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| 17:40 Uhr

Uebigau
Bereit für das größte Kegel-Abenteuer

 Roxanne Runzer und ihr Trainer Thomas Altmann vom SV Lok Uebigau freuen sich über die Nominierung für die U18-WM im Classic Kegeln.
Roxanne Runzer und ihr Trainer Thomas Altmann vom SV Lok Uebigau freuen sich über die Nominierung für die U18-WM im Classic Kegeln. FOTO: LR / Jan Lehmann
Uebigau. Roxanne Runzer aus Uebigau startet bei der U18-WM im Classic Kegeln für Deutschland. Die Abiturientin hat hart für den Bundesadler auf der Brust gekämpft. Nun will sie in Tschechien mit einem Trick dem Druck standhalten. Von Jan Lehmann

Ist das jetzt wie bei Heidi Klum und dem Topmodel-Wahnsinn im Fernsehen? Es ist der Tag der Nominierung für die U18-WM im Kegeln und Nationaltrainerin Margit Welker bittet Anfang April in Straubing die Kandidatinnen zu sich ins Zimmer. Von sechs Keglerinnen dürfen nur fünf mit – für eine Sportlerin heißt es also im klumschen Duktus: „Ich habe heute leider keine Kugel für Dich!“

Nein, die Nationaltrainerin ist keine Frau für Topmodel-Showeffekte, und dennoch klopft das Herz bei Roxanne Runzer wie verrückt. Als die 18-Jährige dann hört, dass sie für die Weltmeisterschaften im tschechischen Rokycany nominiert ist, fällt ihr ein Stein vom Herzen – und der ist vermutlich schwerer als die 2,6-Kilo-Kugel, mit der sie nahezu täglich hantiert. Nationaltrainerin Welker fragt sie liebevoll: „Roxanne, warum bist du so unsicher? Du bist eine unserer Besten und hast es einfach drauf.“

Erst das Abi, dann die WM

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Roxanne Runzer vom SV Lok Uebigau startet bei der U18-WM im Classic Kegeln für Deutschland. Die Abiturientin hat hart für den Bundesadler auf der Brust gekämpft. Mindestens 400 Kugeln pro Woche muss sie schieben, meist sind es jedoch mehr. Nun will sie in Tschechien mit einem Trick dem Druck standhalten. Ihre Geschichte gibt es bei LR-Online. Story: www.lr-online.de/sport Link in Bio. #lausitzerrundschau @lausitzer_rundschau #lronline #lausitz #energiecottbus #dielausitzlebt #lokalsporthelden #lokalsport #elbe-elster #südbrandenburg #sachsen #spree-neiße #brandenburg #sportinderlausitz #lausitzersport #uebigau #svlokuebigau #lokuebigau #kegeln #classickegeln #kegelsport #kegelnlebt #ninepinbowling #gutholz #roxannerunzer

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Alle Neune, es ist ein Augenblick für die Ewigkeit in der Kegel-Karriere der jungen Frau aus Uebigau an der Elster, die am Herzberger Philipp-Melanchthon-Gymnasium die zwölfte Klasse besucht. Die letzte Kugel für ihr Abitur legt sie dort an diesem Donnerstag auf die Bahn. Gleich frühmorgens, mündliche Prüfung in Geschichte. Sie hat ihre Schulleiterin um den frühen Termin gebeten, weil sie sich danach voll auf die WM in der Nähe von Pilsen konzentrieren will. Von Freitag bis Mittwoch steht der Uebigauerin dort ihr bisher größtes Kegel-Abenteuer bevor. „Einmal mit dem Adler auf der Brust spielen, damit geht für mich ein Traum in Erfüllung“, sagt Roxanne Runzer und zeigt stolz ihren rot-schwarzen Trainingsanzug mit dem Bundesadler.

Sie ist die einzige Sportlerin aus der Lausitz, die es in den Nationalkader für die WM geschafft hat. Ohnehin gehört mit Veronique Lanzke vom ESV Lok Elsterwerda (U23) nur noch eine weitere Keglerin aus der Region zu einer deutschen Nationalmannschaft. Der Adler auf der Brust, dafür bedarf es eben mehr als nur ein paar Mal alle Neune abzuräumen. Etwa 80 000 Mitglieder zählt der Deutsche Kegler- und Bowlingbund –  ein neues Aushängeschild für das Classic Kegeln kommt nun aus dem 1500-Einwohner-Städtchen Uebigau.

Kegeln ist spannender als Fußball

Und Roxanne Runzer nimmt diese Rolle sehr ernst. Falls der Verband auf der Suche nach einer guten Öffentlichkeitsarbeiterin ist, in Uebigau hat er eine. Die Nachwuchssportlerin tritt dafür ein, dass Kegeln mehr Aufmerksamkeit verdient habe. Warum ihr Sport nicht auch im Fernsehen übertragen wird, kann sie nicht verstehen. Vielleicht zu langatmig und nicht fernsehtauglich? Bei dieser Frage hebt sie eine Augenbraue und meint: „Nach 45 Minuten ist alles entschieden. Da dauert es beim Fußball meist viel länger, ehe etwas passiert.“

Zweimal in der Woche trainiert Roxanne Runzer auf der heimischen Bahn beim SV Lok Uebigau. Sie spielt mindestens 400 Kugeln in der Woche, das ist eine der Vorgaben vom Verband.  Dieses Mal sind Freunde und Familie auf der Bahn dabei, sie stoßen auf Roxannes 18. Geburtstag an. Sogar der Ortsbürgermeister ist da: Einen Uebigauer bei einer Weltmeisterschaft, das gibt es hier mal alle zehn Jahre. Zuletzt war Judoka Thomas Pille im Jahr 2000 Junioren-Weltmeister geworden.

