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| 15:12 Uhr

Henry Müller: „Wie Sechser im Lotto“
Cottbuser Referee bald in 2. Liga und im Video-Keller

 Der letzte Pfiff: In Osnabrück endet am 18. Mai 2019 die Drittliga-Karriere vom Cottbuser Henry Müller.
Der letzte Pfiff: In Osnabrück endet am 18. Mai 2019 die Drittliga-Karriere vom Cottbuser Henry Müller. FOTO: imago images / pmk / pmk, via www.imago-images.de
Cottbus. Der Cottbuser Henry Müller beendet seine Zeit als Drittliga-Schiedsrichter. Dafür ist er nun in der 2. Liga als Linienrichter und im Kölner Video-Keller im Einsatz. Im Interview spricht der 30-Jährige über seine Karriere und den Reiz der neuen Aufgaben. Von Sven Bock

Herr Müller, wie fällt Ihr persönliches Fazit aus nach drei Jahren als Schiedsrichter in der 3. Liga?

Müller Es war eine sehr erfahrungsreiche und tolle Zeit. Leider hat es nicht für den Aufstieg in die 2. Liga gereicht. Die erste Saison lief sehr gut, die zweite nicht ganz so gut und die letzte Spielzeit lief bis auf das erste Spiel auch wieder sehr gut, sodass ich nicht böse bin, sondern eher zufrieden darüber, dass es eine gute Zeit war.

Was waren Ihre Highlights?

Müller Spielemäßig hatte ich in der letzten Saison nochmal einen tollen Abschluss beim letzten Spieltag in Osnabrück gegen Unterhaching. Volles Stadion und die Meisterfeier: Das ist natürlich ein Highlight. Auch mein erstes Spiel in der 3. Liga zwischen Zwickau und Erfurt zähle ich dazu. Außerdem die tollen Freundschaftsspiele von Dynamo Dresden und RB Leipzig, zum Beispiel gegen die Glasgow Rangers (2017) und Galatasaray Istanbul (2019).

Und an welches Spiel möchten Sie nicht mehr gerne erinnert werden?

Müller Erfurt gegen Fortuna Köln. Da habe ich am Ende zwar die richtigen Entscheidungen getroffen. Aber die Wirkung nach außen war nicht optimal. Ich wollte unter anderem einen Strafstoß pfeifen, da zeigt mir mein Assistent an, dass es außerhalb war. Ich stehe aber schon am Elfmeterpunkt, sodass jeder denkt, ich pfeife Strafstoß. Dann wäre es nur Gelb für den Spieler gewesen. Da es aber außerhalb war, gab es Rot. Dann war der Spieler weg und ich musste mit dem Assistenten hin und her kommunizieren, bis wir endlich den Spieler hatten. Das sind unschöne Momente, wo man eigentlich alles richtig gemacht hat, aber es nach außen einfach katastrophal wirkt.

Für Sie geht es jetzt weiter als Assistenten-Spezialist. Was ist denn das?

Müller Seit Jahren ist es in der Bundesliga schon gang und gäbe, dass Kollegen nur noch als Assistenten fungieren. Die Arbeiten als Schiedsrichter oder Assistent sind einfach zwei komplett verschiedene Paar Schuhe. Die Spiele werden immer schneller. Das Eine ist das Agieren auf dem Platz mit den Spielern und das Erkennen von Fouls. Als Assistent zählt das Erkennen von Abseits dazu, oder wann meine Hilfe gebraucht wird. Da gibt es inzwischen getrennte Karrierelaufbahnen. Aufgrund meiner gezeigten Leistungen in den vergangenen drei Jahren habe ich einen dieser wenigen Plätze bekommen können. Das sind sehr spezielle und hochgradige Anforderungen an den Assistenten.

 Nicht mit mir: Henry Müller (r.) diskutiert nicht mit Kai Gehring von Großaspach. 29 Drittliga-Spiele hat er geleitet und dabei fünf Platzverweise verteilt.
Nicht mit mir: Henry Müller (r.) diskutiert nicht mit Kai Gehring von Großaspach. 29 Drittliga-Spiele hat er geleitet und dabei fünf Platzverweise verteilt. FOTO: imago images / foto2press / Frank Scheuring, via www.imago-i

Welche sind es genau?

