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| 10:38 Uhr

Düsseldorf/Eppan
Neuer gewinnt offenbar den Wettlauf mit der Zeit

Düsseldorf/Eppan. Der Torwart geht wahrscheinlich als Nummer eins in die Weltmeisterschaft in Russland. Robert Peters

Manuel Neuer tänzelt auf der Stelle, er fliegt, er hechtet, er fängt Bälle - sehr gerne auch solche, die auf die entlegenen Winkel seines Tors zufliegen. Manuel Neuer macht sich groß in seinem Tor. Der Kasten ist ja angeblich 2,44 Meter hoch und 7,33 Meter breit, wie es die Regeln des Fußballweltverbands vorschreiben. Er sieht aber viel kleiner aus, wenn der Schlussmann der Nationalelf hier seinen Dienst tut.

Schon beim Aufwärmen vor dem DFB-Pokalfinale in Berlin, als Neuer der Ersatztorwart von Bayern München war, hat er das Publikum und seine Kollegen beeindruckt. Während sich Sven Ulreich bereits in der Kabine auf das Spiel gegen Eintracht Frankfurt vorbereitete, zeigte Neuer schon mal, wer bald wieder der Platzhirsch sein wird.

Das scheint auch im Trainingslager der Nationalmannschaft im Südtiroler Eppan so zu sein. "Er spielt und trainiert, als wenn er nie weggewesen wäre", sagt der "Bundestorwarttrainer" Andreas Köpke. Und man hört ihn geradezu staunen. Seit September des vergangenen Jahres war Neuer nicht mehr im Wettkampf, sein Comeback nach dem Bruch im linken Mittelfuß wurde von Januar aufs Frühjahr, vom Frühjahr auf die letzten Wochen der Bundesligasaison, von den letzten Wochen der Bundesligasaison aufs Pokalfinale und vom Pokalfinale ins Trainingslager verschoben. Dass er selbst stets beteuerte, im Plan zu sein, mutete wie das laute Pfeifen im dunklen Wald an. Aber er scheint den Wettlauf gegen die Zeit doch noch zu gewinnen. In einem Testspiel gegen die eigene U 20 (7:1) mischte Neuer eine Halbzeit (30 Minuten) problemlos mit, bei einem zweiten Test gegen den Nachwuchs stand er im Tor der U 20, die nur noch mit 0:2 verlor. Und am Samstag wird er beim Freundschaftsspiel in Klagenfurt gegen Österreich erstmals seit der Verletzung 90 Minuten spielen.

Besteht er auch diese Belastungsprobe, wird er als Nummer eins zur Weltmeisterschaft fahren. Daran besteht kein Zweifel. Bundestrainer Joachim Löw hat ihm die Tür demonstrativ aufgehalten. Und der Coach macht gar nicht erst den Versuch, die Rangordnung der Torhüter neu auszuschreiben. Für die Nummer zwei, Barcelonas Keeper Marc-André ter Stegen, mag das befremdlich sein, weil er sich in Spanien zu einem Weltklassemann entwickelt hat. Doch Löw schätzt an Neuer neben den fußballerischen Fähigkeiten die Ausstrahlung, die Persönlichkeit. Jupp Heynckes, der Neuer 2013 zum Triple führte und der in dieser Saison zumindest den Weg zum Comeback des Schlussmanns als Vereinstrainer der Bayern begleitete, spricht von der "Autorität, mit der er spielt, das ist etwas ganz Besonderes".

Tatsächlich gibt es im Weltfußball nur einen Torwart, der eine Spielhälfte derart zu dominieren versteht wie Neuer: Gigi Buffon, der gerade mit 40 Jahren seinen Abschied von Juventus Turin eingereicht hat, ohne ausdrücklich eine Weiterbeschäftigung anderswo auszuschließen. Das erklärt Löws mutige Entscheidung, seiner Nummer eins eine Sonderrolle im Nominierungsverfahren einzuräumen. Während Neuers Torhüter-Kollegen das nach außen loyal und nach innen mit der Faust in der Tasche ertragen, findet Löws Haltung bei einigen Feldspielern Zustimmung. Bayern Münchens Verteidiger Jerome Boateng sagte dem "Kicker": "Manuel Neuer ist der beste Torwart der Welt. Die anderen sind auch sehr gut, aber Manu hat eine andere Ausstrahlung. Manu ist eben Manu."

Und dass Neuer das Raumgefühl, die Sicherheit fürs Zusammenspiel in den zweieinhalb Wochen bis zum ersten WM-Spiel gegen Mexiko holen wird, scheint für seine Trainer keine Frage. "Ich habe", sagt Köpke, "ein sehr gutes Gefühl." Das hatte Heynckes schon vor anderthalb Wochen. "Die Fußballnation kann ganz beruhigt sein", erklärte er. Dann ist's ja gut.