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| 17:39 Uhr

Abschied der Steher-Legende in Forst (Mit VIDEO)
Atzeni, die große Liebe und kleine Irritationen

 Giuseppe Atzeni bekam viel Beifall bei seiner Fahrt durch das Ehrenspalier der Kollegen und der Schrittmacher.
Giuseppe Atzeni bekam viel Beifall bei seiner Fahrt durch das Ehrenspalier der Kollegen und der Schrittmacher. FOTO: Frank Hammerschmidt
Forst. Steher-Legende Giuseppe Atzeni verabschiedet sich mit dem Sieg beim Großen Pfingstpreis aus Forst. Dabei gibt es auch kleine Irritationen. Der Schweizer lächelt sie im Stile eines Champions einfach weg. Von Frank Noack

Beim Forster Finale furioso von Giuseppe Atzeni flossen erst die Tränen und dann das Freibier. Die 41-jährige Steher-Legende schenkte sich und seinen Fans einen Abschied nach Maß ein. In seinem letzten Steher-Rennen in der Rosenstadt holte sich Atzeni am Sonntag  mit einer wahren Energie-Leistung noch einmal den Sieg beim Großen Pfingstpreis in seiner „zweiten ­Heimat“. Anschließend lud er die begeisterten Zuschauer zum Freibier ein: „Wir sehen uns am Bier­wagen vom alten Franzl. Ich gebe dort Freibier aus, bis nachher!“

Große Gefühle

Es war der Nachmittag der ganz großen Gefühle. Franz Worrich, der Braumeister und Gastwirt von der ­Neiße; Giuseppe Atzeni, der mehr­fache Champion aus der Schweiz, und natürlich „Forschte“ selbst, die Hochburg des Stehersports – sie bildeten über ein Jahrzehnt lang ein erfolg­reiches Gespann. Entsprechend groß war der Bahnhof beim Abschieds­rennen. „Giuseppe Atzeni hat hier seine Fans, er hat unheimlich viel für die Stadt und den Stehersport getan“, erklärte die Forster Bürgermeisterin Simone Taubeneck (parteilos). Brandenburgs Minister­präsident Dietmar Woidke (SPD) lobte ebenfalls die Verdienste des dreifachen Europameisters: „Es ist ein Moment, in dem wir auch ein wenig traurig sind, denn ein ganz großer Steher verabschiedet sich.“

Bei der offiziellen Zeremonie kurz vor dem Finallauf flossen dann bei Giuseppe Atzeni die Tränen, auch wenn sich der Schweizer extra eine große, verspiegelte Sonnenbrille aufgesetzt hatte. Als sich seine Steher-Kollegen und die Schrittmacher auf der Zielgeraden zum Spalier aufgestellt, die Zuschauer erhoben hatten und die Abschieds-Torte bereitstand, spürte es Atzeni ganz ­genau: Nun war die Zeit für die emotio­nalen Abschiedsworte  gekommen.  Sie fielen ihm nicht leicht. „Hier hat meine Karriere begonnen, hier beende ich sie quasi. Die vielen Leute hier – es ist Wahnsinn. Ich bin einfach glücklich“, machte er der Rosenstadt eine Liebeserklärung. „Forst ist meine zweite Heimat. Ich habe in Forst alle verschiedenen Rennen schon einmal gewonnen.“ Seine Gefühle fasste ­Atzeni mit einem Wort zusammen: „Danke.“

Moderiert wurde die Verabschiedung übrigens vom langjährigen Stadionsprecher Frank Schneider – es war ein ausdrücklicher Wunsch von Atzeni. Schneider, der sich 2017 nach mehr als 30 Jahren aus dem Radsport zurückgezogen hatte, griff extra für seinen langjährigen Weggefährten und Freund noch einmal zum Mikrofon. Er moderierte die Verabschiedung gewohnt ­launig, aber auch ergriffen.  „Du bist ein Charakter, ein Typ, ein emotionaler Mensch, der auch austeilen kann, seinen Standpunkt aber stets sportlich-fair begründet“, sagte Frank Schneider zu Atzeni. „Und – du hast immer bis zum Ende gekämpft.“

Großer Pfingstpreis der Steher in Forst FOTO: Frank Hammerschmidt

Diese Qualitäten stellte Giuseppe Atzeni auch am Sonntag noch einmal unter Beweis. Noch ein letztes Mal „richtig aufziehen“, wie es in der Steher-Fachsprache heißt, wenn die Gespanne mit 70 Kilo­metern und mehr Kopf an Kopf über die Bahn fliegen, noch einmal den frischen Wind des Führenden spüren, sich noch ein letztes Mal von der Begeisterung der Fans tragen lassen – es war ein Bilderbuchabschied für Giuseppe Atzeni. Als der Schweizer in den letzten Runden des Final­laufes über 100 Runden unwiderstehlich an Reinier Honig (Niederlande) vorbeizog, herrschte akuter Klatschpappen-Alarm an der Bahn. Die Forster Fans jubelten Atzeni ein letztes Mal zu und hatten dabei ihre liebe Mühe und Not, den Bierbecher, die Bratwurst oder das Eis in der Hand auszubalancieren.

Schiewer gewinnt Derby-Cup

Die ebenfalls zu den Mitfavoriten zählenden Lokalmatadore Stefan Schäfer und Franz Schiewer mussten sich mit Rang drei beziehungsweise vier zufrieden geben. Schiewer hatte Samstag den Derny-Cup in der Innenstadt gewonnen. Die ganz große Bühne gehörte jedoch Giuseppe Atzeni, der auch die kleinen Irritationen um einen möglichen nochmaligen Start im kommenden Jahr in Forst weglächelte. Die 400 Meter lange Betonpiste soll demnächst modernisiert werden. Atzeni ging nach eigenem Bekunden davon aus, dass deshalb 2020 nicht gefahren werden kann. Nach Lage der Dinge beginnen die Bauarbeiten aber erst 2021. Aber – Abschied ist Abschied. Zumal es ein Abschied in Topform war. „Egal, ich bin jetzt gut drauf. Wer weiß, was nächstes Jahr wird“, meinte Atzeni höflich. „Darum ist es gut so, wie es jetzt ist.“

Er will gemeinsam mit seiner aus Forst stammenden Ehefrau Kristin auch in Zukunft zu den Steher­rennen kommen. Dann jedoch als Zuschauer. Oder aber am Bierwagen vom alten Franzl Worrich.