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Radsport
Lausitzer Sport trauert um ein Idol

Lothar Thoms war  im 1000-Meter-Zeitfahren eine Klasse für sich. Den Olympiasieg in Moskau 1980 holte er sich mit neuem Weltrekord. Seinen WM-Titel verteidigte er vier Mal in Folge.
Lothar Thoms war  im 1000-Meter-Zeitfahren eine Klasse für sich. Den Olympiasieg in Moskau 1980 holte er sich mit neuem Weltrekord. Seinen WM-Titel verteidigte er vier Mal in Folge. FOTO: Karlheinz Friedrich, Leipzig / LR
Cottbus. Der Cottbuser Olympiasieger, vierfache Weltmeister und „Weltradsportler“ Lothar Thoms ist mit 61 Jahren gestorben. Viele Weggefährten aus dem Lausitzer Sport trauern um einen Freund. Von Jan Lehmann und Christian Taubert

Sein Platz beim Stammtisch der alten Radsporthaudegen bleibt nun für immer leer. Die Nachricht, dass der Bahnrad-Olympiasieger und vierfache Weltmeister Lothar Thoms am Sonntag in Forst im Alter von 61 Jahren verstorben ist, macht die Lausitzer Sportwelt traurig. Thoms, der seit Jahren unter Diabetes litt, war zuletzt der linke Unterschenkel amputiert worden. Auf ausdrücklichen Wunsch von Thoms hatte die RUNDSCHAU im September über diesen schweren Kampf des Radsport-Idols berichtet. Thoms sagte damals: „Ich will einfach wieder gesund werden. Das ist alles.“

Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Der „Weltradsportler des Jahres 1981“ hinterlässt eine Lebensgefährtin, zwei Kinder, ein Enkelkind und viele trauernde Weggefährten. Bernd Drogan (62), Straßen-Weltmeister von 1982, sagt am Dienstag: „Lothar und ich waren so lange Weggefährten. Ich werde mich immer daran erinnern, wie hart er für seine Erfolge gearbeitet hat.“

Thoms‘ ehemaliger Trainer Gerd Müller, der als Rentner in Burg lebt, kann das bestätigen. Der 75-Jährige berichtet: „Lothar kam aus ärmlichen Verhältnissen und musste sich alles erkämpfen. Seine große Stärke war es, dass er beim Wettkampf ans Äußerste gehen konnte. So hat er Radsport-Geschichte geschrieben.“ Müller, der den Cottbuser Bahnsprint zur weltweit beachteten Erfolgsmarke machte, betont: „Wir hatten über den Sport hinaus ein freundschaftliches Verhältnis. Lothars Tod schmerzt sehr.“

Lothar Thoms litt unter gesundheitlichen Problemen.
Lothar Thoms litt unter gesundheitlichen Problemen. FOTO: M. Behnke / LR

Auch Detlef Uibel, der heutige Bahnsprint-Medaillenschmied, trauert um einen Weggefährten. Der Bundestrainer übermittelt aus Manchester, wo ab Freitag der Weltcup stattfindet: „Diese Nachricht ist ein herber Schlag. Lothar war ein aufrechter  Mensch und  ein fairer Sportsmann. Er hat im Sport alles gegeben  und hat nach vielen privaten Schicksalsschlägen immer gekämpft und immer wieder Anschluss gefunden.“

Thoms Lebenslauf verlief nicht so geradlinig wie eine Radrennbahn. Nach der politischen Wende und dem Ende seiner Ehe kehrte er aus Berlin nach Cottbus zurück. Erst arbeitete er bei der Stadt, dann beim RSC Cottbus. Danach absolvierte er eine Ausbildung als Physiotherapeut, um wieder im Sportbereich zu arbeiten. Doch daraus wurde nichts, weil er 2002 einen Schlaganfall erlitt. Bernd Drogan erinnert sich: „Lothar hatte immer wieder gesundheitliche Probleme. Doch wie er sich immer wieder aufgerappelt hat, das war typisch für ihn.“

Bernd Kühner, Präsident des RSC Cottbus, erklärte: „Lothar war nicht nur ein äußerst erfolgreicher Sportler, sondern er hat dem Verein auch nach der Karriere etwas zurückgegeben. Er hat beispielsweise unsere Weltmeisterin Stephanie Gaumnitz trainiert. Stephanie wird nach ihrem Karriere-Ende am Freitag feierlich verabschiedet. Zu diesem Anlass werden unsere Gedanken natürlich auch bei Lothar sein.“

Beim Stammtisch der alten Radsportler beim RK Endspurt war Thoms ein gern gesehener Gast. Eberhard Pöschke berichtet am Dienstag: „Lothar ist immer da gewesen, bis zum Juni.“ Pöschke hat als Andenken an den Freund eine Bronzemedaille von einer EM in Warschau. Die hatte ihm sein ehemaliger Schützling zum 75. Geburtstag geschenkt. Sie ist auch eine kleine Erinnerung daran, dass Pöschke den gebürtigen Gubener einst als Straßenfahrer für zu schlecht befand und aus der Not heraus als Bahnsprinter einsetzte. „Damals habe ich es allen gezeigt“, berichtete Thoms zuletzt mit einer gewissen Portion Genugtuung gegenüber der RUNDSCHAU.

Nachtragend indes war er nicht. Im Gegenteil. Aus den Gesprächen mit Thoms’ Weggefährten wird stattdessen klar. Die Lausitz verliert ein sportliches Idol und vor allem einen ganz besonderen Charakter.