| 02:38 Uhr

Die besten Teams aus zehn Jahren

Cottbus. In einem Bundesliga-Jahrzehnt kann viel geschehen. Ein Fußballmeister (VfB Stuttgart) muss absteigen, ein Traditionsklub (HSV) plagt sich mit hohen Ansprüchen. Die Bayern sind dagegen stabil – und zwar an der Spitze. Von ROBERT PETERS UND PATRICK SCHERER

2007 gewinnt Nicolas Sarkozy die französische Präsidentschaftswahl. Böse Menschen verüben einen Farbanschlag auf den Trevi-Brunnen in Rom. Der VfB Stuttgart wird deutscher Fußballmeister, und der 1. FC Nürnberg gewinnt den DFB-Pokal. Trainer der Nürnberger ist Hans Meyer, dessen Ansichten das Fußballvolk noch heute gern vernimmt, der aber längst kein Trainer mehr ist. Er gehört inzwischen dem Präsidium von Borussia Mönchengladbach an, dessen Zusammensetzung er so beschreibt: "Ein paar reichlich 70-Jährige und Rainer Bonhof, ein Jungspund von 65 Jahren." Meyer ist 74. Sein Langzeitgedächtnis reicht aber natürlich bis 2007. Die Borussia ist übrigens einer der Absteiger dieser Bundesliga-Saison.

Den Ton geben in Stuttgart junge Leute wie Mario Gomez und Sami Khedira an. Zehn Jahre später sind sie immer noch dabei. Und sie sind noch so gut in Form, dass sie nicht nur in Stuttgart ganz sicher zur ersten Elf gehören würden. Dort allerdings ganz bestimmt. Denn der VfB ist nach dem Meistertitel von 2007 langsam nach unten durchgereicht worden. Tiefpunkt ist der Abstieg 2016. Ein Jahr danach sind die Stuttgarter ein Aufsteiger mit großen Ansprüchen. Die haben sie mit dem Rauswurf ihres Sportvorstandes Jan Schindelmeiser kurz vor dem Saisonstart unterstrichen.

Noch ist der VfB nicht wieder da, wo er sich selbst am liebsten sieht. Wer aus den Spielern, die im zurückliegenden Jahrzehnt das Stuttgarter Trikot getragen haben, eine Mannschaft bastelt, der hätte eine erste Elf, die viel mehr als den Klassenerhalt anpeilen dürfte.

Aus diesem Stoff, aus der Erinnerung an die schönen Zeiten, basteln sich die Anhänger der sogenannten Traditionsklubs ihre Vorstellung von der wahren Klasse ihrer Vereine. Das verzerrt schon mal die Wahrnehmung, weil Wunsch, Erinnerung und Realität selten eine zielführende Verbindung eingehen. Nicht selten sind die Funktionäre solcher Klubs ebenfalls vom Virus der Vergangenheitsverklärung befallen, so dass sie gelegentlich nicht mehr mitbekommen, wie sehr sich das Aufgebot an fußballerischen Spitzenkräften gewandelt hat. Die Funktionäre rennen dann ebenso unerreichbaren Zielen nach. Der Hamburger SV ist dafür ein schönes Beispiel. 2007 kommt er auf Platz sieben in der Tabelle an. Er hält sich auch deshalb immer noch für den geborenen Herausforderer von Bayern München. Seine Elf des Jahrzehnts zwischen 2007 und 2017 wird tatsächlich hohen Ansprüchen gerecht. Zehn der elf besten Spieler aber sind inzwischen bei anderen Vereinen unter Vertrag. Auch das erklärt, weshalb der HSV in den vergangenen Spielzeiten in unschöner Regelmäßigkeit mit Behauptungsarbeit im Abstiegskampf beschäftigt ist. Es ist immer noch nicht ganz klar, ob die wichtigen Leute im Club das vollends begriffen haben.

Zu den wichtigen Leuten gehört nämlich seit Jahren der schwer reiche Investor Klaus-Michael Kühne. Den kann man sich als ausgesprochenen Fan mit einem ganz dicken Konto vorstellen. Von diesem Konto fließt das Geld, das den HSV am Leben hält. Kühne glaubt aber auch, mit diesem Geld die überdrehten Träume am Leben erhalten zu können. Die wiederum träumt er als Fan. Und sie handeln von Europapokalsiegen, Meisterschaften und Real Madrid. Das bleibt vermutlich auf Jahre das größte Probleme des Vereins, der als einziges Bundesliga-Gründungsmitglied noch nie abgestiegen ist.

