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| 10:16 Uhr

Interview Pamela Dutkiewicz
„Wir Deutschen zählen einfach zu gerne Medaillen“

Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz spricht über ihre WM-Medaille von London, blauen Lippenstift bei der Konkurrenz, Edelmetall als einzig gültige Währung hierzulande und ihr Erstaunen über den Wirbel um Gesa Krause. Von Stefan Klüttermann

Pamela Dutkiewicz sitzt im Schatten der Hochsprungmatte im in die Jahre gekommenen Wattenscheider Lohrheidestadion. Die 26-jährige Hürdensprinterin ist locker, gelöst, gut drauf. Und das, obwohl ihr ein Muskelfaserriss im Oberschenkel vor einigen Wochen die gesamte Saisonplanung zerschoss. Doch nun ist die Bronzemedaillengewinnerin der WM von London im vergangenen Jahr zurück auf der Bahn. Und der erste Schritt hin zur Heim-EM in Berlin im August ist getan: Am Wochenende lief Dutkiewicz beim Saisoneinstand in Mannheim die Norm von 12,89 Sekunden.

Haben Sie Ihrem Oberschenkel inzwischen verziehen, dass er sie im Stich gelassen hat?

Dutkiewicz (lacht) Absolut. Und ich habe auch längst wieder volles Vertrauen zu ihm. Als es passiert ist, habe ich eigentlich eher gedacht, wie oft er zuvor schon gehalten hat. Wie oft ich schon gewisse Schmerzen ignoriert habe. Ich glaube, er hatte mir schon ein paar Mal signalisiert, dass es für dieses Training reicht. Und jetzt hat er sich eben gedacht: Gut, dann musst du es so lernen.

Wird einem in solchen Momenten eigentlich klar, wie kurzlebig eine Saisonplanung sein kann?

Dutkiewicz Ja, das ist wirklich verrückt. Im vergangenen Jahr ist von Mai bis September für mich alles so gelaufen. Da habe ich gar nicht hinterfragt, dass es auch anders sein könnte. Dieses Jahr habe ich schon im April gemerkt, dass es in eine andere Richtung geht, als ich wollte. Heute weiß ich, dass es keine Saison wird wie geplant, aber es ist alles absolut zu retten. Ich habe über Wochen viel alternativ trainiert, und ich habe danach auf der Bahn gemerkt, dass ich nicht so viel an Form verloren habe, wie man nach so einer Verletzung immer befürchtet. Da macht man sich im Kopf viel mehr Panik als nötig.

Ist das etwas, was man erst mit der Zeit lernt: Dass der Kopf im Sprint eine größere Rolle spielt, als sich ein Sprinter eingestehen will?

Dutkiewicz Ja. Der Körper muss gesund sein, das ist klar. Doch es geht auch viel um den Kopf. Nehmen Sie Lolo Jones, eine Hürdensprinterin aus den USA. Sie hat unlängst gesagt, sie habe sich in diesem Jahr körperlich so intensiv wie nie vorbereitet, darüber aber das mentale Training vernachlässigt. Und sie merke jetzt, wenn dein Kopf eine Hürde sieht und nein sagt, kann dein Körper so gut trainiert sein, wie er will. Es reicht nicht. Das da oben ist so entscheidend, gerade im Sprint. Deswegen wollte ich wegen der Verletzung auch nicht zu sehr in Aktionismus verfallen – ich muss aber zugeben: Das war nicht leicht.

Muss eine Sprinterin die Konkurrenz letztlich nicht nur mit den Beinen schlagen, sondern auch mit dem Kopf? Wie war das vor dem Finallauf der WM in London?

Dutkiewicz Im besten Fall ist man vor so einem Lauf gedanklich allein bei sich. Aber andererseits verschließt man ja auch in diesen Minuten nicht die Augen. Man bekommt ja mit, was im Callroom passiert. Und da würde ja keine zeigen, wenn sie Selbstzweifel hätte oder nervös wäre. Die sind alle abgezockt. Aber ich habe mittlerweile einen Weg gefunden, dass es mich sogar pusht, wenn ich sehe, die anderen sind auch bereit.

Der Callroom ist eine Bühne, oder?

Dutkiewicz Ja, das ist auch eine ganz entscheidende Phase. Du sitzt da ja teilweise 20 Minuten, eine halbe Stunde zusammen. Im Kreis, auf einer Bank, mit den Mädels, gegen die du gleich läufst. Mal springt eine auf und lockert die Fußgelenke. Und dann machen es alle nach. Verrückt, oder?

Wie finden Sie danach den Einlauf der Athletinnen zum Endlauf ins Stadion?

Dutkiewicz Ich finde es super, gerade für das Publikum. Ich mag es, wenn man durch das Tor läuft, und es sprüht Feuer hoch, die Musik ist laut. Das ist doch schön modern.

Und dann steht wie in London die US-Amerikanerin Christina Manning neben Ihnen. Mit blauem Lippenstift. Wie eine Kriegsbemalung. Beeindruckt Sie so etwas? Oder muss man das als Sprinterin heute so machen?

