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| 11:52 Uhr

Lobinger kämpft gegen Krebs
Gegen die Leukämie anschreiben

Tim Lobinger kämpft erneut gegen den Krebs.
Tim Lobinger kämpft erneut gegen den Krebs. FOTO: Riva Verlag
Düsseldorf. Als Stabhochspringer fällt es Tim Lobinger schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Mit dieser Devise geht er nun mit Mitte 40 auch seinen größten Wettkampf an - den gegen den Blutkrebs. Ein Buch zu schreiben, ist Teil der Therapie. Stefan Klüttermann

Als Stabhochspringer fällt es Tim Lobinger schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Mit dieser Devise geht er nun mit Mitte 40 auch seinen größten Wettkampf an - den gegen den Blutkrebs. Ein Buch zu schreiben, ist Teil der Therapie.

Tim Lobinger ist kein guter Verlierer. Zu dem Schluss muss jeder kommen, der dem Stabhochspringer in den 1990er und 2000er Jahren im Stadion oder vor dem Fernseher zusieht. Den Sieg des diesmal Besseren anzuerkennen, damit hat der Mann mit den langen Haaren kein Problem. Aber verlieren kann er nicht. Will er nicht. Denn der Mann, der 1999 als erster Deutscher unter freiem Himmel sechs Meter überspringt, will nicht akzeptieren, dass er in einem Wettkampf nicht die Leistung bringt, zu der er fähig ist. Er kann es nicht. Also hadert er, er mosert, und alle sehen zu. Das ist seine Art, Niederlagen zu verarbeiten. Sich mit ihnen abzufinden will er nicht. Denn verlieren ist für ihn keine Option. So heißt nun auch Lobingers Buch. "Verlieren ist keine Option". Es ist keine Sportlerbiografie. Es ist die Biografie seines größten Kampfes: dem gegen die Leukämie.

"Für mich als Stabhochspringer waren Fallhöhen aus sechs Metern so normal wie für andere ein Hüpfer von der Bordsteinkante. Aber als Professor Ulrich Keller das Wort Leukämie aussprach, war der Aufprall hart", schreibt Lobinger zu Beginn der 240 Seiten seines Krebstagebuchs. Des verschriftlichten Kampfes gegen den Blutkrebs. Gegen die Angst. Die Angst, der Angst so viel Platz einzuräumen, dass Verlieren doch zur Option werden könnte. "Ich wollte aus der Opferrolle herauskommen, in der ich zur Passivität verdammt war", schreibt der 45-Jährige.

Die Opferrolle passt auch nicht zu ihm. Zum Sunnyboy früherer Tage. Zum Mann, dessen Markenzeichen die Frisur mit wahlweise buschigem Pferdeschwanz oder wellender Mähne war. Stabhochspringer wären keine Stabhochspringer, wenn es ihnen an Selbstbewusstsein fehlte. Dafür sind sechs Meter zu hoch. Tim Lobinger war so selbstbewusst, dass er auf manche sogar arrogant wirkte. Die fanden dann auch, dass diese Arroganz nicht zu einem passte, der schließlich bei sieben Freiluft-Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen keine Medaillen vorweisen konnte. Immerhin dreimal Edelmetall bei einer EM sammelte Lobinger in seiner Karriere.

Aber in jedem Fall verstand es der gebürtige Rheinbacher zu polarisieren. Mit seiner Art, mit Provokationen wie der Ehrenrunde beim Weltfinale 2003 in Monaco, als er plötzlich die Hose herunterzog. Man redete über Lobinger, das war Teil seines Kalküls. Zu einer Zeit, als viele noch glaubten, die sportliche Leistung allein garantiere ihnen Schlagzeilen und Sponsorengelder, hatte Lobinger erkannt, dass es ein Image braucht. Wenn er also als Aktiver als exzentrisch, als extrovertiert galt, so ist er es heute immer noch. Denn diese Extrovertiertheit steht als Motto über seinem Kampf gegen den Krebs, der im März 2017 begann.

In den 19 Kapiteln seines Buches liefert Lobinger kein Patentrezept dafür, wie andere Betroffene diesen schweren Weg angehen sollten, all die körperlichen und seelischen Qualen. Das ist auch nicht seine Absicht. Er legt einfach sein Leben dar. Seinen Weg. Seine Gefühle und Gedanken. Ohne Wertung. Ohne Besserwisserei. Das Schreiben, diese Offenheit, er sieht sie als Teil seiner Therapie. "Das Tagebuch war meine große mentale Stütze bei diesem Höllenritt, ein Freund auf der Reise durch die Höhen und Tiefen", schreibt er.

Nach fünf Chemotherapien und einer Stammzellentransplantation wuchs die Hoffnung, wieder Herr über den Krebs zu sein. Den Kampf vollständig zu gewinnen, wäre blauäugig, das weiß Lobinger. "Ich werde mich darauf einstellen müssen, dass ich bis zum Ende meines Lebens regelmäßig mein Blut nach bösartigen Zellen untersuchen lassen muss." Aber die Zielsetzung hatte sich immerhin von "überleben" zu "leben" verbessert. Leben vor allem mit seinem kleinen Sohn Okki, dem zweifellos größten Motor, größten Motivator für den Kampf des Papas.

Doch das letzte Kapitel im Buch heißt "Einer will gewinnen". Und dort beschreibt Lobinger, der nach seiner Leichtathletikkarriere als Fitnesstrainer arbeitete - unter anderem bei RB Leipzig -, wie die Leukämie zurückkehrte. Nicht so schlimm wie im Vorjahr, aber der Krebs signalisierte eben: Ich bin noch da. Der Kampf geht also weiter. Für ein wenigstens lebenswertes Leben mit der Krankheit. Für Gedanken an die Zukunft. Für Pläne. Mit Okki und den beiden Kindern aus erster Ehe. "Der Krebs hat mir keine Lektion erteilt", schreibt Lobinger trotzig. "Ich finde, damit würde ich ihm eine Kompetenz zubilligen, die ihm nicht zusteht." Das ist für Lobinger keine Option.

Genauso wenig eben wie verlieren.

Buch Tim Lobinger, Verlieren ist keine Option, 240 Seiten, mit einem Vorwort von Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich, Verlag Riva, 19,90 Euro.