Kegeln liegt in der Familie

Nun trägt Roxanne Runzer die Hoffnung des Elbe-Elster-Ortes, und eigentlich ja die einer ganzen Kegel-Nation. Mit der Mannschaft und im Einzel geht sie an den Start, jeweils 120 Wurf gegen die Welt-Elite. Es sind aufregende Tage und die neue Vorzeige-Sportlerin gibt zu: „Es ist wirklich krass. Ich hätte am Anfang nie gedacht, dass es einmal so weit gehen würde.“

Der Anfang, das war vor sieben Jahren. Die damals Elfjährige wusste von Oma Jlona, die in Luckau Bohlekeglerin ist, und vor allem von ihrer Mutti Daniela, die eine wichtige Stütze der Uebigauer Mannschaft in der Landesliga ist, welche Faszination der Sport mit der Kugel ausüben kann. Dennoch hatte sie schon einige anderen Sportarten ausprobiert: Handball, Tanzen, Leichtathletik. Talent hat sie für Vieles, den meisten Spaß aber auf der Kegelbahn. Die Erfolge stellten sich schnell ein: Kreismeisterschaft, Landesmeisterschaft und 2015 das erste Mal bei der Deutschen Meisterschaft. Da war dann auch schon die Nationalmannschaft ein Thema, bei der Sichtung in Sindelfingen reichte es aber noch nicht für einen Platz im Kader.

Sie schlägt Angebote von Bundesliga-Teams aus

Dennoch: Der Verband hatte sie nun auf dem Zettel und Roxanne Runzer ist dran geblieben. Mithilfe ihres Heimtrainers Thomas Altmann hat sie sich stetig verbessert. Der Coach verzichtet sogar auf den eigenen Start bei den Landesmeisterschaften, um seinen Schützling zu unterstützen. Er sagt: „Roxanne ist sehr zielstrebig und fleißig. Sie hat sich diese WM-Teilnahme einfach verdient.“ Dass sie an einem kleinen Kegelstandort trainiert, ist dabei sicherlich kein Vorteil. Der Trainer kümmert sich darum, dass der Kontakt nie abreißt. Er muss regelmäßig alle Wettkampfergebnisse beim Verband melden und vergisst dabei nicht, zu erwähnen, dass die hiesigen Bahnen nicht immer das Niveau der Anlagen in den Kegel-Hochburgen haben.

Roxanne Runzer will dennoch weiter für Lok Uebigau kegeln – obwohl sie schon eine Anfrage des Bundesliga-Teams aus Elsterwerda hat. „Die Bundesliga würde mich reizen, aber ich bleibe meinem Verein noch mindestens ein Jahr treu.“ Nach dem Abi plant die Uebigauerin ein freiwilliges soziales Jahr an einer Grundschule und will dabei austesten, ob ihr geplantes Lehramt-Studium ein Volltreffer auf der richtigen Bahn sein kann.

Ein kleiner Trick soll zum Erfolg führen

Zuletzt war sie beim Nationalmannschaftslehrgang in Bamberg und hat an drei Tagen 1371 Kugeln geschoben. „Das war hart“, berichtet die 18-Jährige, die bis kurz vor der WM weiter an ihren technischen Fehlern arbeitet. Sie weiß: „Ich bin manchmal zu schnell. Wenn ich die Kugel dagegen langsam auf die Bahn setze, dann fallen da auch schon die Kegel um.“ Also, immer wieder. Anlauf nehmen. Einen Punkt auf der Bahn fixieren. Den Arm lang halten. Die Kugel aufsetzen. Und von vorn.

Den Lohn für diese vielen Trainingsstunden trägt sie nun auf der Brust: den Bundesadler. Auch bei Trainer Altmann werden die Augen etwas feuchter, wenn er darüber spricht, dass für seine Spielerin jetzt tatsächlich die Nationalhymne ertönt. Er wird in Rokycany natürlich dabei sein, auch die Familie und einige Freunde wollen mitfahren. „Uns wurde geraten, während der WM nicht zu viel Kontakt zu unseren Leuten zu haben“, verrät Roxanne Runzer. Der Verband und die Trainerin wollen verhindern, dass sich die jungen Sportler zu sehr unter Druck setzen. Roxanne Runzer wurde geraten, es mit einem Trick zu versuchen: „Ich soll mir kein Ziel setzen, um nicht daran zu scheitern.“

Dabei hätte sie durchaus Marken im Kopf. Beispielsweise ihren Bestwert: 583 Kegel, die 2018 bei der Deutschen Meisterschaft in München nur knapp nicht für Bronze gereicht hatten. Oder vielleicht sogar die magische Grenze von 600 Punkten? Die Uebigauerin hat sich vorgenommen: „Ich denke wirklich von Kugel zu Kugel, von Bahn zu Bahn. Mein großes Ziel war es, einmal bei einer WM zu spielen. Jetzt mache ich dort einfach mein Ding.“