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| 02:40 Uhr

Die gelbe Wand bleibt für ein Spiel grau

FOTO: dpa
Lissabon. Borussia Dortmund akzeptiert diplomatisch die Sperrung der Südtribüne. Selbst die Champions League gerät zum Randaspekt. Heinz Büse

Die Champions League geriet zum Randaspekt. Kaum war die Dortmunder Mannschaft in Lissabon gelandet, gab es nur noch ein Gesprächsthema. Dicht umringt von Journalisten versuchte sich Sportdirektor Michael Zorc an einer staatsmännischen Erklärung zur Entscheidung der Vereinsspitze, der Sperrung der Südtribüne zuzustimmen. "Wir wollten ein klares Statement setzen, dass wir die Vorkommnisse rund um das Spiel gegen Leipzig in jeglicher Form verurteilen."

Fragen nach den sportlichen Chancen für das Achtel finale am diesem Dienstag (20.45 Uhr/Sky) bei Benfica Lissabon? Keine!

Noch als der Mannschaftsflieger in der Luft war, hatte der DFB die nach der Verunglimpfung des RB Leipzig erwartete Sperrung der Südtribüne für das nächste Bundesliga-Spiel der Borussia am Samstag gegen den VfL Wolfsburg verkündet. Sportdirektor Zorc gab sich betont diplomatisch: "Wir em pfinden das Strafmaß als hart. Wir haben eine Kollektivstrafe, obwohl die große Mehrzahl der Fans auf der Südtribüne, die sich nichts zu Schulden kommen ließ, benachteiligt und mitbestraft wird. Trotzdem ist es geboten zuzustimmen und keine zu kleinteilige Diskussion über Ver hältnismäßigkeit zu führen."

Nicht nur das peinliche 1:2 beim Bundesliga-Schlusslicht Darmstadt, sondern auch die Aussicht auf ein Heimspiel ohne die legendäre Gelbe Wand drückte auf die Stimmung. Deshalb war von Vorfreude auf den Beginn der K.o.-Runde in der europäischen Königsklasse nur wenig zu spüren. Ähnlich wortkarg wie beim Abflug gaben sich die Profis auch beim Verlassen des Flughafens in Lissabon. Immerhin bietet das Duell in der portugiesischen Hauptstadt die Chance zur Frustbewältigung. Wieder einmal könnte die Königsklasse dazu beitragen, die rätselhaften Formschwankungen im Ligaalltag zu kaschieren. "Wir wissen alle, dass wir es in Darmstadt verbockt haben, aber das darf jetzt keine Rolle mehr spielen", sagte Kapitän Marcel Schmelzer.

Torwart Roman Bürki ist davon überzeugt, dass das BVB-Team in Lissabon sein "wahres Gesicht" zeigen wird. Diese Aussage des Schweizer Nationalkeepers verriet viel über den Charakter der Mannschaft. Mit ihrem Auftritt in Darmstadt machte sie wieder einmal deutlich, wie groß bei ihr die Kluft zwischen Fußballkunst auf großer Bühne und dürftigen Vorstellungen in den Bundesliga-Hinterhöfen ist.

Imposante 21 Treffer erzielte der BVB in der Gruppenphase und sorgte damit für einen Rekord. Ousmane Dembélé hofft, dass die Mannschaft in Lissabon wieder ihr Potenzial abruft: "Wir waren im Herbst in der Champions League extrem konzentriert und fokussiert. Ich hoffe, das bleibt jetzt gegen Benfica so", sagte der Dribbelkünstler dem "Kicker".

Doch so leicht wie bei Legia Warschau (6:0) und auch Sporting Lissabon (2:1) dürfte es beim portugiesischem Meister und aktuellen Tabellenführer nicht werden. "Benfica ist mit Abstand der größte Club in Portugal. Einer, der mit seiner Wucht enorme Dynamik entfachen kann", warnte Zorc. Immerhin erreichte Benfica noch im vorigen Jahr das Viertelfinale des Wettbewerbs und scheiterte nur knapp am FC Bayern München (2:2/0:1). Weniger respektabel ist dagegen die aktuelle Bilanz in der Champions League. Das Team von Trainer Rui Vitória holte in der Gruppenphase nur acht Punkte und damit die wenigsten aller noch im Wettbewerb verbliebenen Clubs.

Zur Freude von Trainer Thomas Tuchel stiegen die in Darmstadt fehlenden Schmelzer, Lukasz Piszczek und Mario Götze wieder ins Training ein. Weltmeister Götze gehört aber noch nicht zum Kader und blieb zuhause.

Zum Thema:
Im Signal Iduna Park mit seinen 81 360 Zuschauerplätzen ist die Südtribüne das Herzstück. Sie ist der Ort für die treuesten, aber auch problematischsten Fans des BVB. Besser bekannt ist die größte Stehtribüne Europas für 25 000 Fans als Gelbe Wand. Torhüter Roman Weidenfeller erklärte einst: "Bist du der Gegner, erdrückt sie dich. Hast du sie als Torwart im Rücken, ist es ein fantastisches Gefühl." Über die Tribüne, die 100 Meter breit und 40 Meter hoch ist, wurde eine TV-Dokumentation gedreht. Titel: "Wir die Wand."