| 09:04 Uhr

Pyeongchang
Klatschen für den Frieden

Die Olympischen Winterspiele sind die Bühne für Vertreter aus dem Süden und Norden des geteilten Landes. Beide Lager sind darum bemüht, versöhnliche Signale auszusenden. Südkorea indes ist auch mit sich selbst ausreichend beschäftigt. Das Land ächzt unter Korruption. Gianni Costa und Felix Lill

In diesen Tagen der Olympischen Winterspiele von Pyeongchang gibt es viele kleine und große Zeichen. Und so ist es auch in dieser Nacht, als in der Eishockey-Arena das erste gemeinsame Team des in Süden und Norden geteilten Landes seit 70 Jahren vom Feld schlittert. "Zusammen sind wir stärker, als wenn wir getrennt sind", sagt die nordkoreanische Eishockeyspielerin Jong Su Hyon. "Gemeinsam werden wir nicht nur im Sport, sondern auch in anderen Bereichen erfolgreich sein." Das Sportliche tritt in den Hintergrund - 0:8 hat die Auswahl gegen die Schweiz verloren. Sie haben indes viel gewonnen - die Herzen ihrer Landsleute.

Und auch auf der politischen Ebene gibt es eine Annäherung. Kim Yo Jong, jüngere Schwester des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un, hatte sich die Eishockeypartie an der Seite des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In angesehen. Sie nutzte die Gelegenheit, um dem Regierungschef einen Brief ihres Bruders persönlich zu überbringen. Darin hat er Moon Jae In zu einem Besuch nach Pjöngjang eingeladen. Und das südkoreanische Staatsoberhaupt deutete die Bereitschaft an, die Einladung zu einem ersten Gipfeltreffen seit mehr als zehn Jahren anzunehmen. Beide Staaten nehmen die Olympischen Spiele zum Anlass, den innerkoreanischen Dialog wieder in Gang zu bringen.

Und dieser Tage erinnern sich viele Koreaner. Im 100 Kilometer östlich von der Hauptstadt Seoul gelegenen Pyeongchang trägt Südkorea im Februar zum zweiten Mal Olympische Spiele aus. Im Frühjahr 1988 wurde der Weltöffentlichkeit fast täglich diese Frage gestellt: Kann dieses Land friedliche Olympische Spiele veranstalten? Südkorea, das erstmals die olympischen Sommerspiele austragen sollte, erlebte gerade Proteste auf den Straßen, Gewalt gegen Demonstranten, ein wackelndes Regime. Neun Jahre nachdem der vorige Diktator Park Chung-hee erschossen worden war, versuchten seine Nachfolger die Macht zu sichern. Und dann noch der schwelende Konflikt mit dem Nachbarn: Würde Nordkorea den Spielen fernbleiben, daraufhin der ganze Ostblock einen Boykott beschließen? Ein weiterer Tiefpunkt im Kalten Krieg?

Am Ende stand Südkorea als Gewinner da. Im Medaillenspiegel schaffte das Land hinter der Sowjetunion, der DDR und den USA einen starken vierten Platz. Viel wichtiger aber: Inmitten der Unruhen daheim und einer aufmerksamen Weltöffentlichkeit wurde der Übergang in die Demokratie geebnet. Wer sich in Südkorea heute um die Mitbestimmung durch die Menschen sorgt, erinnert sich reflexartig an diese Zeit, aus der eine gestärkte Zivilgesellschaft hervorging, sich zudem bei vielen ein tiefes Misstrauen gegenüber den Eliten festigte, die sich lange gegen Wandel gestellt hatten.

Wieder ist das Sportspektakel von großen politischen Fragen überschattet. Anders als 1988 in Seoul nehmen die Nordkoreaner diesmal teil, schicken nun sogar eine Delegation von Künstlern in den Süden. Aber wie damals scheint Südkorea heute vor einem tiefen Umbruch zu stehen. Und obwohl das Land eine Demokratie geworden ist, geht es diesmal um mehr.

Auch ohne die schwierigen Beziehungen zu Nordkorea, die derzeit zwischen Kriegsdrohungen und Versöhnung schwanken: In Südkorea geriet zuletzt so ziemlich alles ins Schleudern, was das ostasiatische Land ansonsten zusammenhält. Es geht vor allem um das mitunter skrupellose Verhalten der politischen Elite. Konzernbosse dürfen nach Belieben schalten und walten und werden dabei sehr großzügig von den Volksvertretern geschützt. Kaum ein Land wird derart von den Interessen weniger Konzerne dominiert. Die Unternehmensgruppe Samsung allein macht ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts aus. Vielerorts sagt man sich, Chefs der Chaebols, so werden in Südkorea die riesigen Konglomerate genannt, die fast die Wirtschaft des Landes dominieren, sind mindestens so mächtig wie politisch gewählte Präsidenten.

An den Chaebols kommt niemand vorbei, nicht beim Einkaufen, nicht in den Medien, und erst recht nicht in der Politik. Die Umsätze der zehn größten Konzerne machen mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Neben Samsung gehört unter anderem Autobauer Hyundai dazu. Die meisten Konzerne sind in diversen Branchen aktiv. Samsung verdient nicht nur mit Elektronik, sondern im Bau, mit Mode, Hotels und auch Versicherungen.

Erst kurz vor den Spielen wurde das Land abermals durch einen gigantischen Korruptionsskandal erschüttert. Lee Jae Yong, der Enkel des Firmengründers von Samsung, war verurteilt worden. Vor ein paar Wochen wurde er auf Bewährung entlassen.

Samsung ist der Top-Sponsor der Winterspiele, und ohne ihn geht in Südkorea nichts.