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| 02:37 Uhr

Die Tröbitzerin Peggy Kuznik ist eine Kämpfernatur

Tröbitz. An die 22. Minute des 4. Oktober im Kölner Südstadion wird Peggy Kuznik, die seit 2013 für das Frauen-Bundesligateam des 1. FFC Frankfurt kickt, wohl noch längere Zeit denken: Nach Jahren musste die Defensiv-Allrounderin, die aus Tröbitz stammt, ein Bundesligamatch erstmals vorzeitig beenden. Rudolf Neuland / rdn1

Ein unglücklicher Zusammenprall mit der Vereinskameradin Simone Laudehr bescherte ihr vor zwei Monaten nicht nur - wie zunächst angenommen - zwei Nasen-Schnittwunden, sondern nach genauerer Untersuchung bei Prof. Dr. Billigmann in Koblenz einen Nasenbeinbruch. Jetzt musste alles ganz schnell gehen, denn vier Tage später stand das Champions-League-Auswärtsspiel bei Standard Lüttich auf dem Plan. Dass die nachgereiste Peggy dort auflaufen konnte, gleicht einer medizinischen Meisterleistung.

Dank der engagierten Zusammenarbeit von FFC-Physiotherapeutin Anne Lacroix, Dr. Martin Scholz (Mainz) und dem renommierten Wiesbadener Sanitätshaus Zorn konnte binnen 24 Stunden eine individuell angepasste Maske hergestellt werden. So kam es, dass die als Kämpfernatur bekannte 29-jährige Profifußballerin seitdem bei allen 16 nationalen und internationalen Begegnungen des 1. FFC Frankfurt eingesetzt war. Zuletzt am 2. Advent beim 2:0-Heimsieg gegen den badischen SC Sand - schon wieder ohne den Gesichtsschutz.

Was für ein Entwicklungsweg dieses Tröbitzer Mädchens. Schon als Fünfjährige begann sie, von ihrem Vater Holger und Trainer Andreas Schulz gefördert, im kleinen Dorfverein Blau-Weiß Tröbitz mit dem Fußballspielen. Sehr bald zeigte sich ihr überdurchschnittliches Talent beim Umgang mit dem runden Leder. Nach einer erfolgreichen Sichtung mit Probetraining in Potsdam wechselte sie mit Beginn der 7. Klasse im Jahr 2000 zur dortigen Sportschule. Peggy kommentiert: "Die Lehrer dort müssen sich wohl gedacht haben: Aus der kann mal etwas werden".

Nicht jedem jungen Talent gelingt es, sich vom üblichen Grundschulunterricht auf den stark strukturierten Sportschulablauf umzustellen. Rückblickend sagt Peggy bei einem Gespräch in der Mainmetropole: "Man muss schon ziemlich fußballbesessen sein, um das alles zu bewältigen - den obligatorischen Unterricht und dazu zweimal täglich das Training. Vor allem bei Steffen Kreische. Dazu kommt, dass in Potsdam alles sehr gut organisiert und aufeinander abgestimmt ist."

In Potsdam reifte die Absicht, Profispielerin zu werden. "Wenn du so viel Zeit und Kraft investierst und auch so jung von der Familie weggehst, hast du schon bestimmte Ziele vor Augen - in die Bundesliga zu kommen oder vielleicht sogar ins Nationalteam." Man spürt den berechtigten Stolz, als sie ergänzt: "Ich durfte bereits als 15-Jährige bei der 1. Mannschaft unter dem prominenten Chefcoach Bernd Schröder mittrainieren. Es war toll, unter so bekannten Aktiven wie Ariane Hingst, Viola Odebrecht, Conny Pohlers oder der Weltklasse-Torhüterin Nadine Angerer zu sein".

