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| 20:35 Uhr

Radsport
Der Große Preis der Tränen


Maximilian Levy belegte im Sprint genau wie Emma Hinze Rang zwei.
Maximilian Levy belegte im Sprint genau wie Emma Hinze Rang zwei. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Beim ersten Rennen nach der schweren Verletzung von Kristina Vogel zählt vor allem die Aufarbeitung des Dramas. Die Platzierungen sind zwar unwichtig, aus Cottbuser Sicht aber gut. Von Frank Noack

Es gab wohl noch nie einen Wettkampf auf der Radrennbahn in Cottbus, bei dem die Ergebnisse und Platzierungen so nebensächlich waren wie beim Großen Preis von Deutschland an diesem Wochenende. Viele der Beteiligten haben seit Dienstag und dem folgenschweren Sturz von Olympiasiegerin Kristina Vogel mit ihren  Emotionen zu kämpfen. Und mit den Tränen. „Es geht heute leider nicht nur um Sport. Wir stehen alle noch unter Schock“, erklärte Bundestrainer Detlef Uibel in seiner emotionalen Ansprache an das Publikum.

Kristina Vogel (27) war am Dienstag im Training mit voller Geschwindigkeit auf einen Nachwuchsfahrer aufgefahren und hatte sich dabei schwere Verletzungen der Wirbelsäule und im Brustbereich zugezogen. Sie wird derzeit im Unfall-Krankenhaus Marzahn intensivmedizinisch behandelt und liegt weiterhin im künstlichen Koma.

In Gedanken sind alle bei der schwer verletzten Olympiasiegerin. Die Blasmusik-Kapelle, die sonst für Stimmung sorgt, fehlt diesmal in der Kurve. Auch der Beifall ist dezenter.

Vogels Erdgas-Team um den Cottbuser Maximilian Levy hat unter dem Hashtag #staystrongkristina eine Crowd-Founding-Aktion zugunsten der Verunglückten initiiert. „Das Radrennen ist mir diesmal wirklich egal. Im Vordergrund steht, dass wir die Spendenaktion ins Bewusstsein der Leute rücken“, sagte Levy. „Es fällt schwer, sich zu konzentrieren. Es herrscht eine ­riesengroße Lethargie in uns.“

Viele Sportler, Trainer und Betreuer tragen neongelbe Armbinden, T-Shirts oder Kappen mit dem Schriftzug #staystrongkristina. Sie wurden über Nacht angefertigt – die Nachfrage ist am Freitag größer als der Vorrat.

Trotz des Sturz-Dramas hatte sich der RSC Cottbus in Absprache mit Bundestrainer Detlef Uibel und den Sportlern dazu entschlossen, den Großen Preis durchzuführen. Allerdings ist es den Athleten freigestellt, ob sie starten wollen. „Wir müssen in dieser Situation auch an jene Sportler denken, die den schrecklichen Unfall miterleben mussten. Sie sind zwar körperlich unversehrt, aber ihre Seelen sind schwer verletzt. Das kann ein langer Heilungsprozess werden“, sagt RSC-Präsident Berndt Kühner.

Wie außergewöhnlich das erste Rennen nach dem tragischen Sturz am Dienstag ist, hatte sich bereits am Freitagvormittag bei der Sprint-Qualifikation gezeigt. Der Start wurde wie angekündigt um einige Meter verlegt, damit die Sportler nicht exakt an jener Stelle auf der Gegengerade stehen mussten, wo sich der folgenschwere Zusammenprall ereignet hatte. Mit 12,700 Sekunden für die 200 Meter raste Levy zum Bahnrekord und zur persön­lichen Bestzeit auf Meereshöhe – obwohl er in den vergangenen Wochen vor allem im Ausdauer- und nicht im Kurzzeitbereich trainiert hat. Mit Trainingsmethodik ist seine Rekordfahrt also schwer zu erklären, sondern vor allem mit dem emotionalen Ausnahmezustand aufgrund des Leids der langjährigen Trainingskollegin. „Als ich früh auf die Bahn gekommen bin, standen mir die Tränen in den Augen. Und dann fahre ich so schnell wie noch nie in Cottbus. Dieses Ergebnis zeigt, was der Kopf möglich machen kann“, sagt Levy anschließend und kämpft erneut mit den Tränen. „Es war, als wäre Kristina bei mir gewesen.“

Die Platzierungen erscheinen an diesem Tag zwar unwichtig, aber sie sind gut. Denn mit Levy und Emma Hinze fahren zwei Cottbuser jeweils auf Platz zwei. Auf dem Podest gibt es dann zwar keine Tränen – das Lächeln fällt an diesem Freitagabend aber schwer.

FOTO: Frank Hammerschmidt
Auch Fahrer anderer Nationen tragen die Binde #staystrongkristina
Auch Fahrer anderer Nationen tragen die Binde #staystrongkristina FOTO: Frank Noack