| 16:13 Uhr

Der LEVYnator mit den sieben Schrauben (Video)

Maximilian Levy (l.) im Duell mit Robert Förstemann.
Maximilian Levy (l.) im Duell mit Robert Förstemann. FOTO: dpa
Berlin. Von wegen eine Schraube locker! Gerade einmal zwölf Tage nach seinem Schlüsselbeinbruch sitzt der Cottbuser Maximilian Levy schon wieder auf dem Rad - und gewinnt beim Sechstagerennen in Berlin gleich das erste Rennen. In der RUNDSCHAU erklärt Levy, warum ihm das Blitz-Comeback im Velodrom so wichtig ist. Aus Berlin berichtet Frank Noack

Den endgültigen Härtetest musste die durch einen Schlüsselbeinbruch lädierte Schulter von Maximilian Levy erst nach dem Rennen beim Lockerfahren der Beine auf der Rolle bestehen. Denn plötzlich stand Dr. Karsten Labs, der Arzt seines Vertrauens, neben dem vierfachen Weltmeister aus Cottbus und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Nicht irgendeine, sondern die erst vor zwölf Tagen operierte Schulter. "Keine Sorge! Sieben Schrauben, eine Titanplatte - die Schulter hält", beantwortete der Mediziner die besorgten Blicke der Reporter.

Wie gut sie hält, hatte Levy zuvor auf dem Holzoval des Velodroms gleich beim Auftakt des 106. Berliner Sechstagerennens unter Beweis gestellt und mit seinem Sieg im Rundenrekordfahren der Sprinter die Fans zu Beifallsstürmen hingerissen.

Nur zwölf Tage nach der Schlüsselbein-Operation am Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin saß der 29-Jährige nicht nur schon wieder auf dem Rad, sondern zeigte der Konkurrenz gleich mal, wo die Titanplatte hängt: nämlich oben auf dem Siegerpodest. "Großer Respekt! Das kannst du eigentlich niemandem erzählen. Aber wir Sprinter sind eben Rampensäue", sagt Levys Konkurrent Robert Förstemann, der in diesem Rennen auf Rang zwei fuhr und später das Sprintfinale gegen Levy gewann.

Eine Titanplatte, sieben Schrauben und ganz viel Wille - diese Rechnung wurde für den Olympia-Zweiten im Keirin von 2012 in London zur Erfolgsformel. "Wenn du Radrennen gewinnen willst, ist es nie leicht. Wichtig ist, dass du keine Angst hast", meint Levy mit Blick auf die ganz besonderen Umstände dieses Sieges im Velodrom.

Trotz seines schweren Sturzes am 7. Januar beim Training auf der Radrennbahn in Frankfurt (Oder) wollte der gebürtige Berliner vor seinem Heimpublikum unbedingt starten. Bei Tempo 70 war ihm in der Kurve der Reifen seines Vorderreifens geplatzt. Levy zog sich dabei nicht nur einen Bruch des linken Schlüsselbeins zu, sondern auch groß flächige Abschürfungen an der Schulter und am Arm.

Als der erste Schreck überwunden war, rief er ganz cool den Arzt seines Vertrauens an und machte noch für denselben Nachmittag den Operationstermin bei Dr. Karsten Labs in Berlin klar. "Ich kenne ja die Schultern von Max mittlerweile in- und auswendig", lacht der Mediziner.

In der Tat ist die Krankenakte inzwischen fast so lang wie die Liste der Erfolge des zweifachen Familienvaters (Tessa 3, Mila 1). 2010 - Bruch des linken Schlüsselbeins bei der Europameisterschaft in Polen. 2014 - Bruch des rechten Schlüsselbeins bei der Weltmeisterschaft in Kolumbien. Wegen einer Wundinfektion verzögerte sich die Heilung. Erst nach den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr wurde Levy die Titanplatte entfernt. Natürlich vom Arzt seines Vertrauens.

Und nun, im Jahr 2017, also wieder die linke Schulter. "Wir haben ja den Nater hier im Feld", sagt Maximilian Levy in Anlehnung an den Spitznamen seines Konkurrenten Nate Koch aus den USA. "Und ich bin eben der Terminator." Quasi der LEVYnator.

Die Unerschrockenheit, mit der Levy zwölf Tage nach der Operation schon wieder um die Bahn rast, ist bei Bundestrainer Detlef Uibel dem Vernehmen nach nicht ganz so gut angekommen. Immerhin steht in diesem Jahr auch eine Weltmeisterschaft auf dem Programm. Doch Levy wollte das Blitz-Comeback mit aller Macht. Weil es eben Berlin war. Und ja, weil es dabei auch Geld zu verdienen gibt. Vor allem aber wollte er es für seinen Kopf. "Ich brauchte dieses kurzfristige Ziel, um erst gar nicht in den Couch-Modus zu verfallen. Damit der Kopf erst gar nicht anfängt zu zweifeln", sagt er.

Natürlich tut ein solches Blitz-Comeback auch weh. Über seinen lädierten linken Arm hat Levy einen schwarzen Überzieher gestreift, um die großflächigen Schürfwunden zu verbergen. Und auch seine Fahrweise hat er ein wenig dem aktuellen Zustand des lädierten Körpers angepasst. Beispielsweise holt er bei der Beschleunigung seines Karbonrades länger Schwung als sonst, um nicht ganz so doll am Lenker reißen zu müssen. Trotz dieser Schmerzen macht es Levy sichtlich Spaß. Als Unter malung hat er sich bei seiner Rundenrekordjagd den Song "I'm the Leader of the Gang" von Gary Glitter gewünscht. Und irgendwie ist Levy ja auch der Anführer der Sprintergruppe in Berlin.

Was nur wenige in der Halle wissen: Unter dem hautengen Trikot verbirgt der Cottbuser derzeit auch noch eine faust große Beule an der linken Hüfte. Beim Sturz in Frankfurt (Oder) ist offenbar die Bauchmuskulatur in dem Bereich über dem Becken ein Stück aufgerissen. Das ergab die Konsultation der Bahnärztin nach dem ersten Rennabend. Levy wird trotzdem in Berlin weiterfahren. "Mein Körper findet dafür schon eine Lösung."