Über die Stationen Turbine Potsdam (2002-2007), Lok Leipzig (2008/09), den rheinland-pfälzischen SC 07 Bad Neuenahr (2009-2013) und dem Null-Spiele-Intermezzo 2013 beim VfB Wolfsburg, zu dem Peggy sagt: "Ich habe die Situation dort sportlich und privat unterschätzt", wechselte sie noch im gleichen Jahr zum 1. FFC Frankfurt. Mit sieben nationalen Meisterschaften, neun Pokalsiegen und vier internationalen Titeln einer der erfolgreichsten deutschen Vereine im Frauenfußball.

Der Engländer Colin Bell, dessen Trainervertrag in Frankfurt ziemlich überraschend am 1. Dezember aufgelöst wurde, coachte Peggy seit rund fünf Jahren. Er charakterisiert sie so: "Sie ist einfach ein wunderbarer Mensch, eine tolle Persönlichkeit. Ihre Stärken sind ihre Menschlichkeit. Sie hat ein großes Herz." Der 54-Jährige, der 2016 den norwegischen Vizemeister Avaldsnes IL - ein Wikingerort auf der Insel Karmoy, trainieren wird, sagt zu ihren sportlichen Leistungen: "Was Peggy in den letzten Jahren in Frankfurt geleistet hat, ist überragend. Sie ist taktisch gut geschult, erfahren und robust. Dazu technisch gut, im Kopfball- und Passspiel sehr stark. Sie geht bei Standards mit in die Offensive. Ich halte sie für eine der konstantesten Spielerinnen der Bundesliga überhaupt. Und zusammen mit Saskia Bartusiak ist sie für mich und auch einige andere Trainer eine der beiden besten Innenverteidigerinnen Deutschlands".

Warum Peggy Kuznik nach exakt 46 Länderspielen von der U-17 bis zur U-21-Auswahl des DFB dann nie in die A-Nationalmannschaft berufen wurde, beantwortet Bell diplomatisch: "Fußball ist ja vielfach auch eine Meinungssportart. Die genaue Antwort darauf kann und muss nur jemand anderes geben." Also stellten wir Nationaltrainerin Silvia Neid schriftlich die gleiche Frage. Über ihre DFB-Pressesprecherin ließ die zweifellos verdienstvolle Dame dann nach einigen Tagen diesen lapidaren Satz übermitteln: "Sie können sicher sein, dass der Sichtungs- und Auswahlprozess für Nationalspielerinnen sorgfältig nach den verschiedensten Kriterien erfolgt." Wie lange mag man beim DFB daran wohl sprachlich gefeilt haben? Antwort geschenkt, Kommentar überflüssig.

Peggy Kuznik jedenfalls will weiterhin alles dafür tun, um eine feste Größe beim diesjährigen Triple-Gewinner zu sein. Denn nach dem Pokal-Aus gegen die Münchner Bayern-Frauen will sich das Team unter dem bisherigen australischen Co-Trainer und Videoanalysten Matt Ross (37) als Interimscoach im Meisterschaftskampf wieder in Richtung Tabellenspitze orientieren. Dazu müssen allerdings zunächst die Auswärtsmatches bis zum Abschluss der 1. Halbserie in Leverkusen und Essen unbedingt gewonnen werden. Und im März soll im Viertelfinale der Champions-League gegen den schwedischen Vertreter FC Rosengard ein weiterer Schritt zum erneuten Gewinn dieser UEFA-Trophäe gegangen werden.

Bleibt bei allen sportlichen Pflichten eigentlich noch Zeit für Privates? Hier gibt Peggy einen kleinen, aber für sie charakteristischen Einblick: "Es ist gut, wenn man einen Partner mit Verständnis für diesen Aufwand hat. Deshalb fahre ich an vielen Trainingstagen die rund 160 Kilometer aus einem rheinland-pfälzischen Dorf bei Bad Neuenahr ins hessische Frankfurt und meist auch wieder zurück zu meinem Freund Dominik. Und wenn ich mal frei habe, dann genießen wir diese Zeit", erzählt die einst blonde und jetzt dunkelhaarige Frau, die eine abgeschlossene Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation besitzt.