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| 14:38 Uhr

Fußball
Aus der Lausitz bis ins Wembley-Stadion

Der Uebigauer Michael Strempel in der DDR-Auswahl mit Größen wie Jürgen Croy (2.v.l.), Klaus Sammer (3.v.l.), Hansi Kreische (5.v.l.) oder Peter Ducke (2.v.r.).
Der Uebigauer Michael Strempel in der DDR-Auswahl mit Größen wie Jürgen Croy (2.v.l.), Klaus Sammer (3.v.l.), Hansi Kreische (5.v.l.) oder Peter Ducke (2.v.r.). FOTO: LR
Uebigau. Michael Strempel aus Uebigau hat in den 1960er-Jahren eine tolle Karriere hingelegt. Nun ist der DDR-Nationalspieler in Jena verstorben. Auch in Hoyerswerda, Senftenberg und Cottbus erinnert man sich an den Verteidiger.

„Der Strempel, das war schon einer.“ Gerhard Schulze ist 81 Jahre und im Elbe-Elster-Städtchen Uebigau so etwas wie das örtliche Fußball-Lexikon. Er kann sich an so viele Spiele und Spieler erinnern. Natürlich auch an Michael Strempel. Der Tod des einstigen DDR-Nationalspielers, der am 1. März im Alter von 73 Jahren gestorben ist, bewegt den Ort.

Hier hat Strempel bei der BSG Lok das Fußballspielen gelernt, hier sind sie stolz auf ihren Nationalspieler. Doch bevor der Abwehrspieler von Georg Buschner erst mit 26 Jahren in die DDR-Auswahl berufen wurde, machte Strempel eine Reise durch die Lausitzer Fußballgeschichte.

Michael Strempel.
Michael Strempel. FOTO: LR

Bei der kleinen BSG Lok ragte Strempel schnell heraus. „Er war groß, stämmig und hatte Talent. Es war klar, dass er delegiert werden würde“, erinnert sich Klaus Klemke, pensionierter Lehrer und einst passionierter Fußballer in Uebigau.

Der Hoyerswerdaer Talentespäher Klaus Nadge holte Strempel zu ­Aktivist Schwarze Pumpe. In der Elf des Gaskombinats entwickelte sich der Uebigauer unter den Trainern Hans Walter und Heinrich Theisen zu einem soliden Abwehrmann.

Er empfahl sich für die nächste Station: Brieske Senftenberg. Mit 18 Jahren gab er sein Oberliga-Debüt. Strempel spielte mit dem späteren Energie-Manager Klaus Stabach zusammen. Der erinnert sich: „Er war ein angenehmer Mensch.“ Beide gehörten zu jener sagenumwobenen Erstliga-Elf, die auf SED-Geheiß 1963 von Senftenberg nach Cottbus umgesiedelt wurde, dort erst SC Cottbus hieß und ab 1966 als Energie Cottbus auflief. Stabach sagt: „Das war eine verrückte Zeit.“

Als aus dem SCC die BSG Energie wurde, war Strempel schon auf Weiterreise. Sein letztes Spiel war legendär. Strempel galt nie als Kind von Traurigkeit und erklärte  anlässlich seines 70. Geburtstages  der „Ostthüringer Zeitung“ (OTZ): „Selbst mit abgefallenem Bein wäre ich weitergelaufen, nur um dem Gegner den Triumph zu versagen, Michael Strempel wehgetan zu haben.“

Nur nicht verlieren, darum ging es auch am 17. Oktober 1965 im unglaublich hitzigen Lokalderby SC Cottbus gegen Vorwärts Cottbus. Ins Stadion der Einheit in Forst waren 10 000 Zuschauer gekommen – neuer Rekord für die DDR-Liga. Das Spiel war eine Schlacht. Hajo Prinz, der später bei Energie eine Legende wurde, sah nach 20 Minuten Rot. Der SCC verlor 1:3 – und Strempel die Nerven. Er musste wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz, wurde für sechs Spiele gesperrt und lief nie wieder für Cottbus auf.

