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| 02:47 Uhr

Boy stürzt ab: "EM in den Sand gesetzt"

Philipp Boy übte nach seinem verpatzten EM-Auftritt Selbstkritik und verspricht Besserung bei den Olympischen Spielen. Foto: dpa
Philipp Boy übte nach seinem verpatzten EM-Auftritt Selbstkritik und verspricht Besserung bei den Olympischen Spielen. Foto: dpa FOTO: dpa
Montpellier. Einst stand er im Schatten von Fabian Hambüchen, später von Philipp Boy. Nun hat Marcel Nguyen bei der EM in Montpellier mit seinem erneuten Barren-Gold die deutsche Bilanz kräftig aufpoliert. Für Vorturner Philipp Boy aus Cottbus ging indes alles daneben. Frank Thomas

Beim Steh-Bankett im Trainingsanzug wollte Marcel Nguyen im Expo Parc von Montpellier noch nicht mal mit einem Glas Sekt anstoßen. Dabei hatte der einstige Schattenmann des deutschen Turnens nach seinem EM-Titel am Barren Grund zum Feiern. "Ein Gläschen hätte ich genehmigt", meinte Coach Waleri Belenki schmunzelnd nach dem Glanzauftritt seines Schützlings. Der Cottbuser Philipp Boy wollte sich nach einer völlig verpatzten EM hingegen ver kriechen - der Frust saß tief.

Philipp Boy war "mit vollem Risiko" in das Reck-Finale gegangen und rauschte gleich beim ersten Flieger vom Gerät. Der Ärger stand ihm anschließend ins Gesicht geschrieben. "Ich habe die ganz EM in den Sand gesetzt. Daher habe ich viel Frust in mir: Jetzt gibt es keinen Urlaub mehr. Ich trainiere die Übung so lange, dass bei Olympia nichts mehr schief gehen kann", meinte der Vizeweltmeister wütend.

Ganz anders war die Gefühls lage bei Barren-Europameister Marcel Nguyen. Als das Resultat auf der Anzeigetafel erschien, stieß Nguyen freudig die Faust in die Luft. "Das war wahrscheinlich die beste Übung, die ich je geturnt habe", meinte der sonst so zurückhaltende Unterhachinger. 62 Tage vor den Olympischen Spielen besserte er die mäßige EM-Bilanz der Deutschen auf und rettete die Serie der Riege, die seit 2007 immer mit Gold von der EM zurückkehrte.

Der 24-Jährige zeigte seine schwierige Übung in traumhafter Ausführung. Es war der insgesamt dritte EM-Titel für den Stabsgefreiten der Bundeswehr, nachdem er schon im Vorjahr in Berlin an seinem Spezialgerät überrascht und 2010 den Titel mit dem Team gewonnen hatte. Der Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen schloss somit zu Turn-Idol Eberhard Gienger auf, der es vor über 30 Jahren auf drei Reck-Titel gebracht hatte.

Zudem trat er endgültig aus dem langen Schatten von Fabian Hambüchen und Philipp Boy heraus. "Ein Supergefühl und ein wichtiges Signal für London. So ein Ding kann man sich nicht kaufen", meinte Trainer Belenki, der 1992 im Nachfolge-Team der Sowjetunion selbst Olympiasieger war und nun mit Nguyen in acht Wochen ähnliche Glücks momente erleben möchte.

"Vor dem Finale war ich nervös. Aber dann ist die Übung durchgelaufen wie nie zuvor", meinte der Sieger, der an den Ringen auf Rang sechs kam. Er sei sehr ehrgeizig, "aber an manchen Tagen muss ich ihm auch mal in den Arsch treten, wenn er null Bock hat", charakterisierte Belenki seinen Gold-Jungen. "Es gibt im Training immer mal Schwankungen, das ist wie an der Börse", fügte er schmunzelnd an.

Am Fernseher verfolgte Hambüchen den Auftritt seiner Teamgefährten, da er wegen einer individuellen Olympia-Vorbereitung auf die EM verzichtet hatte. Der mit sechs EM-Titeln erfolgreichste deutsche Turner greift erst am 16./17. Juni bei den deutschen Meisterschaften in den Kampf um die London-Tickets ein. "So stabil habe ich Marcel noch nie gesehen, Kompliment", zeigte sich sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen von Nguyen begeistert.

In Angstschweiß müsse Fabian nach der Konkurrenz am Reck nicht ausbrechen, meinte Wolfgang Hambüchen. Der Russe Emin Garibow sei zwar der verdiente Gewinner, "aber er hat unspektakulär geturnt. Da könnten in London der Grieche Vlasios Maras und auch Philipp Boy die hochkarätigeren Übungen anbieten, wenn sie ohne Fehler bleiben."

Besser als Boy im Finale von Montpellier präsentierte sich Eugen Spiridonov. Nach seinem Dreifach-Patzer im Team-Finale wurde er Vierter am Reck. Matthias Fahrig verfehlte als Fünfter die Medaille am Sprung ebenso knapp. "Das werden harte 60 Arbeitstage bis Olympia", meinte DTB-Präsident Rainer Brechtken. Mit Platz sechs im Team Finale hatten die Deutschen einen derben Rückschlag auf dem Weg nach London hinnehmen müssen.

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