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Düsseldorf/Pyeongchang
Konzentrations-Loch

Ein Fahrfehler kostet Rodler Felix Loch die fest eingeplante Goldmedaille im Einsitzer. Platz fünf enttäuscht nicht nur ihn. Er ist ein Einschnitt in der erfolgreichen deutschen Rodel-Tradition. Jessica Balleer

Um 14.34 Uhr deutscher Zeit atmete Felix Loch im "Alpensia Sliding Center" in Pyeongchang tief ein. Loch klappte sein Visier herunter. Der zwölffache Weltmeister, fünffache deutsche Meister und Sieger des Gesamt-Weltcups 2017/18 fokussierte die Bahn - und sah schon das Gold. Die ersten Zwischenzeiten passten. Doch mit jeder Sekunde, jeder Kurve, jeder Unebenheit schmolz der Vorsprung dahin. In Kurve neun dann sein Fauxpas. Selbst für Laien war zu erkennen, wie der Schlitten des Deutschen kurz abhob. Fast quer stand er nach der Bandenberührung. Loch konnte seinen Fahrfehler nicht mehr korrigieren, die verlorene Zeit nicht mehr aufholen.

Im Ziel wurde die Ahnung zur Gewissheit. Die Zeitanzeige leuchtete nicht grün auf, sondern grellrot. Der Olympiasieger von Sotschi 2014 hatte verloren. Mehr noch. Er fiel mit einer enttäuschenden Zeit von 48,109 Sekunden aus den Medaillenrängen auf Platz fünf. Überraschend siegte der erst 23 Jahre alte Olympia-Debütant David Gleirscher. Dabei sollten es doch seine Winterspiele werden.

Loch (28) wollte seine vierte Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewinnen. Er wollte in Pyeongchang sein drittes Olympia-Gold in Folge holen - und damit den Rekord der Rodel-Legende Georg Hackl brechen. Doch es kam anders. Am Ende des Eiskanals kämpfte der Deutsche mit den Tränen, weil er sich mit einem Fahrfehler selbst um die Erfüllung dieser Träume gebracht hatte.

Nach drei von vier Durchgängen führte Loch den Wettbewerb souverän und wie im Vorfeld erwartet an. Zwei Bahnrekorde stellte er auf. Fast zwei Zehntelsekunden hatte er zwischen sich und den zweitplatzierten Österreicher Gleirscher (+0,188) gebracht. Loch hatte die Weichen gestellt. Nur ein Durchlauf trennte ihn davon. Eine Fahrt, bestenfalls rund 47 Sekunden lang, hatte der deutsche Topfavorit im Einsitzer noch vor sich.

Lochs Absturz brachte einen anderen deutschen Rodler nach vorne. Johannes Ludwig (31) gewann die Bronzemedaille und damit das bis dato vierte Edelmetall für Deutschland. Doch Ludwigs Triumph ging fast unter. Wieder einmal hatte ihm Loch die Show gestohlen - nicht als strahlender Titelträger und Rekordbrecher. Sondern als gefallener Held, dessen fünfter Rang sich für Fans und für ihn selbst wie eine Niederlage anfühlte.

"Es ist unglaublich bitter", sagte Loch, mit den Tränen kämpfend. "Ich hatte hier drei super Läufe und einen Scheißlauf. So ist das im Sport." Loch hatte die zweitschlechteste Zeit im letzten Durchlauf erzielt. Anschließend ließ er sich von IOC-Präsident Thomas Bach trösten. "Das Gespräch war sehr emotional. Er wollte mich aufmuntern, er weiß, wie weh so eine saftige Niederlage tut", sagte Loch.

Der Tiefschlag schmerzt aber nicht nur den Favoriten persönlich. Er ist eine herbe, weil unerwartete Enttäuschung für viele Wintersportfans. Denn die Rodelwettbewerbe waren für Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stets eine sichere Bank, wenn es um Podestplätze und viele Medaillen ging.

Seit den Winterspielen in Innsbruck 1964 gehört Rennrodeln zum olympischen Programm. Deutsche Rodler gewannen bisher 27 Gold-, 22 Silber- sowie 22 Bronzemedaillen. Das deutsche Rodel-Märchen lässt sich über unzählige Seiten erzählen, beginnt bei Weltcups und erreicht alle vier Jahre einen Höhepunkt. Bis zu den Winterspielen in Turin 2006 holten deutsche Athleten 65 von 108 möglichen olympischen Medaillen in den Rodel-Disziplinen. Das sind gut 60 Prozent. Einer der erfolgreichsten von ihnen war und ist Georg Hackl, der nach sechs (!) erfolgreichen Olympia-Teilnahmen gern liebevoll "Hackl Schorsch" gerufen wird.

Den dreifachen Olympiasieger listet Loch auf seiner Website als Vorbild auf. Hackl (51) ist Mentor des 28-Jährigen - und war gestern so fassungslos wie viele Fans: "Ich war mir absolut sicher, dass er das macht, dass er es runterbringt", sagte er der ARD, "aber Fehler können jedem passieren. Die Kurve neun ist auf dieser Bahn der Scharfrichter."

Loch war noch nicht geboren, als Hackl in Calgary Zweiter wurde und seine erste Olympia-Medaille gewann. 1988 war das. Er ist der einzige Rodler, dem das Gold-Triple bei Olympischen Spielen gelang. Loch wandelt auf den Spuren des Altmeisters. Überholt hat er ihn nicht. Vater und Bundestrainer Norbert Loch wirkte enttäuscht: "Der Felix hat das Gold heute hergeschenkt. Er hätte den Lauf nur sauber runterbringen müssen."

Waren es die Nerven? Der Druck? Und wie schon bringt man einen Lauf bei bis zu 150 km/h "nur sauber runter"? An Hochmut jedenfalls lag es nicht. Nicht bei Loch. Er hatte vor dem Finale demütig gewarnt: "Auf dieser Bahn kann ganz schnell etwas schiefgehen." Diese Vorahnung war um 14.35 Uhr Gewissheit.