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| 11:21 Uhr

Radsport
Der Europameister steigt aufs Tandem um

Mit dem EM-Titel der Steher feierte der Cottbuser Franz Schiewer kürzlich in Berlin den größten Erfolg seiner Karriere.
Mit dem EM-Titel der Steher feierte der Cottbuser Franz Schiewer kürzlich in Berlin den größten Erfolg seiner Karriere. FOTO: Frank Hammerschmidt / Hammerschmidt Frank
Cottbus. Steher-Champion Franz Schiewer startet jetzt im Paracycling und will zu Olympia. Es geht dabei um mehr als Sport. Frank Noack

Für diesen Europameister-Titel der Steher musste Franz Schiewer hart arbeiten. Er hat an ­seinem goldenen Samstagabend am 21. Oktober auf dem Velodrom in Berlin gegen die Schmerzen gekämpft, in den letzten der insgesamt 200 Runden nach Luft geschnappt und dann völlig entkräftet seine Goldmedaille mit zitternden Beinen entgegengenommen. Trotzdem – nach dem größten Erfolg ­seiner Radsport-Karriere überraschte Schiewer mit folgender Aussage: „Der Europameistertitel war zwar wahnsinnig emotional – aber eigentlich ist er nicht so super wichtig für mich.“

Genau genommen war diese Goldmedaille, wenn man das mit ­allem Respekt so sagen darf, ein Nebenprodukt in einem bewegten Jahr für Franz Schiewer. Denn im Vordergrund stand die berufliche Ausbildung bei der Landespolizei, die er inzwischen abgeschlossen hat. Seit dem 1. Oktober darf er sich, genau wie der EM-Dritte Stefan Schäfer (beide Endspurt Cottbus), Polizei-Kommissar nennen. Beide haben die Ausbildung im Rahmen eines dualen Studiums neben dem Radsport absolviert. „Das hat mir viel abverlangt. Es war ein schwerer Spagat“, erklärt Schiewer. „20 Stunden pro Woche fürs Studium hören sich zwar nicht so viel an. Trotzdem muss man ja nebenbei auch noch Rad fahren. Aber es ging um meinen Berufsabschluss. Das ist dann schon wichtiger als der Sport.“

Zumal es sich mit dem Stehersport um eine Disziplin handelt, die auch weiterhin ein Nischen­dasein fristet. Eine große Bühne wie kürzlich bei der EM in Berlin ist eher eine Ausnahme. Entsprechend schwierig gestaltet sich der sport­liche Alltag. In den vergangenen Jahren ­wurde Schiewer vom LKT Team Brandenburg unterstützt und dafür ist der Cottbuser auch sehr dankbar. „Seit diesem Jahr bin ich aber mehr oder weniger auf mich allein gestellt. Um Sponsoren muss ich mich selbst kümmern. Mit meinem Kumpel ­Martin Reimer habe ich zum Glück einen super Unterstützer gefunden.“ Außerdem ist Schiewer in der Sportfördergruppe der Landes­polizei.  „Mein Arbeitgeber ist quasi auch mein Hauptsponsor“, berichtet er. Bestandteil dieses beruf­lichen „Sponsoring-Vertrages“ ist ­jedoch auch, dass der Cottbuser seine sportlichen Prioritäten grundlegend verändern wird. Seit diesem Jahr ist er nämlich als Tandempilot im Paracycling, also dem Behindertensport, aktiv. Schiewer pilotiert Olaf Schulz (51) vom BPRSV Cottbus. Beide haben sich ein großes Ziel gesetzt: die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Schiewer sagt klipp und klar: „Paracycling ist künftig mein sportliches Hauptaugenmerk, da unterstützt mich die Landespolizei und gibt mir eine Lobby.“ Deshalb sei der Steher-Europameistertitel trotz aller Emotionalität eigentlich nicht so super wichtig, räumt er ein. „Abgerechnet werde ich nach dem Paracycling.“

Neben dem Wettbewerbs-Aspekt  reizt Schiewer auch die menschliche Herausforderung des Paracycling. Zwischen ihm und seinem Co-Piloten Olaf Schulz hat sich längst eine Freundschaft ent­wickelt, die über das sportliche Miteinander hinausgeht. Schulz war früher ­Hobby-Triathlet. Er hat drei Mal den Triathlon im fränkischen Roth gefinisht, also den weltweit größten Wettkampf auf der Langdistanz erfolgreich beendet. Mit 44 Jahren ereilte ihn dann eine Augenkrankheit. „Olaf hat jetzt nur noch ein Sichtfeld von drei Grad, normal sind etwa 180 Grad. Man kann diese Krankheit nicht stoppen oder heilen“, berichtet Schiewer. „Ich hoffe, dass wir noch einige schöne Jahre bis Olympia haben. Weil man merkt, wie der Mensch aufgeht und dass es deutlich wichtigere Sachen im Leben gibt als den Erfolg im Sport. Das ist eine soziale Komponente.“

Beide wissen jedoch, dass der Weg bis zu den Olympischen ­Spielen sehr weit ist. Das Nahziel ist jetzt erst einmal die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in Rio de Janeiro. In der laufenden Saison wurde das Duo durch eine weitere Erkrankung von Olaf Schulz ausgebremst, mehr als eine Rundfahrt in Polen war deshalb nicht drin. Und auch nur deshalb konnte Schiewer bei der EM in ­Berlin an den Start gehen und sich dort Steher-Gold holen. Denn die Teilnahme an einer solchen kontinentalen Meisterschaft und das Paracaycling schließen sich laut Reglement aus. Im Klartext: Die Teilnahme an der EM hat normalerweise eine automatische Sperre für die Paracycling-Saison zur Folge.

Mit dieser Problematik muss und will Franz Schiewer ab sofort leben. Künftig wird man ihn also viel ­seltener hinter den Schritt­macher-Maschinen sehen, weil er mehr auf dem Tandem mit Olaf Schulz unterwegs ist. Aber Schiewer hat sich ganz bewusst für diese neue ­Herausforderung entschieden. Und er profitiert auch selbst von der ­Partnerschaft mit Olaf Schulz auf dem Tandem: „Es klingt komisch, aber ich konnte selbst im Bereich Radsport einiges von ihm lernen, zum Beispiel Coolness und Gelassenheit. Der Mann hat schon ­richtig viel erlebt.“ Im Sport und auch im richtigen Leben.

Trainings-Selfie: Franz Schiewer (r.) mit Olaf Schulz.
Trainings-Selfie: Franz Schiewer (r.) mit Olaf Schulz. FOTO: Privat