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| 19:59 Uhr

Weißwasser testet auswärts in Kladno
Füchse gegen Jagr: Wie eine Audienz bei Gott

 Wo er auftaucht, ist auch das Feuerwerk nicht weit: Jaromir Jagr ist eine lebende Eishockey-Legende und auch mit 47 Jahren noch nicht altersmilde.
Wo er auftaucht, ist auch das Feuerwerk nicht weit: Jaromir Jagr ist eine lebende Eishockey-Legende und auch mit 47 Jahren noch nicht altersmilde. FOTO: imago images / CTK Photo / Mica Radek, via www.imago-images
Weißwasser/Kladno. Mit Jaromir Jagr treffen die Lausitzer Füchse am Freitag in Kladno auf einen der größten Eishockey-Spieler, die es je gegeben hat. Für Neuzugang Ondrej Pozivil ist das Duell mit seinem Landsmann besonders speziell: „Er ist eine große Legende und ein Held.“ Von Steven Wiesner

Die Lausitzer Füchse spielen an diesem Freitag (15 Uhr) beim tschechischen Eishockey-Klub HC Kladno und damit auch gegen einen gewissen Jaromir Jagr. Um mal ein Gefühl dafür zu bekommen, was dem Zweitligisten aus Weißwasser dabei für eine Lichtgestalt gegenüberstehen wird, dient womöglich folgende Anekdote eines früheren Mitspielers von Jagr. „Ich war mal bei einem Tennisturnier in seiner Heimat“, erzählt Andreas Johansson. „Selbst als wir am Abend nach Hause gingen, herrschte Chaos. Taxifahrer hielten mitten auf der Straße einfach an, überließen ihre Passagiere ihrem Schicksal, nur um Jagr die Hand zu geben. Unfassbar. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Es war völlig krank.“

Völlig unbegründet aber ist die Euphorie um Jaromir Jagr nicht. Denn der mittlerweile 47 Jahre alte Tscheche ist Olympiasieger, Weltmeister und Stanley-Cup-Sieger und gleichbedeutend damit auch Mitglied im elitären „Triple Gold Club“, dem nur Spieler angehören, die die drei wichtigsten Trophäen gesammelt haben, die es im Eishockey zu gewinnen gibt. Achtmal wurde Jagr ins All-Star-Team der NHL berufen, fünfmal wurde er ihr Topscorer und einmal auch ihr wertvollster Spieler.

In der besten Liga der Welt in Amerika machte Jagr zwischen 1990 und 2018 in seiner Karriere insgesamt 1733 Spiele (nur der Kanadier Gordie Howe hat mehr/1767), in denen er letztlich mehr Punkte sammelte als er Spiele absolvierte (766 Tore, 1155 Assists). Und er hält bis zu diesem Tage den Rekord mit den meisten spielentscheidenden Toren (135). Kurzum: Jaromir Jagr gehört schlicht zu den größten Eishockey-Spielern, die es je gegeben hat, und ist damit in einem Atemzug mit Granden wie Wayne Gretzky, Mario Lemieux oder Alexander Ovechkin zu nennen.

Vor allem in seinem Heimatland gilt der Mann mit der langen Mähne, die seit jeher unter seinem Helm hervorweht, als eine Art Heiland. Spätestens seit den Olympischen Spielen von 1998 in Nagano, als Tschechien seine bis heute einzige Goldmedaille holen konnte – das Tor zum 1:0-Triumph im Finale über Russland erzielte Jagr. Der Virtuose soll wegen des Trubels um seine Person immer lieber mit nordamerikanischen Journalisten gesprochen haben als mit seinen eigenen Landsleuten, heißt es. „Ich kann nicht mit ihnen reden“, sagte Jagr mal. „Sie denken, ich bin Gott.“

Die Möglichkeit auf eine Audienz bekommt nun mit dem Testspiel in Kladno auch Ondrej Pozivil. Der Neuzugang der Lausitzer Füchse ist tschechischer Staatsbürger und hat als solcher natürlich eine ganz besondere Verbindung zu dem Volkshelden. Als er auf das Treffen mit Jagr angesprochen wird, beginnt er gleich zu lachen und sagt: „Er ist eine große Legende und ein Held in Tschechien.“ Als Jaromir Jagr am 25. Mai 1991 seinen ersten Stanley Cup mit den Pittsburgh Penguins gewann, war Pozivil gerade vier Jahre alt. Heute ist er 32 Jahre alt und darf Jagr erstmals in seinem Leben auf dem Eis begegnen. „Das wird ein toller Moment für jeden in unserem Team“, sagt Pozivil. „Ich hoffe, wir können es genießen.“

 Für Ondrej Pozivil (l.) und seine Kollegen von den Lausitzer Füchsen wird das Duell mit Jaromir Jagr eine einmalige Gelegenheit.
Für Ondrej Pozivil (l.) und seine Kollegen von den Lausitzer Füchsen wird das Duell mit Jaromir Jagr eine einmalige Gelegenheit. FOTO: Thomas Heide

Nun ist Pozivil aber auch selbst kein ganz Unbefleckter. Nach seinen Profistationen in Tschechien und Frankreich kam der Verteidiger 2016 nach Deutschland, spielte zunächst in Landshut und Kaufbeuren, ehe er die letzten zwei Jahre bei den Ravensburg Towerstars verbrachte. Mit den Baden-Württembergern gewann Pozivil im vergangenen Frühjahr auch die Meisterschaft in der 2. Deutschen Eishockey Liga (DEL2).

Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach freut sich deshalb sehr über den Transfer. „Ondrej ist ein Glücksfall für uns“, erklärt er. „Er wollte näher an seine Heimat ran und so konnten wir seinen Vertrag in Ravensburg auflösen lassen. Er wird eine wichtige Rolle einnehmen, vor allem mit seinem Zweikampfverhalten und seiner Erfahrung.“ Zwischen 2013 und 2016 spielte auch schon sein vier Jahre älterer Bruder Lukas Pozivil im Fuchsbau.

In der Vorsaison konnte Ondrej Pozivil elf Tore und 33 Vorlagen zum Ravensburger Meistertitel beisteuern. Ob er nun auch mit den Lausitzer Füchsen nach der DEL2-Krone greifen könne? „Erstmal müssen wir Schritt für Schritt durch die Saison kommen und die Playoffs erreichen“, sagt Pozivil. „Ich hoffe einfach, dass ich ein bisschen helfen kann, dass ein paar Punkte auf meinen Schläger kommen und dass wir die Leute glücklich machen können.“ Und er freut sich auf seinen neuen Verein. „Ich habe in den letzten Jahren oft gegen Weißwasser gespielt und mitbekommen, dass die Füchse ein sehr guter Verein sind.“

Gegen Jaromir Jagr aber hat er noch nie gespielt. „Jeder in Tschechien ist ein großer Fan von Jagr. Jetzt gegen ihn spielen zu können, damit wird ein Traum wahr“, sagt Pozivil. Und der Methusalem selbst nimmt das Eishockey-Business auch im hohen Alter noch sehr ernst. „Ich will keine Zirkusnummer sein“, hatte Jagr vor einem Jahr bei seiner Rückkehr nach Kladno gesagt. Dass das nicht nur verzweifelte Worte eines alten Mannes waren, der nicht erkennen will, wann seine Zeit vorbei ist, stellte er schnell unter Beweis. Mit Jagr nämlich stieg Kladno wieder in die erste Liga auf. Das entscheidende Spiel in Budejovice gewann Kladno mit 4:2. Alle vier Tore erzielte Jaromir Jagr.

 Jaromir Jagr trägt die Rückennummer 68 in Anlehnung an den Prager Frühling von 1968, in dem seine beiden Großväter ihr Leben ließen.
Jaromir Jagr trägt die Rückennummer 68 in Anlehnung an den Prager Frühling von 1968, in dem seine beiden Großväter ihr Leben ließen. FOTO: imago images / CTK Photo / Mica Radek, via www.imago-images