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DFB will auf Kollektivstrafen verzichten

Gewaltbereite Fans waren in Rostock von 1700 Polizisten sowie 300 Ordnern nicht zu stoppen.
Gewaltbereite Fans waren in Rostock von 1700 Polizisten sowie 300 Ordnern nicht zu stoppen. FOTO: dpa
Hannover. Nach den Ausschreitungen beim Pokalspiel in Rostock geht der Verband auf die Ultras zu. Gelöst sind die Probleme damit aber nicht. Carsten Lappe

Skandale und Korruption bei Verbänden, ausufernde Transfersummen, zunehmende Kommerzialisierung: Die Auswüchse des modernen Profifußballs widern einen Großteil der Fans immer mehr an. Vor allem die Ultras begehren auf - bis hin zu Gewaltexzessen in den Stadien. Die Angst vor immer schlimmeren Krawallen wächst. Kurz vor dem Start in die Bundesliga-Saison sind alle Warnungen und alle Hilferufe der Clubs ins Leere gelaufen. Spätestens seit den Ausschreitungen beim Skandalspiel Hansa Rostock gegen Hertha BSC am Montagabend im DFB-Pokal ist klar, dass der Fußball ein großes Problem hat. Erst jetzt will der DFB das Gespräch mit den über die kommerziellen Auswüchse erbosten Ultras intensivieren. "Wir müssen im Dialog Vertrauen aufbauen, Missverständnisse ausräumen und gemeinsam klare Linien und Grenzen festlegen", sagte DFB-Chef Reinhard Grindel am Mittwoch. Voraussetzung dafür: "Der Verzicht auf Gewalt."

Bislang offenbarte sich das ganze Dilemma der Hilflosigkeit von Vereinen und Verbänden in deren Uneinigkeit. Schon vor dem Wochenende hatten Bundesliga-Vertreter vor einer Gewalt-Eskalation gewarnt. "Ich glaube, dass die gesamte Pokalrunde unter Beobachtung steht", hatte Hannovers Sportchef Horst Heldt gesagt. "Wir stehen insgesamt vor einer gewissen Problematik, die wir in den Griff bekommen müssen."

Alle eint dabei die Forderung, dies gemeinsam mit dem DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Angriff nehmen zu müssen. Die Clubs stoßen an ihre Grenzen, vor allem im Umgang mit den gewaltbereiten Fans. Das machten die Ausschreitungen in Rostock deutlich. "Wenn man sieht, dass hier 1700 Polizisten und über 300 Ordner unterwegs waren, dass Spürhunde und HD-Kameras im Einsatz sind. Da wird im Bereich der Kontrolle alles getan, was getan werden kann. So etwas kann man sicher nur gesamtgesellschaftlich lösen, nicht allein als Drittligist", sagte Hansa-Chef Robert Marie nach der Randale beider Fangruppen aus Rostock und Berlin.

In Hannover ist das Problem ebenfalls groß. Dort versucht der Club nun, den gewaltbereiten Teil der Ultras aus dem Stadion zu drängen. Die Proteste gegen die Clubführung um Martin Kind waren zuletzt völlig aus dem Ruder gelaufen und in Ausschreitungen bei einem Testspiel in England gegipfelt. Der Dauerzwist mit den Fans zerstörte jegliche Euphorie beim Aufsteiger. Aus Protest gegen Kinds Pläne, die Anteilsmehrheit an der Profigesellschaft zu übernehmen, riefen die Fans zu einem Stimmungsboykott aus.

Zumindest beim DFB gibt es nun ein Umdenken. Auf sogenannte Kollektivstrafen für Fans nach Krawallen soll vorerst verzichtet werden. "Bis auf Weiteres" wolle man "keine Sanktionen wie die Verhängung von Blocksperren, Teilausschlüssen oder Geisterspielen mehr", sagte DFB-Chef Grindel. Kurz vor der Bundestagswahl im September dürfte dies populistische Reaktionen provozieren, die darin ein Einknicken vor den Ultras sehen. Dabei könnte dies tatsächlich der Einstieg in einen ernsthaften Dialog sein. Denn die sogenannten Kollektivstrafen für die gesamte Fanschar eines Clubs bei Verfehlungen weniger haben schon viele kritisiert. Doch dies ist vielleicht das geringste Problem. Die Ursachen für die Wut der Ultras gehen tiefer und dürften auch nicht gemeinsam von DFL, DFB und den Clubs zu lösen sein. "Wir müssen die Entfremdung dieser Fans von den Vereinen verhindern", sagte HSV-Chef Heribert Bruchhagen.

Dabei ist die Entfremdung durch die ausufernde Kommerzialisierung kaum noch umkehrbar. Doch die Kritik scheint mit dem Wunsch nach sportlichem Erfolg der Clubs kaum vereinbar zu sein. "Wenn man 2017 Profifußball will, sind erhebliche finanzielle Mittel nötig", sagte DFL-Chef Seifert. "Man sollte den Menschen keinen Sand in die Augen streuen. Denn die Lücke zwischen der Kreisliga und einem 100-Mio-Transfer wird nie mehr geschlossen - weder durch die Clubs noch durch DFB oder DFL."

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Als erster hochrangiger Politiker in Deutschland kann sich Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) vorstellen, Pyrotechnik in bestimmten Stadion-Bereichen zu erlauben. Damit könnten lebensgefährliche Bengalos aus den Zuschauerrängen verbannt werden. "Wenn aber die Diskussion, ob wir Pyrotechnik in abgesperrten Bereichen zulassen wollen, dabei hilft, die Situation zu befrieden, dann bin ich dazu bereit", sagte Pistorius im niedersächsischen Landtag in Hannover. Ganz anders sieht es Bayerns Innenminister Joachim Herrmann: "Pyrotechnik hat in unseren Fußballstadien nichts verloren. Daran gibt es nichts zu rütteln", sagte der CSU-Politiker. Es sei naiv zu glauben, das Probleme mit gewaltbereiten Chaoten auf diese Weise gelöst werden könnten.