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| 14:55 Uhr

Nachruf
Der „Lausitzer Sportscheinwerfer“ ist erloschen

Hajo Schulze (l.) im Jahr 2010 bei der Vorstellung seines Buches „500 Asse – Lausitzer Sportler-ABC“. Mit dabei waren seinerzeit Sportreporter Heinz Florian Oertel und als Moderatorin Schulzes Tochter Marion Hirche.
Hajo Schulze (l.) im Jahr 2010 bei der Vorstellung seines Buches „500 Asse – Lausitzer Sportler-ABC“. Mit dabei waren seinerzeit Sportreporter Heinz Florian Oertel und als Moderatorin Schulzes Tochter Marion Hirche. FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Die Lausitzer Sportfamilie trauert um Hans-Joachim (Hajo) Schulze. Sportreporter-Legende Heinz Florian Oertel verliert seinen „ältesten Cottbuser Freund und Wegbegleiter“. Von Christian Taubert

Eine gute Freundin hat vor Jahren einmal zu mir gesagt: „Ich hätte meiner Mutter noch so viel sagen wollen, und jetzt ist sie tot.“ Genauso geht es mir mit Hajo. Immer wieder hatte ich es verschoben, das Urgestein des Cottbuser Journalismus (nicht nur Sportjournalismus) zu besuchen, mit ihm zu reden. Wenn wir es früher taten, habe ich stets von all dem profitiert, was Hajo Schulze über den Sport, die Lokalpolitik und die Menschen in Cottbus und Umgebung zu erzählen wusste. Am vergangenen Freitagnachmittag ist Hans-Joachim (Hajo) Schulze im Alter von 88 Jahren im Krankenhaus verstorben.

Mir und einer ganzen Region wird der Mann, der Jahrzehnte den „Lausitzer Sportscheinwerfer“ (seine Zeitungskolumne im NDPD-Blatt „Brandenburgische Neueste Nachrichten") drehte und trotz fortschreitender Krankheit nie vom Schreiben ablassen konnte, in ewiger Erinnerung bleiben. Auch der FC Energie Cottbus betrauert den Verlust des „Sportjournalisten der allerersten Stunde“. So schreibt der Fußball-Verein auf seiner Internetseite: „Hajo war kernig, sicher nicht immer einfach, aber stets fair, offen und ein echter Sportsmann. Seine markanten und knackigen Sprüche und seine ganz besondere Art werden uns allen fehlen.“

Auch der FC Energie Cottbus gedachte am Sonntag Hajo Schulze – mit einer Schweigeminute und Blumen an dessen Platz im Stadion.
Auch der FC Energie Cottbus gedachte am Sonntag Hajo Schulze – mit einer Schweigeminute und Blumen an dessen Platz im Stadion. FOTO: Steffen Beyer

Viel zu oft wird Hajo Schulze auf den Sportreporter reduziert. Einem Metier, in dem er in Cottbus Anfang der 1950er-Jahre mit seinem Jugendfreund Heinz Florian Oertel startete  und auf das er im Alter sein journalistisches Wirken begrenzte. Doch Hajo mischte viele Jahre auch in der Cottbuser Stadtpolitik mit. Er arbeitete für die „Lausitzer Rundschau“ als freier Mitarbeiter in der Lokalpolitik und natürlich im Sport. Für eine Arbeit im Redaktionskollektiv und dazu noch auf Linie einer Partei war Hajo nicht geboren. „Er ist ein Einzelkämpfer“, hatte seine Frau Brunhilde einmal gesagt. So wie sein großes Vorbild Heinz Florian, der längst nach Berlin gegangen und in die große Welt des Sport eingetaucht war, baute Hajo seine Karriere als freier Journalist in der Lausitz auf.

So war der gebürtige Cottbuser mit seiner aktuellen Sportberichterstattung im Radio zu hören und versorgte die RUNDSCHAU sowie die Zeitungen der Blockparteien in der DDR mit Inhalten, die oft nur unter dem Kürzel „hjs“ veröffentlicht wurden. Wenn Hajos große Liebe auch der Fußball und Energie Cottbus waren – beim Eishockey in Weißwasser, den Hockeyspielern von Lok RAW Cottbus, den Tröbitzer Federballern oder bei den Billardkeglern von Leuthen-Oßnig und den RAW-Turnieranglern war Hajo ebenso zu Hause. Er „kramte“ Geschichten aus, von denen nur er erfahren hatte. „Kaupen-Schulze“ – wie er liebevoll genannt wurde, weil seine Kontakte bis in die untersten Kreisklassen reichten – war eine Institution in der Lausitz.

An seinen Kindern Marion (freie RUNDSCHAU-Autorin) und Gunnar konnte die Passion gar nicht vorbei gehen. „Egal, welche Familienfeier es auch war, am Sonntag musste Vater ans Telefon und an die Schreibmaschine“, hatte Gunnar einmal geschildert, was im Hause Schulze Priorität hatte. „Auf seine Berichte wartete eine ganze Region.“

„Ich bin tief traurig.“ Heinz Florian Oertel sagt das am Sonntag beim Anruf der RUNDSCHAU. „Hajo war mein ältester Cottbuser Freund und Wegbegleiter.“ Sofort erinnert er sich daran, wie beide unterwegs waren, um in den 1950er-Jahren von den Spielen der Briesker Fußball-Knappen zu berichten. Und der 90-Jährige weiß noch ganz genau, wie nach dem Krieg die journalistische Laufbahn der beiden Cottbuser Jungen begann. „Wir schrieben unsere Geschichten auf der Schreibmaschine und hängten sie in einen Schaukasten in der Nähe des heutigen Glad-Houses auf“, erinnert sich Oertel. Danach hätten sie sich versteckt, um zu schauen, ob die Texte auch gelesen werden. „Ich glaube, es  waren nicht viele.“

Hajo Schulze hatte RUNDSCHAU-Reporter Sven Hering während der Präsentation seines zweiten Lausitzer Sportbuches 2010 erzählt, dass die Freunde in dem Schaukasten zwei Jahre kontinuierlich die neuesten Sportergebnisse präsentiert hätten. „Die Arbeiter, auf dem Weg zu ihrer Fabrik, standen manchmal früh um vier mit Taschenlampe oder Kerze vor dem Kasten“, schilderte Hajo.

Mit jenem Buch „500 Asse – Lausitzer Sportler-ABC“ hat Hajo Schulze sich und dem Sport der Region ein Denkmal gesetzt. Denn was der Sportjournalist über mehrere Jahre aufgearbeitet hatte, ist zum großen Teil nicht im Internet zu recherchieren. Das kommt aus Schulzes Privat-Archiv. An der Seite des bereits gesundheitlich angeschlagenen Kämpfers hat ihn Ehefrau Brunhilde bei den geschätzt 5000 Recherche-Telefonaten stets unterstützt.

Dass Jugendfreund und Sportreporter-Legende Heinz Florian zur Buch-Vorstellung kam – nichts hätte Hajo mehr freuen können. Und wenn die beiden ins Geschichten-Erzählen gekommen waren, wurde es stets auch lustig. So zollte Oertel Respekt, dass sich Hajo auf Computer und sogar eine eigene, gut besuchte – weil stets aktuelle – Internetseite eingelassen habe. Oertel: „Ich schreibe noch immer auf einer Schreibmaschine aus Sömmerda, Baujahr 1938.“

Ihm und der Lausitzer Sportfamilie wird Hajo Schulze sehr fehlen.