Müller Hauptaugenmerk des Assistenten ist natürlich die Beurteilung von Abseitsszenen, wo es heutzutage enorm schwer ist, das überhaupt festzustellen. Das menschliche Auge ist ohnehin nicht dafür geeignet, das wahrzunehmen. Deswegen ist da auch ganz viel Bauchgefühl dabei. Wenn das Auge sagt, der Spieler steht knapp im Abseits, sagt aber das Bauchgefühl, aufgrund der Erfahrung von vielen Tausend Szenen, die man erlebt hat, dass es eine gegenläufige Bewegung war und der Spieler gar nicht im Abseits stehen kann. Spezielle Leistungsfeedbacks führen schließlich dazu, dass vielleicht spezielle Leute, die als Schiedsrichter aus der 3. Liga ausscheiden, zu Assistenten-Spezialisten werden.

Von außen betrachtet, könnte man den Wechsel von der Pfeife zur Fahne als Rückschritt sehen?

Müller Ich hätte natürlich gerne auch Spiele in der 2. Bundesliga geleitet. Aber was mir passiert ist, ist alles andere als ein Abstieg. Ich habe die Zeit in der 3. Liga als Glücksspiel gesehen und muss auch realistisch sagen, dass die Leistungen ok waren, aber nicht herausragend. Einen Platz als Assistenten-Spezialist zu bekommen, ist aber auch wie ein Sechser im Lotto.

Und Sie dürfen jetzt auch in den berühmten Video-Keller in Köln einziehen.

Müller Genau. Alle Schiedsrichter aus der vergangenen Drittliga-Saison haben eine Ausbildung als Video-Assistent absolviert. Ich darf ab der neuen Saison zwar noch nicht direkt als Video-Assistent, aber als Assistent des Video-Assistenten agieren. Das ist eine sehr spannende und interessante Aufgabe. Da freue ich mich riesig drauf, weil es wirklich eine komplett andere Sache ist, als Fußball zuhause vor dem Fernseher mit Freunden zu schauen.

Der Biergenuss im Keller ist hoffentlich auch geringer.

Müller Definitiv. (lacht) Das sind 90 Minuten volle Konzentration und Anspannung. Und manchmal auch ein Mitleiden von einem selbst, weil man nicht alle Entscheidungen zur richtigen Entscheidung korrigieren darf laut Fifa-Protokoll. Man darf nur einschreiten bei klaren Fehlentscheidungen. Wenn der Schiedsrichter ein Stoßen sieht und eine Entscheidung fällt, wir aber sehen, dass es anhand der Videobilder eigentlich nicht dafür ausreicht, dürfen wir nicht eingreifen.

In der letzten Saison gab es in der Bundesliga jede Menge Diskussionen um den Videobeweis. Wie sehen Sie bislang dieses Instrument?

Müller Ich sehe es als Riesenchance und Fortschritt für den Fußball. Wir haben riesige Fehlentscheidungen wie damals das Phantomtor von Stefan Kießling nicht mehr. Am Ende haben es nicht die Schiedsrichter entschieden, dass der Videobeweis eingeführt wird, sondern die Vereine. Mit dem Videobeweis haben wir ein unschlagbares Werkzeug geliefert. Es ist aber ein Trugschluss, dass durch die Videobilder jetzt 100 Prozent der Szenen aufgeklärt werden. Wir können nicht ausschließen, dass es weiter Szenen gibt, die von Menschen beurteilt werden. Das ist das Spannende und das, was der Fußballfan will und worüber es weiter Diskussionspotenzial geben wird.

Bekommen Sie dadurch nochmal einen anderen Blick auf das Spiel?

Müller Man muss sich immer wieder dazu zwingen, dass man nicht jeden Zweikampf zu genau auseinandernimmt. Man schaut aber schon genauer hin, als man es als Fernsehzuschauer macht. Man muss jetzt natürlich auch selbst agieren. Vor dem TV bekommt man Zeitlupen geliefert, jetzt ist man selbst gefragt, um aus den diversen Kameraeinstellungen Szenen zu erkennen und herauszufiltern, wo Vergehen vorgelegen haben könnten.

Was macht Ihnen mehr Spaß: auf dem Rasen stehen und Stadionatmosphäre spüren als Assistent oder im Keller sitzen?

Müller Eindeutig Stadion – dieses unbeschreibliche Gefühl der Stadion­atmosphäre macht einen gewissen Kick aus, den man vor den Monitoren niemals verspüren kann.

 Neuer Arbeitsplatz: Hier im Videoassistcenter in Köln wird Henry Müller in der kommenden Zweitliga-Saison Spiele begleiten.
Neuer Arbeitsplatz: Hier im Videoassistcenter in Köln wird Henry Müller in der kommenden Zweitliga-Saison Spiele begleiten. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd