ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 12:24 Uhr

Weißwasseraner Eishockey-Wahnsinn mit Überlänge
„Schatz, wird später“: XXL-Spiel der Füchse

 Maximilian Franzreb macht ein Klassespiel im Füchse-Tor. Den K.o. in der 107. Minute kann er aber nicht verhindern.
Maximilian Franzreb macht ein Klassespiel im Füchse-Tor. Den K.o. in der 107. Minute kann er aber nicht verhindern. FOTO: Thomas Heide
Cottbus. Das war Eishockey mit Überlänge: Die Lausitzer Füchse kassieren beim Playoff-Auftakt in Kaufbeuren das entscheidende Tor in der dritten Verlängerung - nach 107 Minuten. Der etwas andere Rückblick auf ein verrücktes Spiel. Von Steven Wiesner

Die Lausitzer Füchse müssen in einem rekordverdächtigen Playoff-Duell fast doppelt so lange spielen wie üblich. Erst gegen Mitternacht, vier Stunden und 16 Minuten nach dem ersten Bully, fällt am Freitagabend das entscheidende Tor. Der ESV Kaufbeuren gewinnt in der dritten Verlängerung mit 5:4.

Die armen Spieler, heißt es nach diesem Marathon-Match. Auch für den Zeitungsreporter bedeutete das Spiel eine nächtliche Zusatzschicht zwischen Heute-Show, Pizzaträumen und einsamen, Roten Ampeln. Ein völlig verrückter Arbeitstag im Zeitraffer.

Freitag, kurz nach 13 Uhr: „Junge, was machst du schon so früh hier“, fragt mich Kollege 1, als ich das Büro betrete, um mich langsam auf meine Spätschicht und das Auswärtsspiel der Lausitzer Füchse in Kaufbeuren einzustimmen, das ich vom Rechner aus begleiten soll. „Du hast noch einen langen Abend vor dir“, sagt er. Eigentlich müsste es mir schon in diesem Moment dämmern. Ich müsste gleich wieder kehrt machen und sagen: „Wissta wat, die Scheiße machta alleene!“ Doch ich ahne nichts. Und bleibe.

18.46 Uhr: Nach Kollege 1 macht jetzt auch Kollege 2 Feierabend. „Wann geht’s los?“, fragt er, als er schon im Türrahmen steht. „19.30 Uhr ist Bully“, entgegne ich. „Ich wünsche dir, dass es keine Verlängerung gibt“, sagt er. Im Nachhinein würde ich mir wünschen, dass mir Kollege 2 nie wieder etwas wünscht.

19.10 Uhr: Der Spätdienst bringt die ersten Sportseiten vom Korrekturlesen zurück. „Tauschst du nachher die Bundesliga-Tabelle aus vom Gladbach-Spiel oder soll ich mich darum kümmern?“, fragt er. „Nee, wär‘ cool, wenn du das machst, damit ich mich um die Füchse kümmern kann“, sage ich. „So lange, bis Bundesliga vorbei ist, will ich eigentlich nicht bleiben.“ Um 22.30 Uhr kommt schließlich die Heute-Show im ZDF.

19.36 Uhr: Das Spiel ist vier Minuten alt, als Fabian Dietz die Füchse zum ersten Mal in Führung bringt. Die Richtung stimmt.

19.53 Uhr: Ich schaue nach, wann die Füchse zum letzten Mal ein Playoff-Spiel gewonnen haben, und male mir folgende Schlagzeile aus: Füchse holen ersten Playoff-Sieg seit dem 17. März 2017. In dem Moment dreht Kaufbeuren das Spiel und stellt auf 2:1. Ich muss mir wohl eine neue Schlagzeile überlegen.

20.16 Uhr: Im 2. Drittel sind sieben Sekunden gespielt, als Jordan George zum Solo ansetzt und die Kaufbeurer Verteidiger so aussehen lässt, als hätten sie heute ihre erste Fahrstunde auf den Schlittschuhen. Um ganz sicher zu gehen, dass sich die Leute auch wirklich an sein Tor erinnern, schiebt George dem Goalie den Puck auch gleich noch durch die Beine. Sehr hübsch. 2:2.

20.22 Uhr: Eben jener George, der sich gerade noch so brillant in Szene gesetzt hat, verliert nun die Scheibe an der Mittellinie. Ein Kaufbeurer Angreifer fährt allein auf Maximilian Franzreb zu und bringt die Bayern wieder in Führung. In Unterzahl! Ärgerlich.

21.34 Uhr: Die Füchse führen wieder. Anders Eriksson und Clarke Breitkreuz haben in der Zwischenzeit getroffen. Doch Kaufbeuren ist nicht gewillt, auch das dritte Heimspiel in dieser Saison gegen Weißwasser zu verlieren. 4:4-Ausgleich im Powerplay. Wenn ich in diesem Moment schon wüsste, dass das der letzte Treffer für die nächsten zwei Stunden gewesen sein soll, würde ich mir erstmal ‘ne Pizza ins Büro kommen lassen. Aber auf so’ne verrückte Idee kannste ja nicht kommen!

