufsteiger aller Zeiten.

Elf Treffer steuerten auch Michel (10) und Hünemeier (1) bei. Die beiden ehemaligen Energie-Profis sind wie Baumgart fester Bestandteil dieses hollywoodreifen Fußball-Märchens, an dem der SC Paderborn gerade arbeitet. Der Verein, der unter dem mitunter großspurigen und mittlerweile verstorbenen Möbelunternehmer Wilfried Finke auch für so manche Boulevard-Story sorgte wie dem geräuschvollen Kurzzeit-Intermezzo von Trainer Stefan Effenberg, hat sich mit stillen, aber klugen Personalentscheidungen zurückgemeldet. Paderborns Topscorer Philipp Klement zum Beispiel kam 2018 für 250 000 Euro von Mainz II, Kai Pröger spielte im Herbst 2017 noch im Stadion der Freundschaft vor mit dem BFC Dynamo und wechselte über den Umweg RW Essen für 50 000 Euro zum SCP, und Christopher Antwi-Adjej kickte bis 2017 in der Oberliga, kostete nicht einen Cent, schoss nun aber einen Doppelpack gegen den HSV.

Nun wartet Dynamo Dresden im Saisonfinale. „Da wird der Kessel brennen“, sagt Uwe Hünemeier der Neuen Westfälischen Zeitung vor dem Duell am Sonntag (15.30 Uhr). „Aber wenn wir unser Spiel durchziehen, kann uns keiner aufhalten.“ Sollte der SC Paderborn mit seinem Sieg tatsächlich Platz zwei verteidigen und in die Bundesliga aufsteigen, wird Markus Krösche wohl auch den 19. Mai 2019 nicht vergessen. Statt Kieferbruch und blauem Auge könnte sich dann die Nase blau färben in Paderborn – von einer siegestrunkenen Aufstiegsparty.