| 14:14 Uhr

Eishockey
Überflieger mit Bodenhaftung

Dustin Strahlmeier hat seinen Vertrag bei den Schwenninger Wild Wings verlängert.
Dustin Strahlmeier hat seinen Vertrag bei den Schwenninger Wild Wings verlängert. FOTO: EIBNER/Sven Laegler / imago/Eibner
Weißwasser. Dustin Strahlmeier war Publikumsliebling bei den Lausitzer Füchsen. Am Samstag kehrt er zurück nach Weißwasser – als Nationalspieler. Von Frank Noack

Auch diesmal wird er kurz vor dem Spiel wieder in seinem ganz persönlichen Torwart-Tunnel aus Musik verschwinden. Den Weg von der Kabine auf das Eis in der Weißwasseraner Arena kennt Dustin Strahlmeier ja sowieso noch in- und auswendig. Schließlich hat der 25-jährige Keeper von 2012 bis 2014 für die Lausitzer Füchse gespielt.

An diesem Samstag kehrt Strahlmeier als Torhüter der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft in den Fuchsbau zurück. Um 17.45 Uhr trifft das DEB-Team im Rahmen der Euro Hockey Challenge  in einem weiteren WM-Vorbereitungsspiel auf die Slowakei  (17.45 Uhr/live in Sport1). Das zweite Spiel findet dann am Sonntag in Dresden statt (17 Uhr/live in Sport1).

Die Hockey-Fans in der Lausitz drücken natürlich die Daumen, dass Dustin Strahlmeier am Samstag eine weitere Bewährungschance von Bundestrainer Marco Sturm bekommt. Es wäre das zweite Länderspiel für den 1,93 Meter großen Keeper. Das Debüt fiel am vergangenen Samstag mit dem 4:3-Sieg nach Verlängerung gegen Olympiasieger Russland viel versprechend aus.  „Die Jungs haben mir sehr geholfen. Es ist natürlich super, dass man im ersten Spiel für die Nationalmannschaft den ersten Sieg feiern kann“, erklärte Strahlmeier anschließend. Und klar, es habe natürlich „riesen Spaß“ gemacht, mit dem Adler auf der Brust zu spielen.

Das mögliche Heimspiel in Weißwasser wird Dustin Strahlmeier ­allerdings wohl erst nach der Partie so richtig genießen können. Denn die absolute Konzentration gehört zu den Stärken des Überfliegers dieser DEL-Saison. „Nach der Abschlussbesprechung in der Kabine rede ich mit keinem mehr. 40 Minuten vor dem Warmup habe ich meine Kopfhörer auf und höre ­Musik“, hat Strahlmeier kürzlich im Interview mit dem „Südkurier“ verraten. Dann gibt es Ruhrpott-Rap auf die Ohren, wie der Torhüter seine bevorzugte Musikrichtung nennt.

Der in Gelsenkirchen geborene Strahlmeier ist ein echter Ruhrpott-Junge. Seine Karriere als Eishockeyspieler begann in der Nachwuchsabteilung der Moskitos Essen. 2012 wechselte er nach Weißwasser und bekam als Backup des damaligen Füchse-Torhüters Jonathan Boutin auch einige Einsätze in der DEL2 und wurde zum Liebling der Füchse-Fans.

2014 ging Strahlmeier zu den Straubing Tigers in die DEL. So richtig ernst nahm ihn die Eis­hockey-Fachwelt dort aber noch nicht. Im zweiten Jahr in Straubing kam er auf 14 Spiele. Das ist zwar keine schlechte Quote – mehr aber eben auch nicht. 2016 folgte der Wechsel zu den Wild Wings Schwenningen, wo Strahlmeier so richtig durchstartete. In der laufenden Saison war er nicht nur die klare Nummer 1 in der Stadt am Neckar, sondern wurde dank seiner starken Leistungen sogar zum „DEL-Torhüter des Jahres“ gewählt.

Dustin Strahlmeier genießt mittlerweile eine hohe Wertschätzung in Schwenningen und war einer der Garanten dafür, dass die Wild Wings zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder die Play-off-Runde erreichten. Bereits im November wurde der Vertrag des Torhüters um ein weiteres Jahr verlängert. „Nicht nur seine ­tollen Leistungen auf dem Eis, ­sondern auch seine hohe Trainingsmoral und seine Einstellung sind immer top“, schwärmte Wild-Wings-­Manager Jürgen Rumrich.


Am vergangenen Samstag feierte Dustin Strahlmeier beim Sieg gegen Russland sein Debüt in der Nationalmannschaft.
Am vergangenen Samstag feierte Dustin Strahlmeier beim Sieg gegen Russland sein Debüt in der Nationalmannschaft. FOTO: Anton Novoderezhkin / imago/ITAR-TASS

Mindestens genauso wertvoll wie das Lob des Managers ist ein ganz besonderes Angebot von Schwenningens Torwart-Legende Matthias Hoppe. Der inzwischen 59-jährige Hoppe trug sage und schreibe 17 Jahre lange das Trikot der Wild Wings. Sein Trikot mit der legendären Rückennummer 27 hängt seit dem Karriere-Ende unter dem Dach des Eisstadions in Villingen-Schwenningen. Die Nummer 27 wird seitdem bei den Wild Wings nicht mehr vergeben. Aber das könnte sich ändern. Denn Hoppe hat Strahlmeier anboten, statt mit der 34 künftig mit der legendären 27 im Tor zu stehen.

An eine ähnlich lange Karriere wie Hoppe in Schwenningen mag Dustin Strahlmeier zwar nicht denken. Denn die besten Jahre eines Torhüters hat er schließlich noch vor sich. Und sein erklärtes Karriere-Ziel ist die NHL, also die beste Liga der Welt.

Aber der Ruhrpott-Junge mit Erfahrungen in der Lausitz fühlt sich derzeit absolut wohl in Schwenningen und hat deshalb auch besser dotierte Vertragsangebote abgelehnt.  „Das Ganze hat auch etwas mit ­Werten zu tun. Was im Sport kaum noch existiert, ist Loyalität. Das soll nicht heißen, dass ich der nächste Matthias Hoppe in Schwenningen werde“, sagte Strahlmeier im „Südkurier“-Interview. „Aber die Wild Wings haben mir die Chance ge­geben, mich zu beweisen und ­meine Schritte zu machen. Da wollte ich nach zwei Jahren nicht sagen: Das war’s, ich bin weg.“

Stattdessen ist er weiterhin da – und nun auch in der deutschen Nationalmannschaft. Hinter dem beinahe kometenhaften Aufstieg steckt vor allem harte Arbeit. Strahlmeier hat viel Kraft und Konzentration in die aktuelle Saison investiert, weil die Zeit irgendwie reif schien für den nächsten Karriere-Schritt. Im Sommer flog er extra zu Wild-Wings-Torwartcoach Ilpo Kauhanen nach Finnland, um dort zu trainieren. Außerdem nahm er sich einen Personaltrainer und arbeitete an seiner Fitness. Wenn Strahlmeier nach den Gründen für seine Leistungsex­plosion gefragt wird, nennt er ­immer wieder diese Teamarbeit, die ihn stärker und besser denn je gemacht hat. Er ist eben ein Überflieger mit Bodenhaftung.

Egal, wie am Samstag die Partie gegen die Slowakei in Weißwasser ausgeht – die Fans werden ihren „Strahli“ in jedem Fall ausgiebig feiern. Immerhin ist ein Ex-Fuchs jetzt Nationalspieler. Auf die Ohren gibt es nach dem Spiel dann keinen Ruhrpott-Rap, sondern Lausitz-Lob aus tausenden Kehlen.