Dutkiewicz Nein, man muss es nicht machen. Aber ich finde es schön. Ich finde es super. Die Amerikanerinnen sind da tausend Mal mutiger als wir hier in Deutschland. Als ich in dem Finallauf diese Kette anhatte, haben viele gesagt: „Oh Gott, was trägt sie denn da?“ Und die Amerikanerinnen machen es einfach. Aber die sind auch einfach cooler. Die tanzen. Die schreien. Die singen. Die probieren natürlich mit allen Mitteln, dich aus deiner Konzentration zu bringen.

Funktioniert so etwas nur im Sprint?

Dutkiewicz Ich glaube schon. Wenn du Runden drehst und viel schwitzt, macht es keinen Sinn, dick Make-up aufzutragen.

Und wie viel Show ist im Spiel, wenn alle Kontrahentinnen die Siegerin im Zielbereich herzen und drücken?

Dutkiewicz Das Gratulieren? Für mich gehört das dazu. Ich bin so erzogen, jemandem zu gratulieren, wenn sie gerade gewonnen hat. Auch wenn mein Rennen nicht so war wie erhofft. Ich kann aber natürlich nicht sagen, wie die anderen das sehen.

Wie wichtig ist es Ihnen, trotz aller Konkurrenz im Sport ein netter Mensch zu bleiben?

Dutkiewicz Sehr wichtig. Ich musste auch erst lernen, dass ich ruhig abgezockt auf der Bahn sein darf, ohne dadurch ein schlechter Mensch zu werden.

Stichwort Respekt. Wie haben Sie bei der WM Gesa Krause erlebt. Sie wurde ja dafür hochgelobt, dass sie trotz Sturz und damit früh ausgeträumtem Medaillentraum die 3000 Meter Hindernis zu Ende gelaufen ist.

Dutkiewicz Ich fand es super. Auch dass sie nach dem Rennen ihre Emotionen so gezeigt hat. Und ich fand es gleichzeitig selbstverständlich. Deswegen war ich auch erstaunt, was für Wellen das Ganze geschlagen hat. Unser Herz schlägt doch so sehr für die Leichtathletik, da hätte ich mir nicht vorstellen können, dass irgendeine Läuferin an ihrer Stelle aus dem Rennen ausgestiegen wäre.

Hat Ihnen die Bronzemedaille von London eine innere Beruhigung verliehen? Die kann Ihnen ja nun niemand mehr nehmen.

Dutkiewicz Absolut. Die Medaille ist etwas Handfestes, ich habe quasi schwarz auf weiß, was ich erreicht habe. Das ist natürlich schön. Und es ist auch förderlich mit Blick auf die Außenwelt. Auch in der Uni. Das stelle ich in diesem Jahr fest. Mit der Medaille ist es schon leichter für mich zu argumentieren, warum ich eine Veranstaltung oder Prüfung wegen eines Trainingslagers verpassen muss.

Also zählt am Ende doch nur Edelmetall für die Öffentlichkeit?

Dutkiewicz Es ist zwar schade, aber es ist so. Wir Deutsche zählen einfach zu gerne Medaillen, blicken immer wieder auf den Medaillenspiegel. Ich würde mir nur wünschen, man würde das auch ehrlich zugeben. Und dass man dann auch die Rahmenbedingungen für uns Sportler hierzulande so gestaltet, dass wir optimale Möglichkeiten haben, Medaillen zu gewinnen.

Als Thomas Röhler 2016 Olympiasieger in Rio im Speerwurf wurde, hat er sich danach offensiv zu einer Führungsrolle für die Leichtathletik bekannt. Würde eine solche Rolle Ihnen auch liegen?

Dutkiewicz Ob ich eine solche Rolle offensiv reklamieren würde, weiß ich nicht. Aber wenn jemand sagt: „Komm, wir sehen dich als Zugpferd für deine Sportart“, dann mache ich das natürlich mit. So wie es die Organisatoren von Berlin2018 tun. Das finde ich schön. Als Sportler suchst du doch Bestätigung, willst du doch öffentliche Anerkennung.

Erfahrungsgemäß ist eine EM das Größte für deutsche Sprinter, weil eben die Konkurrenz aus den USA, Jamaika und Afrika fehlt. Jetzt haben Sie aber bei der WM eine Medaille gewonnen. Relativiert das für Sie die Bedeutung der Heim-EM im August?

Dutkiewicz Ehrlich gesagt war der Trainingsaufbau, den wir im Oktober 2016 gestartet haben, komplett auf die EM in Berlin ausgerichtet. Die WM sollte ich so mitnehmen. Dass ich da jetzt Bronze geholt habe, ist super, aber trotzdem bleibt die EM im eigenen Land etwas ganz Besonderes. Da lautet das Ziel natürlich, im Endlauf zu stehen. Und wenn das klappt, ist eine Medaille greifbar.