ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:39 Uhr

Der Joker von Mühlberg

In ihrem Element: Die 12-jährige Leonie Reiß vom RV Mühlberg rudert seit ihrem 8. Lebensjahr. Ihre Lieblingsstrecke sind die 1000 Meter.
In ihrem Element: Die 12-jährige Leonie Reiß vom RV Mühlberg rudert seit ihrem 8. Lebensjahr. Ihre Lieblingsstrecke sind die 1000 Meter. FOTO: Steven Wiesner
Mühlberg. Die RUNDSCHAU stellt in dieser Serie hoffnungsvolle Lausitzer Talente vor. Heute: Ruderin Leonie Reiß aus Mühlberg. Steven Wiesner

Als Leonie Reiß zum letzten Mal ein Rennen im Einerboot verloren hat, war Stefan Krämer noch Trainer von Energie Cottbus, die USA wurden noch von Barack Obama regiert und manche hatten tatsächlich noch die Hoffnung, dass der Berliner Flughafen BER vor 2017 fertig werden würde. Mit anderen Worten: Es ist verdammt lange her. Genau genommen geschah es im September 2015, dass Leonie letztmals von einer Gegnerin überholt wurde. Ganze 25 Rennen sind seither gerudert worden - und die 12-jährige Mühlbergerin hat sie allesamt gewonnen. Dass sie die Nase deswegen ein paar Etagen zu hoch trägt und selbstherrlich durch die Gegend stolziert, kann man aber nicht behaupten. "Ich bin trotzdem vor jedem Rennen aufgeregt", sagt sie selbst. "Ich kenne viele Gegner vorher ja auch noch nicht."

Wenn Leonie Reiß so weitermacht, wird man sie aber bald kennen. "Sie ist ein Talent", sagt ihr Trainer Jürgen Besser. "Man hat immer einen Joker, wenn man bei einer Regatta noch nichts gewonnen hat, aber weiß, dass Leonie noch nicht auf dem Wasser war."

Als sich die junge Blondine das erste Mal aufs Wasser begeben hat, war sie acht Jahre alt. Nach kurzen Stippvisiten beim Tennis und Reiten wurde sie von ihrem Bruder Stephan Risse, der bereits beim RV Mühlberg ruderte, mit zum Hafen genommen und mit dem Ruder-Virus infiziert. "Ich hatte nachmittags nichts zu tun und bin einfach mal mit. Und ich fand es dann so cool, dass ich dabei geblieben bin", sagt Leonie. Ein Segen für den Mühlberger Rudersport und die beiden Brüder Uwe und Jürgen Besser, die sich seither um die Förderung ihres Rohdiamanten verdient gemacht haben. Mit einer Körpergröße von bereits 1,64 Meter bringt Leonie Reiß auch optimale Anlagen mit, um ihr acht Meter langes Boot zu kontrollieren und die zwei Meter langen Skulls kraftvoll durchs Wasser zu ziehen. Wahrscheinlich könnte Leonie, die nach den Ferien die 7. Klasse auf einem Gymnasium in Riesa besuchen wird, so manchem Jungen in ihrem Alter auch schon Probleme beim Armdrücken bereiten.

Nur mit Kraft und Ausdauer bleibt aber niemand fast zwei Jahre ungeschlagen im Ruderboot. Die Technik und das notwendige Geschick im Umgang mit den Skulls sind nicht minder bedeutsam. Leonie: "Das eine bedingt das andere. Wer nur Kraft hat, aber keine Technik, bleibt genauso unerfolgreich wie jemand, der nur Technik hat, aber keine Kraft."

In Mühlberg, dem südwestlichsten Zipfel des Elbe-Elster-Kreises, wo Sachsen Brandenburg küsst, weiß man um die Stärke seiner Ruderer. Manche behaupten sogar, dass in der 4000-Einwohner-Stadt kein sonstiger Sport vorzeigbar wäre. Und tatsächlich muss man hinter dem RVM und den Fußballern von Empor Mühlberg, die dieses Jahr in der Kreisliga Südbrandenburg Sechster geworden sind, erstmal nach vereinsmäßig organisiertem Sport suchen. Auch Leonies Papa Jörg Risse hat Fußball gespielt bei Empor und sagt: "Viel Auswahl gibt es nicht. Natürlich spielen auch ein paar Mädels Fußball, aber beim Rudern haben sie schon größere Chancen."

Vor allem seine Tochter, für die schon vier Landesmeistertitel auf der Habenseite stehen, hat die Chance, sich beim Rudern zu verwirklichen und sich vielleicht auch mal für die eine oder andere Auswahlmannschaft interessant zu machen. Allerdings denkt man bei Familie Reiß noch gar nicht daran, was irgendwann mal sein könnte. Profisport? Nationalmannschaft? Olympia? Das spielt in den Gedanken von Leonie noch keine Rolle. Sie denkt eigentlich nur von Wettkampf zu Wettkampf und von Ruderschlag zu Ruderschlag.

Ihren Sport begreift Leonie Reiß als Spaß und nicht als Pflichtprogramm. Sie kann aber auch ehrgeizig. "Im Zweierboot mit Partner gewinnt sie ja nicht jedes Rennen und das nervt sie dann schon, wenn sie nach Hause kommt", sagt Jörg Risse. "Es wäre auch nicht gut, wenn sie gar keine Negativerfahrungen macht." Trainer Jürgen Besser ist davon überzeugt, dass sie irgendwann auch wieder im Einer verlieren wird. "Leonie wird noch ihre Meister finden." Die Frage ist nur, wer dann US-Präsident ist.

Zum Thema:
Die RUNDSCHAU will es wissen: Wo sind in der Lausitz die Talente versteckt, die eines Tages für Deutschland die olympischen Medaillen aus dem Feuer holen? Haben Sie in Ihrem Verein Mädchen oder Jungen, die schon früh erkennen lassen, dass sie eines Tages die Nachfolger von Diskus-Olympiasieger Christoph Harting oder Bahnrad-Weltmeister Maximilian Levy oder Leichtathletik-Europameisterin Antje Möldner-Schmidt werden könnten? Wir wollen diese Talente kennenlernen. Bitte schreiben Sie uns eine E-Mail an: sport@lr-online.de. Betreff: Lausitzer Talente.

Zum Thema:
Alter: 12 Verein: RV MühlbergTrainer: Jürgen Besser Vorbilder: Stephan RisseGrößte Erfolge: alle vier LandesmeistertitelGrößtes Ziel: sich bei deutschlandweiten Regatten etablierenWeitere Hobbies: Fahrrad fahrenLieblingsessen: SpaghettiIn diesen sozialen Netzwerken zu finden: -