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| 07:02 Uhr

Radsportlegende Lutz Heßlich
Ohne Schutzblech bis zum Regenbogen

 Noch immer gut in Form: Lutz Heßlich steht stolz in seinem Ladengeschäft in Cottbus. Am 17.01.2019 wird die Lausitzer Radsport-Legende 60 Jahre alt.
Noch immer gut in Form: Lutz Heßlich steht stolz in seinem Ladengeschäft in Cottbus. Am 17.01.2019 wird die Lausitzer Radsport-Legende 60 Jahre alt. FOTO: Frank Hammerschmidt
Cottbus. Er ist einer der größten Sportler der ehemaligen DDR – Lutz Heßlich. Heute wird die Lausitzer Radsport-Legende 60 Jahre alt. Die RUNDSCHAU blickt auf seine größten Erfolge zurück. Von Christian Taubert

Auf ein Rennen wird Lutz Heßlich seit Jahrzehnten immer wieder angesprochen: Es ist olympisches Sprint-Finale auf der Lärchenholzpiste von Moskau-Krylatskoje. Das Lausitzer Sprint-Ass muss in den dritten und entscheidenen Lauf um Gold gegen den Franzosen Yavé Cahard. Die Konkurrenten belauern sich. Das Publikum hält den Atem an. Da tritt Heßlich urplötzlich in die Pedale. Ehe Cahard reagiert, ist der Vorsprung riesengroß. Doch der Franzose gibt nicht auf. Das Velodrom steht Kopf.
Cahard kämpft sich immer dichter heran. Und Heßlich hält dagegen, auch wenn die Beine schwer wie Blei geworden sind: Olympiagold!

Wenn Lutz Heßlich heute seinen 60. Geburtstag mit Rennern, Freunden, Bekannten und der Familie feiert, Gratulanten im Cottbuser „Fahrrad-Center“ vorbei schauen, dann dürfte sein erstes Olympiagold natürlich wieder aktuell sein. Wenngleich die Medaille nur ein Mosaikstein unter den Trophäen ist, die im Fahrradgeschäft unter dickem Glas lagern und zu besichtigen sind. Immerhin waren es bis zum Karriereende nach dem erneuten Olympiasieg 1988 in Seoul noch vier Weltmeistertitel, die den Modellathleten zu einem der erfolgreichsten Bahnradsprinter gemacht haben. Als er 1987 zum „Weltradsportler des Jahres“ gewählt wurde, fanden seine beeindruckenden Erfolge international höchste Anerkennung.

 Der vierfache Weltmeister und zweifache Olympiasieger mit seiner Familie in seinem Cottbuser Ladengeschäft (v.l.): Tochter Nadja, Ehefrau Simone und Sohn Nico.
Der vierfache Weltmeister und zweifache Olympiasieger mit seiner Familie in seinem Cottbuser Ladengeschäft (v.l.): Tochter Nadja, Ehefrau Simone und Sohn Nico. FOTO: Frank Hammerschmidt

Im Osten ist die Popularität des stets in „Wettkampfgewicht“ antretenden Cottbusers bis heute ungebrochen. Wohin er auch kommt, man kennt den Mann aus dem Schradenland im Oberspreewad-Lausitz-Kreis. Hier ist er groß geworden, im nahen Tettau geboren. Als die elfjährigen Knirpse 1970 ihre Räder zur „Kleine Friedensfahrt“ an den Start schieben durften, „war ich dabei“. Die Schutzbleche an seinem Tourenrad waren abgebaut. Den Zielstrich überquerte er als Erster. „Ich hatte damals Feuer gefangen. Die Freude über den ersten Sieg war riesig“, erinnert er sich. Als ich später von Aktivist Lauchhammer ein Bahnrad erhielt, um damit in Cottbus zu starten, bin ich vor Freude und Übermut gleich damit nach Hause gefahren (das Rad hatte weder Bremsen noch Schaltung).

Wenn Lutz Heßlich heute sagen soll, wer sein Talent erkannt hat, dann gibt es für ihn nicht die einfache Antwort. In Lauchhammer habe ihn Übungsleiter Wilfried Schulz trainiert und gefördert. An der Kinder- und Jugendsportschule ab Sommer 1972 hätte Trainer Eberhard Pöschke ihn auch gern auf die Straße geholt. „Bei Kriterien konnte ich jede erste Wertung gewinnen, aber dann...“, schmunzelt Lutz Heßlich. Erst als unter Trainer Gerd Müller der Sprintbereich auf der Bahn beim SC Cottbus neue Wege gehen sollte – viel mehr Kraft- als Ausdauertraining –, wurden Weichen in die Zukunft gestellt. Mit Lothar Thoms, Wolfgang Rengert und Detlef Uibel hatte Müller ein Quartett am Start, das schon bei der DDR-Spartakiade 1975 Medaillen „abräumte“.

 Die Trikot- und Medaillensammlung von Lutz Heßlich in seinem Geschäft.
Die Trikot- und Medaillensammlung von Lutz Heßlich in seinem Geschäft. FOTO: Frank Hammerschmidt

Als zweifacher Junioren-Weltmeister leitete der 18-Jährige gemeinsam mit dem Berliner
Emanual Raasch eine Zeitenwende im DDR-Sprintbereich auf der Bahn ein. Zum ersten Mal in seiner langen Karriere wurde Jürgen „Tutti“ Geschke in Venezuela Sprint-Weltmeister - vor Rausch und Junior Heßlich. Ab dann übernahmen die „jungen Wilden“ und ließen die Weltspitze nicht mehr aus den Augen.

Dass der Dipolmsportlehrer Lutz Heßlich nach dem Karriereende 1989 nicht in den Trainerjob einsteigen würde, „das hat sich für mich frühzeitig abgezeichnet“, verweist der Jubilar auf jenes silbergraue Sprinterrad an der Wand im Fahrrad-Center. „Ich habe immer wieder nach Verbesserungen gesucht, das Rad aerodynamischer zu machen und Kraft besser zu übertragen, deutet der Tüftler Lutz Heßlich etwa auf das quer gestauchte Rahmenrohr. Heute sei das bei vielen Herstellern Standard. Damals hat es ihm mit zum Weltrekord verholfen. Als erster Sprinter kam er 1984 in Moskau über 200 Meter unter zehn Sekunden: 9,98!

Die Eröffnung des „Fahrrad-Center L. Heßlich“ war die logische Konsequenz aus dieser Neigung. Mit den Regenbogenfarben des Weltmeisters im Logo hat es sich in Cottbus und darüber hinaus einen Namen gemacht. Der Shop ist ein Familienbetrieb mit Ehefrau Simone, Sohn Nico und Tochter Nadja. Und, Lutz Heßlich ist dem Radsport stets treu geblieben. Seit Jahren lenkt er den Großen Sprinter-Preis von Deutschland als Sportlicher Leiter, ist gefragter Gesprächspartner, sitzt selber noch regelmäßig bei Prominentenrennen im Sattel – so auch Jahr für Jahr beim RUNDSCHAU-Frühlingsradeln mit dem RSC Cottbus.

 „Alles gewagt – Gold gewonnen“, so berichtete die RUNDSCHAU über Heßlichs ersten Olympia-Coup. Mit einem wagemutigen Sprint holte der damals 21-Jährige am 28. Juli 1980 Gold in Moskau.
„Alles gewagt – Gold gewonnen“, so berichtete die RUNDSCHAU über Heßlichs ersten Olympia-Coup. Mit einem wagemutigen Sprint holte der damals 21-Jährige am 28. Juli 1980 Gold in Moskau. FOTO: LR / Archiv