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Sport
Der schwerste Kampf des Lothar Thoms

Cottbus. Dem einst weltbesten Bahnradsportler musste der linke Unterschenkel amputiert werden. Nicht der erste Schicksalsschlag für Lothar Thoms. Doch der Cottbuser kämpft. Sven Hering / sh

"Alle sollen es wissen, was mit mir passiert ist: meine Kumpels, die Radsportler, meine Fans." Lothar Thoms, noch immer eine Radsport-Legende, hat von sich aus die Öffentlichkeit gesucht und die RUNDSCHAU zum Gespräch gebeten. Und so erzählt er, im Krankenbett im Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum, von den zurückliegenden Wochen, die ihm eine der schwierigsten Entscheidungen seines Lebens abverlangt haben. Nach einer schweren Nekrose, also dem Absterben von Gewebezellen, musste sein linker Unterschenkel amputiert werden. "Meine linke Ferse wurde zunächst ganz schwarz, dann wurde sogar der Knochen regelrecht zerfressen", erzählt der 61-Jährige, der seit Jahren an Diabetes leidet. "Ich wollte nicht mehr warten, ich wollte wenigstens mein Knie retten", betont er. Alle Versuche, die Nekrose zu stoppen, waren erfolglos geblieben. Thoms: "Es war eine Entscheidung auf Leben und Tod."

Und das nicht zum ersten Mal. Im Jahr 2002 hatte Thoms einen Schlaganfall erlitten. Dieser warf den einst schier unschlagbaren Radsportler, der zwischen 1977 und 1981 viermal in Folge den Weltmeister-Titel über die 1000 Meter gewann und sich 1980 in Moskau die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen holte, aber nicht aus der Bahn. Ganz im Gegenteil. Thoms kämpfte sich zurück. Er leitete fortan sogar eine Selbsthilfegruppe, um anderen Betroffenen Mut zu geben. Selbst vom Krankenbett aus, gerade mal ein paar Tage nach der Operation, denkt er an diese Aufgabe. "Meine Stellvertreterin kümmert sich jetzt erstmal um alles, das läuft schon. Am Jahresende werden wir dann sehen, wie es weitergeht." Der Schlaganfall hat beim einstigen Spitzensportler Spuren hinterlassen. "Ich kann mein rechtes Bein vielleicht noch zu 50 Prozent belasten", sagt Thoms. Das macht die Situation für den gebürtigen Gubener nicht einfacher. Zwar wird er schon bald eine Prothese für sein linkes Bein bekommen. Doch weil sein rechtes Bein nicht die volle Unterstützung geben kann, richtet sich Thoms auf eine langwierige Reha ein.

Einfach hatte er es ohnehin nicht in seinem Leben. "Bei neun Geschwistern musste man sich schon ordentlich durchsetzen", erzählt er. Es folgte der zeitige Abschied von Zuhause. "Wenn ich einmal Weltmeister werden will, muss ich auf die Sportschule", sagte sich der damals 15-Jährige. Erste Versuche auf der Straße bei Eberhard Pöschke waren von wenig Erfolg gekrönt. "Mit dem Thoms kannst du hier nichts anfangen, haben die Trainer gesagt", erinnert er sich.

Also wechselte er auf die Bahn. Als Sprinter stellte er sich recht passabel an. Doch Thoms hatte schnell eine andere Leidenschaft für sich entdeckt: das 1000-Meter-Zeitfahren. Als er ankündigte, sich auf diese Disziplin zu konzentrieren, sei er von einigen seiner damaligen Mitstreiter belächelt worden. "Zwei Jahre später", so der 61-Jährige, "war ich Weltmeister." Und er schiebt hinterher: "Damals habe ich es allen gezeigt." Sein erster WM-Titel in Venezuela fiel mit einer anderen Spitzenleistung zusammen: dem legendären Sprung von Rosemarie Ackermann. "Die Rosi hatte an dem Tag, an dem ich Weltmeister wurde, die zwei Meter übersprungen. Wir beide waren dann am nächsten Tag auf der Titelseite der RUNDSCHAU."

Willensstärke und die Fähigkeit, sich voll auf ein Ziel zu fokussieren, zeichneten den Sportler Lothar Thoms aus. Hilft ihm das jetzt auch, wo er sich wieder schinden muss, demnächst in der Reha, wenn es darum geht, wieder laufen zu lernen? Ist er da als Sportler im Vorteil? Als Weltmeister? Natürlich, könnte Lothar Thoms nun sagen, das alles seien Eigenschaften, von denen er profitieren würde, ohne Zweifel. Doch der frühere Leistungssportler antwortet, wie man ihn kennt, wie ihn seine Freunde schätzen. Direkt und ehrlich. "Quatsch. Ich will einfach wieder gesund werden. Das ist alles."

Ein Vorbild hat er dabei auch, einen Cottbuser Sportler, den vor ein paar Jahren ebenfalls ein Schicksalsschlag ereilt hat: Ronny Ziesmer. Bei einem Trainingssprung in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele verunglückte der Turner im Juli 2004 in Kienbaum schwer. Er brach sich die Halswirbelsäule in Höhe des fünften und sechsten Halswirbelkörpers und ist querschnittgelähmt. Doch Ziesmer hat sich zurückgekämpft. Mit dem Handbike hat er mehrfach am Berlin-Marathon teilgenommen. Mit dem Rennrollstuhl peilt er eine Teilnahme an den Paralympics an. Thoms spricht mit höchstem Respekt über diese Entwicklung. Und dann äußert er noch einen ganz speziellen Wunsch. "Vielleicht kann ich ja mal irgendwann gemeinsam mit Ronny einen Sonntagsausflug mit dem Hand bike machen", sagt er. Spätestens dann hätte der Weltmeister seinen schwersten Kampf erfolgreich bestritten. Er wäre zurück im Leben.

Zum Thema:
Lothar Thoms wurde am 18. Mai 1956 in Guben geboren. Seine größten Erfolge feierte er im Bahnradsport im 1000-Meter-Zeitfahren: 1980 wurde er in Moskau Olympiasieger. Von 1977 bis 1981 gewann er viermal den Weltmeistertitel in Folge - ein Erfolg, den im 1000-m-Zeitfahren nur der Franzose Arnaud Tournant von 1998 bis 2001 wiederholen konnte. Der Weltradsportverband Union Cycliste Internationale wählte Thoms 1981 zum "weltbesten Radsportler". Außerdem wurde er "DDR-Sportler des Jahres". Lothar Thoms startete für den SC Cottbus. Sein Trainer war Gerd Müller. Nach dem Ende seiner Laufbahn im Jahr 1985 arbeitete er als Sportfunktionär und nach dem Ende der DDR als Verwaltungsangestellter und als Physiotherapeut. (sh)