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Turnen
Turn-Praktikant Jursch greift wieder an

Christopher Jursch arbeitet zweigleisig: Er kämpft um sein Comeback auf der internationalen Bühne und bereitet gleichzeitig seine berufliche Karriere vor.
Christopher Jursch arbeitet zweigleisig: Er kämpft um sein Comeback auf der internationalen Bühne und bereitet gleichzeitig seine berufliche Karriere vor. FOTO: Eibner / Imago
Cottbus. Christopher Jursch hat beim SC Cottbus ein überraschendes Comeback gefeiert. Nach langer Verletzungspause greift der ehemalige deutsche Reck-Meister wieder an. Allerdings plant der 25-Jährige zweigleisig - und übernimmt in der Trainingshalle eine neue Rolle. Jan Lehmann

Dieses Comeback kam überraschend. Der Cottbuser Nationalmannschaftsturner Christopher Jursch tauchte am vergangenen Wochenende plötzlich wieder in der Riege des SC Cottbus in der Deutschen Turnliga (DTL) auf. Bei der 23:50-Niederlage in Forst gegen den MTV Stuttgart absolvierte Jursch eine Übung am Pauschenpferd – sein erster Wettkampf seit dem Weltcup in Doha (Katar) im März.

Christopher Jursch erklärt sein Überraschungs-Comeback: „Eigentlich war das nicht geplant. Aber wir hatten zuvor ein kleines Ausscheidungstraining und weil wir zurzeit ja so unsere Personalsorgen haben, wurde ich fürs Pferd nominiert.“ Erwartungsgemäß konnte sich der Cottbuser dabei noch nicht zu einer Bestleistung aufschwingen, die 12,75 Punkte waren völlig normal nach der langen Pause.

Der 25-Jährige war im Mai an der Schulter operiert worden, eine Gelenklippe war abgerissen. Die Schulter ist quasi die Achillesferse für Turner, dieses Gelenk wird an allen Geräten extrem beansprucht und nicht wenige der Athleten haben darum auch immer wieder Probleme mit den Sehnen und Muskeln im Schulterbereich. Sein Teamkollege Devin Woitalla musste deshalb ebenfalls unters Messer, der deutsche Nationalmannschaftsturner Andreas Bretschneider wurde sogar an beiden Schultern operiert.

Entsprechend vorsichtig geht Jursch nun den Wiederaufbau an. Er ist zurzeit täglich in der Trainingshalle und arbeitet sich Schritt für Schritt voran. Er beschreibt: „Die Ringe fasse ich noch gar nicht an, am Sprung habe ich auch noch nichts gemacht. Am Reck pendle ich nur so rum. Dafür bin ich am Boden schon relativ weit, am besten funktioniert es schon am Pferd.“ Einen festen Zeitplan für seine vollständige Rückkehr hat sich Christopher Jursch nicht gemacht. Er will unnötigen Druck vermeiden und geht davon aus: „Ich werde in diesem Jahr wohl keinen Saisonhöhepunkt mehr mitnehmen können. Deswegen werde ich auch keine Risiko eingehen.“

Christopher Jursch gab im DTL-Wettkampf gegen Stuttgart sein Comeback nach siebenmonatiger Verletzungspause.
Christopher Jursch gab im DTL-Wettkampf gegen Stuttgart sein Comeback nach siebenmonatiger Verletzungspause. FOTO: Margit Jahn / LR

Auch das Turnier der Meister vom 23. bis 26. November, das als Turn-Weltcup die Weltelite nach Cottbus ziehen wird, ist für Jursch keine echte Option. Er sagt: „Ich hätte höchstens Chancen, am Pferd dabeizusein. Doch dort haben wir zurzeit in Deutschland einfach bessere Turner.“

Der 25-Jährige steht vorm Scheideweg. In der Nach-Hambüchen-Ära hatte er eigentlich gute Chancen, sich im Kern der Nationalmannschaft zu etablieren. Für die EM im April war Jursch sogar für den Mehrkampf vorgesehen, nur die Verletzung stoppte ihn damals. Doch nun muss man abwarten, ob der ehemalige deutsche Meister am Reck überhaupt noch einmal internationales Niveau erreicht. Das weiß der Cottbuser und plant deshalb zweigleisig. Als Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr ist er zurzeit zwar finanziell abgesichert. Dennoch hat Jursch ein Studium in Potsdam begonnen.

An der Fachhochschule für Sport und Management absolviert der Cottbuser seit Oktober ein duales Studium im Bereich Angewandte Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Leistungs- und Wettkampfsport. Praktisch: Die Studenten sind eine Woche pro Monat in Potsdam und verbringen die restliche Zeit an ihrem Praktikumsort. Das ist für Jursch der SC Cottbus und die Trainingshalle. Dort kann er sich vor Ort weiterbilden und gleichzeitig trainieren. Er sagt: „Das sind für mich natürlich ideale Studienbedingungen.“ Und sein Ziel ist auch klar: Jursch kann sich vorstellen, eines Tages als Trainer oder Lehrertrainer zu arbeiten. Er sagt: „Ich werde sowieso nie vom Turnen loskommen. Das will ich auch gar nicht. Und diesen Beruf kann ich mir sehr gut vorstellen.“

Doch vorher will der Praktikant noch einmal sportlich durchstarten. Dafür arbeitet er mit seinem Trainer Oleksandr Suprun und bekommt vom SC Cottbus viel Unterstützung. Womöglich führt ihn einer seiner nächsten großen Wettkämpfe dann dorthin, wo er zum letzten Mal auf internationalen Parkett geturnt hat: In Doha finden 2018 die Turn-Weltmeisterschaften statt. Der Weg bis dahin ist aber weit und führt als nächstes über den kleinen hessischen Luftkurort Biedenkopf. Der tritt der SC Cottbus am Samstag (18 Uhr) in der Deutschen Turnliga beim Hambüchen-Club KTV Obere Lahn an. Jursch sagt: „Ich fahre auf alle Fälle mit.“ Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass der Praktikant am Samstag auch wieder ans Pauschenpferd tritt.