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Aufholjagd mit ABBAs Hilfe

Matthias Dolderer flog am Freitag im ersten Training beim Red Bull Air Race noch hinterher.
Matthias Dolderer flog am Freitag im ersten Training beim Red Bull Air Race noch hinterher. FOTO: Red Bull
Klettwitz. Lockere Wolken, kaum Wind, sogar leichter Sonnenschein: gutes Flugwetter am Lausitzring. Weltmeister Matthias Dolderer und seine Konkurrenten vom Red Bull Air Race konnten am Freitag nach den anfänglichen Wettersorgen entspannt ihre Runden über die Rennstrecke drehen. Jan Lehmann

Insofern man bei 370 Stundenkilometern von Entspannung sprechen kann. Dolderer legte zu seinem 47. Geburtstag einen derart zackigen Auftritt zwischen den aufgeblasenen Hindernissen hin, dass man erkennen konnte: Der Lokalmatador hat sich viel vorgenommen. Rechts, links, Looping und gleich nochmal - die Geburtstagstorte hatte er sich vermutlich für später aufgespart.

Ohnehin ist nicht viel Zeit zum Feiern. Für Dolderer geht es am Lausitzring um Alles. Sein Rückstand auf Spitzenreiter Martin Sonka (Tschechien) beträgt 27 Punkte. Bei nur noch zwei Rennen und 15 Punkten pro Tagessieg benötigt Dolderer ein kleines Flug-Wunder, um den Titel noch zu verteidigen.

Zumindest will der Deutsche auf der Heimstrecke die Trendwende einleiten. Dafür hat er sich extra eine ganz besondere Liste von Lieblingssongs zusammengestellt, die ihn in der Lausitz begleiten sollen. Wie passend: Er wählte unter anderem "Wind of change" ("Wind des Wandels") von den Scorpions. Dreht sich für Dolderer der Wind? Er beschreibt: "Ich habe viel Selbstvertrauen verloren und versuche, die Leichtigkeit aus der vergangenen Saison wieder zu finden."

Der Deutsche sieht sich im Aufwind, die Resultate zeigen aber, wie schwer es wird. Dolderer flog im ersten Training auf Rang neun. Die 14 Piloten ermitteln am Samstag im Qualifying die Reihenfolge für die "Round of 14". Die ist vergleichbar mit dem Skispringen: dort trifft dann der Quali-Sieger auf den Piloten mit der schlechtesten Zeit.

Das Skispringen ist ohnehin ein guter Vergleich. Schließlich gibt es nur wenige Menschen, die sich jemals über den Schanzentisch wagen würden. In Deutschland sind aktuell nur 400 Springer aktiv. Aber es gibt eben viele Fans. Ähnlich ist es bei der Flug-WM. Der Deutsche Aero Club teilt auf RUNDSCHAU-Nachfrage mit: "Die Zahl der Luftsportler liegt bei rund 220 000 - dazu gehören allerdings auch Modellflugsportler." Also: Relativ wenig Flieger, aber auch viele Fans. Bei Facebook haben 1,3 Millionen Nutzer das Red Bull Air Race abonniert.

Kaum einer von denen würde sich wohl selbst in eines dieser Flugzeuge setzen. Nach den Eindrücken vom Freitag ist klar: Derartige Kapriolen schlägt man nicht, wenn man sonst ein Leben zwischen Gartenzaun, Pauschalurlaub und Bausparvertrag bevorzugt.

Kurzum: Die Piloten sind ähnlich verrückt und beliebt wie die Skispringer - und Matthias Dolderer ist in dieser Saison quasi der Martin Schmitt im Air-Race-Cockpitt, nur ohne Telemark-Landung. Der Skisprung-Olympiasieger und Weltmeister hatte in seiner Karriere immer wieder mit Krisen zu kämpfen und flog der Konkurrenz zeitweise hinterher. Ähnlich ergeht es aktuell Dolderer, doch wie Skispringer Schmitt verliert er nicht die Zuversicht. Auf seiner Lieder-Liste fürs Wochenende steht auch ein ABBA-Song: "The winner takes it all". Zu deutsch: Der Sieger kriegt alles.

Zum Thema:
Leipzig (dpa/jal) Red Bull ist mehr als nur eine Firma für eine Dose mit Energydrink. Das Getränk war 1987 in Österreich auf den Markt gekommen. Das Unternehmen des österreichischen Milliardärs Dietrich Mateschitz (73) umfasst ein Sport-Imperium mit Formel-1-Rennställen, Fußball- und Eishockey-Club. Mit dem Champions-League-Debüt von RB Leipzig wurde zuletzt das nächste Ziel erreicht. Red Bull hat mehr als 430 Einzelsportler unter Vertrag, viele im Bereich Extremsport. Disziplinen, bei denen Spektakel und Gefahr wesentliche Merkmale sind. Grenzüberschreitungen sind das Normale so wie der 2012 medial in Szene gesetzte Stratosphären-Sprung des Österreichers Felix Baumgartner. Auch ein TV-Sender und Magazine gehören zum Portfolio des Unternehmens, das nach eigenen Angaben Ende des vergangenen Jahres 11 865 Mitarbeiter in 171 Ländern beschäftigte und 2016 mehr als sechs Milliarden Dosen verkaufte. Für die Lausitz ist das Red Bull Air Race ebenfalls ein einträgliches Geschäft. Eine Studie der BTU Cottbus-Senftenberg ergab: Die Flug-WM sorgte 2016 für einen Brutto-Umsatz von 5,8 Millionen Euro in der Region. Umgerechnet seien dadurch 118 Vollzeitstellen entstanden. Das Land habe so 500 000 Euro Steuern eingenommen.

Zum Thema:
Am Ring: Ein Wochenend-Ticket für die Flug-WM gibt es ab 14 Euro. Ein Tagesticket für Samstag oder Sonntag schon für 9 Euro.Im TV: Das Rennen am Lausitzring wird Sonntag von ServusTV-Deutschland (ab 14.55 Uhr) und Sport1 (ab 16 Uhr) übertragen.Im Netz: Bei airrace.redbull.com gibt es Texte, Fotos und Videos vom Lausitzring. Die RUNDSCHAU berichtet bei LR-Online.