21.53 Uhr: Die Füchse drücken. Nach einem gehaltenen Torschuss springt Erik Hoffmann der Puck genau vor die Kelle, doch der Lausitzer trifft nur den Pfosten. Es bleibt beim 4:4 kurz vor Schluss. Ich kann die Verlängerung schon sehen. Sie winkt mir zu wie Forrest Gump damals auf diesem alten Fischkutter.

22.18 Uhr: Tatsächlich. Die 1. Overtime läuft. „Ich glaube, dass ein schnelles Tor fällt“, sagt der TV-Kommentator. Nun ja, er gehört offenbar nicht zu den Menschen, die mit ihrem Glauben Berge versetzen können.

22.36 Uhr: Die erste Verlängerung ist Geschichte. Kurz nach halb elf und noch immer keine Entscheidung. Ein Arbeitstag aus der Rubrik „Schatz, wird später heute“. Die Heute-Show kann ich wohl vergessen. Naja, wenigstens für das NBA-Spiel der Lakers sollte es noch reichen (Tip Off: 0 Uhr).

23.03 Uhr: Der Spätdienst kommt wieder ins Büro. „Haben wir die 90. Minute schon erreicht?“ Haben wir. Aus dem XL-Spiel ist längst XXL geworden. Der Spätdienst-Kollege will jetzt Feierabend machen und gibt den Schlüssel in meine Obhut. „Kannste nachher dem Pförtner bringen, der weiß Bescheid.“ Dann klopft er mir auf die Schulter. Mitleid ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann.

23.19 Uhr: Kollege 1 ist anscheinend noch wach und fasziniert von dem XXL-Krimi, der sich hier in epochaler Ausdehnung anbahnt. „Wäre ein echt netter Zug von dir, wenn du dem Pförtner dann nachher gleich noch Brötchen holen gehst“, schreibt er mir auf Twitter. Müßig zu erwähnen, dass Kollege 1 ein Scherzkeks ist.

23.33 Uhr: Es beginnt jetzt wahrhaftig die dritte Overtime. Und ich habe keine Streichhölzer dabei, um sie mir zwischen die Augen klemmen zu können. So ein Mist.

FOTO: Screenshot

23.35 Uhr: Tor! Gott sei Dank! Es ist vorbei! Die Füchse erzielen ein Tor! Jubel! Aber nein! Videobeweis! Wer hat diesem Mumpitz eigentlich erfunden? Eigentlich bin ich ein großer Befürworter technischer Hilfsmittel im Sport. Aber im Moment find ich ihn einfach nur richtig unnötig. Das Tor zählt nicht. Ein Füchse-Spieler hat den Puck mit dem Schlittschuh über die Linie gedrückt. Und das darf er nicht. Da hätte man unter Berücksichtigung der Umstände und der Tatsache, dass manche der 3100 Zuschauer in wenigen Stunden wieder aufstehen und zur Arbeit gehen müssen, ruhig mal ein Auge zudrücken können.

23.46 Uhr: Feierabend! Und jetzt, wo er da ist, will ich ihn doch nicht. Zumindest nicht so. Die Füchse kassieren das 4:5. Und es ist ein richtiges Gurkentor. Ein Schuss aus spitzem Winkel überrascht Franzreb im Tor. Der Puck trudelt mit einer Realgeschwindigkeit von 2 Km/h über die Linie. So zu verlieren, haben die Füchse nicht verdient. Selbst der TV-Kommentator aus Kaufbeuren meint: „Boah. Tut mir leid, dass ich das so sagen muss. Aber das ist einfach scheiße!“ Es lag mir auf der Zunge.

0.21 Uhr: Ich verlasse nun das Gelände und gebe den Schlüssel beim Pförtner ab. „Und, wie haben sie denn jetzt gespielt?“, will er wissen. Ich unterrichte ihn. Und er sagt: „Hm. Und das alles für nichts.“ Na klar, streue ruhig noch Salz in die Wunde. Ich schaue aufs Handy. Ach guck mal hier, die Lakers liegen auch schon zurück.

0.56 Uhr: Ich laufe nach Hause, halte intuitiv an einer Roten Ampel, obwohl das nächste Auto vermutlich fünf Kilometer entfernt ist. Ein Fußgänger ignoriert die Farbe der Verkehrsanlage und läuft an mir vorbei über die Straße. Ja, denke ich. Stimmt eigentlich.

1.08 Uhr: Ich habe mich während des Spiels nur von Kuchen und Keksen ernährt, die noch in der Redaktion zu finden waren. Wird Zeit für etwas Nahrhaftes. Ich hole mir einen Döner zum Abendbrot. Wobei könnte auch schon als Frühstück durchgehen. Gute Nacht, Sportfreunde! Die nächste Spätschicht kann gerne ein anderer übernehmen.

Kaufbeuren - Füchse (Spiel 1) FOTO: Thomas Heide