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Der Schattenmann ist wieder da

Andreas Klöden (r.) war stets loyaler Edelhelfer und Freund an der Seite von Jan Ullrich.
Andreas Klöden (r.) war stets loyaler Edelhelfer und Freund an der Seite von Jan Ullrich. FOTO: dpa
Cottbus. Ex-Radprofi Andreas Klöden (42) aus Forst hatte sich nach seinem abrupten Karriere-Ende vor vier Jahren endgültig zurückgezogen. Mit der RUNDSCHAU sprach der Tour-de-France-Zweite jetzt erstmals über Doping, den Medienboykott und sein neues Leben. Frank Noack

Plötzlich ist er wieder da im Profiradsport-Zirkus. Der ehemalige Forster Andreas Klöden zeigt sich nach mehrjähriger Abstinenz in diesen Tagen auffällig oft im Fahrerlager bei großen Rennen - und das hat gute Gründe. Auch beim Start der Tour de France am Samstag in Düsseldorf wird Klöden vor Ort sein. Aber mag er darüber sprechen? Immerhin hat der 42-jährige Ex-Profi seit 2008 die deutschen Medien boykottiert, weil er sich im Zuge von Dopinganschuldigungen gegen seinen damaligen Arbeitgeber, das Team T-Mobile, ungerecht behandelt fühlte. Kein Wort, keine Stellungnahme. Freundlich, aber energisch hat Klöden sämtliche Anfragen abgeblockt. Er wurde zum Schattenmann der Radsportszene.

Und trotzdem: Einen Versuch ist es wert, als Andreas Klöden bei den deutschen Straßenmeisterschaften in Chemnitz am knallroten Mannschaftswagen von Katusha-Alpecin zum Fachsimpeln auftaucht. Ob er für eine Geschichte in der Lausitzer RUNDSCHAU zu sprechen sei? Genauer gesagt, seine ganz persönliche Geschichte? "Klar, gern", lächelt Klöden.

Die "wilde Hilde", so sein Spitzname aus der angeblich ziemlich aufregenden Jugendzeit bei Dynamo Forst, sieht immer noch rank und schlank aus. Dass der am Bodensee in der Schweiz lebende Klöden jetzt wieder die Öffentlichkeit sucht, hat vor allem berufliche Gründe. Seit Februar ist er Markenbotschafter des Premium-Radherstellers Storck. Außerdem hat er gemeinsam mit dem gebürtigen Gubener Danilo Hondo eine Agentur begründet, die junge Fahrer berät. Und Klienten auf zwei Rädern lassen sich nun mal am besten direkt bei den Rennen rekrutieren.

Ein weiterer Grund für seine Rückkehr in die Öffentlichkeit sei aber auch, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen habe, versichert Klöden. In der Sache hält er jedoch an seinem damaligen Standpunkt fest. Er spricht von "falschen Anschuldigen", die verbreitet worden seien. Klöden war 16 Jahre lang als Radprofi aktiv - seine Karriere fand in der Hochzeit des Dopings und der Lügen statt. Fest steht: Im Abschlussbericht der Expertenkommission, die zur Aufklärung der Dopingvorwürfe gegen Ärzte der Abteilung Sportmedizin der Uni-Klinik Freiburg eingesetzt worden ist, tauchen 2009 auch Anschuldigungen gegen Klöden auf. Er soll sich vor dem Tour-Start 2006 in Freiburg Blutdoping unterzogen haben. Also in dem Jahr, als Jan Ullrich wegen seiner Kontakte zum Bluthändler Eufemiano Fuentes vom Team T-Mobile aus dem Rennen genommen wurde.

Mehrere Jahre später erzählt Andreas Klöden nun seine Sicht der Dinge. "Die Vorwürfe gegen mich wurden nie wirklich bewiesen. Ich konnte sagen, was ich wollte - ich wurde nicht wirklich gehört. Dass öffentliche Urteil, dass ich ein Doper war, stand fest." Deshalb habe er sich zum viel diskutierten Medienboykott entschlossen. Seine Begründung: "Die Diskussionen haben mich viel Energie gekostet. Ich war vom Kopf her nicht frei und habe Fehler auf dem Rad gemacht."

Obwohl Klöden der Prototyp des loyalen Edelhelfers war, kann er auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken. 2004 und 2006 war er Gesamtzweiter der Tour de France, hat Bronze bei Olympia geholt und Paris-Nizza sowie die Baskenland-Rundfahrt gewonnen. Experten sind der Meinung, dass Klöden mit etwas mehr Egoismus noch erfolgreicher hätte sein können. Doch die Rolle des Edelhelfers wollte er nie verlassen. Auch später nicht an der Seite von Alexander Winokurow beim Team Astana. Auch nicht als Helfer von Lance Armstrong bei RadioShack. Dass beide Rennställe ebenfalls Dopingschlagzeilen schrieben, hat der öffentlichen Reputation von Andreas Klöden weiter geschadet.

Trotzdem hat er sein Ding immer konsequent durchgezogen. Auch 2013, als der Kletterspezialist mit 38 Jahren überraschend das Ende seiner Karriere verkündete, weil er mit der Rennplanung bei RadioShack-Nissan nicht einverstanden war. Für die Öffentlichkeit war Klöden danach endgültig nicht mehr greifbar. Der Schattenmann tauchte ab. "Ich war komplett raus aus dem Radsport. Ich wollte Abstand haben und brauchte Zeit, um mich zu sammeln."

Inzwischen hat er wieder Freude am Radfahren, führt als Storck-Markenbotschafter Ausfahrten mit ambitionierten Hobbyradlern durch. Der Name An dreas Klöden besitzt zumindest in der Szene nach wie vor einen guten Ruf. Davon will er beim Aufbau der Agentur mit Danilo Hondo - seit Dezember 2016 Nationaltrainer der Schweiz - profitieren. Aufgeteilt haben sich die beiden Lausitzer den Job entsprechend ihrer früheren Stärken: Hondo soll sich um die Sprinter und Klassikerfahrer kümmern, Klöden um die Berg- und Rundfahrt-Spezialisten. "Ich habe in meiner Karriere gelernt, dass neben den Beinen auch der Kopf enorm wichtig ist. Gerade, wenn du in einem Tief steckst, musst du ruhig bleiben", erzählt Klöden.

Dafür muss der frühere Forster zurück in die Öffentlichkeit, zu der er aber nach wie vor ein schwieriges Verhältnis hat. Zum Beispiel kann Klöden nicht nachvollziehen, dass Fahrer wie der Kasache Winokurow oder Richard Virenque in Frankreich in ihrer Heimat als Helden verehrt werden und als TV-Experten begehrt sind, ein Jan Ullrich hierzulande aber verstoßen wird. Selbst ein Comeback des Tour-de-France-Siegers von 1997 als Sportlicher Leiter bei Rund um Köln wurde kürzlich wegen des öffentlichen Wirbels wieder abgeblasen. "Das macht mich traurig", sagt Klöden. "Irgendwann muss man auch mal einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen." So wie er selbst es jetzt mit der Rückkehr in die Öffentlichkeit getan hat.