Andere Traditionsklubs erfinden sich in diesem Jahrzehnt neu. Borussia Mönchengladbach zum Beispiel. Der Absteiger von 2007 definiert sich ein paar Spielzeiten als Pendler zwischen den Welten erste und zweite Liga. Erst das überstandene Relegationsspiel gegen den VfL Bochum 2011 bringt den Verein dauerhaft aus dem Keller. Er betreibt eine kluge Personalpolitik, landet immer wieder im vorderen Drittel. Aber er lässt sich nicht dazu verleiten, seine Ziele an den goldenen Zeiten der 1970erJahre zu orientieren. Fünf Meistertitel in einem Jahrzehnt gibt es zwischen 2007 und 2017 nicht. Und niemand glaubt, dass es sie zwischen 2017 und 2027 geben wird. Dafür herrscht wohltuende Beständigkeit. Die Elf des Jahrzehnts zeigt das. Einige große Spieler sind nicht zu halten gewesen, das Gerüst dieser Mannschaft aber hält, und die Zugänge halten das Qualitätsniveau hoch. Gladbachs Transfermodell ist Resultat eines abgeklärten Blicks auf den Markt. Die niederrheinische Borussia hat sich auch wirtschaftlich im oberen Drittel angesiedelt. Aber sie muss damit leben, den Großen zuzuarbeiten. Dass Marco Reus nach Dortmund, Granit Xhaka zu Arsenal und Marc-André ter Stegen zum FC Barcelona gehen, können sie nicht verhindern. Sie sind damit ein Aus bildungsverein auf hohem Niveau geworden.

Mainz 05 muss 2007 mit Borussia Mönchengladbach in die zweite Liga. Anders als die Borussia verpasst Mainz den direkten Wiederaufstieg. Aber es überlebt sogar den Abschied von Trainer Jürgen Klopp, der unter Tränen 2008 zu Borussia Dortmund geht und eine Weltkarriere beginnt. Ein Jahr darauf ist Mainz wieder erstklassig. Das Geschäftsmodell ähnelt dem der Gladbacher. Mainz ist allerdings ein Ausbildungsverein mit entschieden geringeren Mitteln. Deshalb müssen die Mainzer immer wieder von vorn anfangen. Und es ist kein Wunder, dass nur zwei der aktuell besten Spieler des Jahrzehnts auch 2017 noch für den Verein auflaufen.

Der SC Freiburg ist der ausgeprägteste Ausbildungsverein der Bundesliga. Das Nachwuchsleistungszentrum im Breisgau produziert bereits Talente am Fließband, als die Konkurrenz noch nicht mal weiß, was ein Nachwuchsleistungszentrum ist. Alle Jahre wieder ersetzen die Freiburger ein halbes Team außerordentlicher Spieler. Am Ende der dann folgenden Saison sind sie trotzdem in der Regel noch in der Liga. Ausnahmen von dieser Regel gibt es auch in diesem Jahrzehnt. Abstiege aber werden umgehend repariert. Dass die Elf des Jahrzehnts aus Spielern besteht, die anderswo ihren Lebensunterhalt verdienen, ist natürlich kein Zufall.

Das Gegenbeispiel zum SC Freiburg ist der FC Bayern. Vor zehn Jahren dürfen sich die Münchner trotz der verlorenen Meisterschaft als Branchenführer fühlen. Daran hat sich nichts geändert - auch wenn die Zeiten der übergroßen Dominanz vielleicht vorbei sind. Alleingänge wie in den zurück liegenden fünf Jahren sind auch deshalb nicht zu erwarten, weil einige der ganz großen Spieler die Last der Jahre spüren. Dennoch gehören Franck Ribéry und Arjen Robben zu den festen Größen einer Elf des Jahrzehnts. Dass nur einer der Bayern-Stars dieser Dekade nicht in der Formation steht, spricht für die Gabe des Rekordmeisters, den Kader stets auf höchstem Niveau zu halten. Der eine Abgang wiegt dafür schwer. Toni Kroos organisiert unterdessen das Spiel des Champions-League-Siegers Real Madrid. Und es gibt sehr viele Experten, die es für einen großen Fehler halten, dass er nach der WM 2014 gehen durfte.