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Abschied von der "wunderschönen Insel"

Nach 39 Jahren im Sportjournalismus hört Dieter Gruschwitz (63) jetzt auf. Als ZDF-Sportchef war er einer der einflussreichsten Sportjournalisten der vergangenen Jahre. So einiges missfällt ihm.
Nach 39 Jahren im Sportjournalismus hört Dieter Gruschwitz (63) jetzt auf. Als ZDF-Sportchef war er einer der einflussreichsten Sportjournalisten der vergangenen Jahre. So einiges missfällt ihm. FOTO: dpa
Mainz. Auf dem Bildschirm ist er selten zu sehen, aber Dieter Gruschwitz ist als ZDF-Sportchef einer der einflussreichsten Sportjournalisten. Nun geht er in den Ruhestand und zieht ein widersprüchliches Fazit. Michael Rossmann

ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz geht mit "Dankbarkeit und Demut" in den Ruhestand - aber auch mit Kritik und Selbstkritik. Vor allem im Bereich des Rechteeinkaufs sieht er schwere Zeiten auf seinen Sender zukommen.

"Die Medienwelt ist eine komplett andere geworden", lautet Gruschwitz' Fazit nach 39 Jahren im Sportjournalismus. Das betreffe die Technik, die Rechtesituation und die personelle Situation beim ZDF. Allerdings auch das Handwerk einiger Journalisten: "Da hat es einen Wandel der nicht so positiven Art gegeben, es ist vieles oberflächlicher geworden."

Neben der Kollegenschelte hat Gruschwitz auch Selbstkritik parat. Der Sport "war für mich immer so eine wunderschöne Insel. In den letzten Jahren haben wir vor Augen geführt bekommen, dass dem nicht so ist. Auch der Sport hat Begleiterscheinungen wie Korruption und Betrug, es gibt die gleichen Missstände wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft. Früher wurden auch mal die Augen zugemacht. Man glaubte an die heile Welt - aber die gibt es nicht mehr."

Zwölf Jahre war Gruschwitz Sportchef beim ZDF und hatte damit auch die Verantwortung für die Berichterstattung über Korruption und Betrug - oder wenn sie fehlte. Jetzt hört der 63-Jährige freiwillig auf und zieht der Liebe wegen von Mainz nach Bad Tölz. Am Mittwoch übernimmt Thomas Fuhrmann die Leitung des ZDF-Sports.

Der Nachfolger ist der erste Sportchef des ZDF, der keine Olympischen Spiele übertragen darf - zumindest bis 2024. "Es schmerzt mich sehr", sagte Gruschwitz: "Ich hätte ihm gerne etwas anderes hinterlassen. Es ist sehr ärgerlich und misslich. Es hat in unserer Redaktion viel Enttäuschung und Wehmut gegeben."

Discover/Eurosport bot dem IOC mehr Geld, auch die Verhandlungen über Sub-Lizenzen mit dem US-Konzern scheiterten.

Das Olympia-Aus und der Blackout bei der Handball-WM sind aus Sicht des langjährigen ZDF-Mannes "erst der Anfang. Das wird weitergehen. Wir werden erleben, dass noch ganz andere internationale Player auf den Markt kommen mit mehr finanziellem Potenzial. Sie werden Rechteeinkauf und -verkauf globaler bestreiten, nationale Interessen werden dahinter verschwinden."

Mit manchem "nicht glücklich"

In die Amtszeit von Gruschwitz fällt auch die umstrittene Verschiebung des "Aktuellen Sportstudios" auf 23 Uhr, obwohl Berichte der Fußball-Bundesliga eine Stunde eher möglich wären. "Ich persönlich bin damit nicht glücklich", gibt der scheidende Sportchef zu. Er musste die Entscheidung aber öffentlich verteidigen. Man müsse "akzeptieren, dass die Akzeptanz der Sendungen davor besser ist, die Programmstruktur am Abend ist somit optimiert".