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| 10:48 Uhr

Leichtathletik
Das Los der Trainer: „Lieber an die Supermarktkasse“

 Michael Deyhle ist einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathletik-Trainer. Foto: Sebastian Kahnert
Michael Deyhle ist einer der erfolgreichsten deutschen Leichtathletik-Trainer. Foto: Sebastian Kahnert FOTO: Sebastian Kahnert
Berlin. Massig Überstunden, kaum Wochenenden, viel Schreibkram, wenig Geld: Anno 2019 müssen die meisten Leichtathletik-Trainer in Deutschland bei ihrer Leidenschaft von (frischer) Luft und Liebe (zum Sport) leben. Von Ralf Jarkowski, dpa

Dabei engagieren sich tausende Übungsleiter zwischen Flensburg und Freiburg nach ihrer eigentlichen Arbeit im Zweitjob noch für die Ausbildung junger Läufer, Werfer und Springer - mit Herz und Seele. Wer dabei an Geld denkt, ist fehl am Platze.

„Der Trainerjob ist eher unbeliebt. Das Gehalt ist abartig niedrig, die Arbeitszeiten sind abartig hoch“, drückte sich Robert Harting auf eher drastische Weise aus. In 15 Jahren Hochleistungssport hat der Diskuswurf-Olympiasieger so seine Erfahrungen gemacht. Trainer? Nie! „Der Stuhl ist zu heiß, außerdem bin ich nicht geduldig genug“, antwortete der 34-Jährige einmal auf die Frage, ob er sich nach der Karriere auch einen Trainerjob vorstellen könnte.

„Von Luft und Liebe kann letztlich keiner leben“, sagte Michael Deyhle, einer der erfolgreichsten und erfahrensten deutschen Leichtathletik-Trainer, der Deutschen Presse-Agentur. Auch Thomas Röhler drückte sich bildhaft aus. „Ein Sportstudent würde sich doch lieber an die Supermarktkasse setzen, als Kinder durch die Halle zu scheuchen“, sagte der Speerwurf-Olympiasieger aus Jena zur Situation von Nachwuchstrainern und ihrer bescheidenen Vergütung.

Luft und Liebe? Thomas Franzke lebt es vor. Im Januar hatte der Polizei-Ausbilder über 70 Stunden auf dem Zettel - als Trainer einer U16-Gruppe des TSV 1888 Rudow Berlin. Man spürt es: Der ehemalige Dreispringer ist mit Leidenschaft dabei. „Ich mache das aus Liebe zur Leichtathletik. Ja, für'n Appel und'n Ei, könnte man sagen“, schilderte der ehemalige Dreispringer, der „15 bis 20 Stunden pro Woche“ bei der Leichtathletik ist: „Auch im Kopf.“

Aufwandsentschädigung für Training und Wettkämpfe: 4,50 Euro pro Stunde. Mindestlohn in Deutschland ab dem 1. Januar 2019: 9,19 Euro. Fahrten im eigenen Pkw, zum Beispiel nach Kienbaum wie am vergangenen Wochenende, zahlt der 44-Jährige aus eigener Tasche. Immerhin: Für Trainingslager bekommt Oberkommissar Franzke von seinem Dienstherren bei der Polizei fünf Tage Sonderurlaub.

Bundestrainer mit vergleichsweise guten Gehältern, Übungsleiter in kleinen Vereinen mit Honorarverträgen oder in Mischfinanzierung, ein paar Spesen für die Fahrt zu Wettkämpfen - die Unterschiede sind enorm. Dazu kommt oft die Unsicherheit: Wird mein Vertrag verlängert?

Derzeit sind in Deutschland nur rund 200 Trainer/-innen in der olympischen Kernsportart hauptberuflich tätig - ein Viertel von ihnen ist beim Deutschen Leichtathletik-Verband angestellt. In den etwa 7700 Vereinen läuft nichts ohne die Ehrenamtlichen. Denn die oft klammen Vereine haben für angestellte Übungsleiter immer weniger Geld.

Deyhle kennt sich aus, der Mann hat Betty Heidler, Kathrin Klaas und viele andere Athleten zu Weltklasse-Hammerwerfern geformt. Heidler war Weltmeisterin, Weltrekordlerin. Seit 2017 trainiert der 67-
Jährige Talente in China. 15 Jahre lang (von 2001 bis 2016) war er Bundestrainer, davor Honorartrainer.

Er selbst ist gut gestellt, hat aber auch seine Kollegen und das große Ganze im Blick. „Es ist erschreckend, wie viele Trainer Honorarverträge haben oder in der Mischfinanzierung stecken. Letztendlich ist das ein Drama“, meinte Deyhle, der „Hochachtung“ vor den Vereinstrainern hat. „Aber: Nur alleine über das Schulterklopfen - ob das langfristig funktionieren kann, wage ich zu bezweifeln.“

Deshalb findet er: „Die Honorarverträge müssen dringendst abgeschafft werden! Weil die Trainer da wirklich über den Tisch gezogen werden. Die sind da weder sozialversichert noch haben sie eine Garantie für eine langfristige Beschäftigung“, warnte Deyhle. „Die leben im Prinzip von kleinem Geld. Viele haben einen Nebenjob, denn kein Mensch kann mit so einem Gehalt vernünftig leben.“

Bevor sein Musterschüler Röhler Olympiasieger und Europameister wurde, musste Harro Schwuchow für Trainingslager noch Urlaub nehmen. „Seit der DLV mich mitfinanziert“, erklärte er, „habe ich alle Freiheiten.“ Und: „Bei mir funktioniert es mit der Mischfinanzierung eigentlich ganz gut.“ Allerdings: In Skandinavien sei das System auf Vereinsbasis organisiert, weiß Schwuchow von vielen Reisen in die Speerwurf-Region. „Wenn ich mich in Göteborg als Trainer bewerben würde, dann könnte ich dort das Doppelte verdienen.“

In Deutschland sei es „kompliziert, junge, engagierte Leute für den Trainerjob zu motivieren. Gut, mit dem Gehalt kann man überleben. Aber die Arbeitszeiten sind jenseits von Gut und Böse“, sagte Schwuchow. „Die administrativen Aufgaben nehmen langsam überhand. Der Schreibkram: Papiere über Papiere, Excel-Tabellen ausfüllen.“

Wolfgang Killing ist mit 65 Jahren im Ruhestand - die Hälfte seines Lebens war er Bundestrainer und bis zum Vorjahr wissenschaftlicher Direktor der DLV-Akademie in Mainz. „Der größte Teil der Trainer macht seinen Job ja nebenberuflich, als Hobby, für vergleichsweise wenig Geld. Viele dieser Freizeittrainer sind hoch qualifiziert und hoch motiviert“, sagte Killing der dpa und verwies auf zwei bedenkliche Nebeneffekte: „Ungewollt schwächen sie die Verhandlungsposition ihrer hauptamtlichen Kollegen.“ Und: „Bei vielen Trainern trifft der Begriff der Selbstausbeutung zu - sie beuten sich selber aus und arbeiten weit mehr als 40 Stunden in der Woche.“

Kurzporträt Michael Deyhle

DLV-Akademie

Fakten zum DLV

TSV Rudow 1888 Berlin

 Skeptischer Blick: Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler. Foto: Soeren Stache
Skeptischer Blick: Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler. Foto: Soeren Stache FOTO: Soeren Stache