Am Spielfeldrand wurde damals mit kapitalistisch anmutenden Methoden agiert: In Cottbus hatten sie ihm die versprochene Wohnung nicht besorgt. „Abends klingelte das Telefon. Wismut Gera war dran, wollte mich haben. Da hab ich nach einer Wohnung gefragt und gleich eine Zusage bekommen“, so Strempel gegenüber der OTZ.

Mit Gera schaffte Strempel den Aufstieg in die DDR-Oberliga, doch der Klassenerhalt misslang. Für den Lausitzer, der bis dahin kein einziges Spiel in einer Nachwuchsauswahl absolviert hatte, trotzdem kein Beinbruch. Denn der große Trainer Buschner war auf ihn aufmerksam geworden, und holte ihn 1967 in die Meistermannschaft von Carl Zeiss Jena mit Peter und Roland Ducke, Harald Irrmscher oder Hans Meyer. Es wurden großartige Jahre: Strempel wurde mit Jena  zwei Mal Meister und holte den FDGB-Pokal. Er bestritt 179 Spiele – davon 22 im Europapokal – und schoss 26 Tore. Dass er als Spätberufener noch 25 Länderspiele absolvieren und 1970 neben Jürgen Croy oder Klaus Sammer mit der DDR-Auswahl im Wembley-Stadion gegen England auflaufen durfte, krönte die Karriere.

Im Heimatort Uebigau erinnert sich Gerhard Schulze: „Ich weiß noch genau, wie ich ihn im Fernsehen gesehen habe. Sein Gegenspieler flog im hohen Bogen durch die Luft.“ Diese Grätsche findet man noch heute bei „Youtube“. Der Gefoulte? Kein Geringerer als Geoff Hurst, Schütze des Wembley-Tores. „Der Strempel, das war schon einer.“

Doch bereits mit 29 Jahren muss Michael Strempel aufhören. Die Rückenschmerzen, die er sich hatte wegspritzen lassen, stellen sich als gebrochener Wirbel heraus. Strempel berichtete in der „OTZ“ davon, dass Jungtrainer Hans Meyer damals keine rühmliche Rolle gespielt haben soll – womöglich als Retourkutsche. Oft hatte Trainer Buschner Meyer vorgehalten, „beim Kopfball einen halben Meter kleiner zu werden“. Er solle sich ein Beispiel an Strempel nehmen, der „einen halben Meter größer werde“.

Als der dann einen Trainerposten übernehmen wollte, soll Meyer bei der SED-Parteileitung gesagt haben, der Strempel könne nicht arbeiten. Konnte er aber doch, das bewies er als Sportlehrer und Zweitliga-Trainer. Später, als Übungsleiter vom VfB Pößneck sorgte Strempel dann noch einmal in seiner Heimat Uebigau für Aufregung. Er warb gleich drei Spieler der BSG Lok ab: Helmut Hubich, Frank Roy und Trainersohn Frank Schulze.

Dessen Vater Gerhard Schulze berichtet: „Das habe ich mir nicht gefallen lassen und mich beim Sportgericht beschwert. Schließlich gab es in der DDR ja offiziell keine Abwerbungen.“ Doch da war nichts zu machen, und so fuhr Schulze dann öfter nach Pößneck, um die Spiele seines Sohnes anzuschauen.

Genauso, wie er früher auch nach Jena gefahren war, um Strempel spielen zu sehen. „Gegen die Italiener, das war ein tolles Spiel“, so Gerhard Schulze über den 2:0-Sieg im Europapokal gegen Cagliari. Danach wurde im Vereinsheim gefeiert und bei Michael Strempel übernachtet.

Nun ist der Uebigauer Nationalspieler gestorben, die Erinnerungen an ihn bleiben. „Der Strempel, das war schon einer.“

Michael Strempel im Jena-Trikot. Das Foto stammt aus der Aktivist-Chronik „Das große Pumpe-Buch“ von Autor Ronny Klein.
Michael Strempel im Jena-Trikot. Das Foto stammt aus der Aktivist-Chronik „Das große Pumpe-Buch“ von Autor Ronny Klein. FOTO: LR