| 13:19 Uhr

90. Geburtstag von Heinz Florian Oertel
Ein Cottbuser, der die Welt des Sports eroberte

Heinz Florian Oertel mit der DDR-Radsportikone Täve Schur.
Heinz Florian Oertel mit der DDR-Radsportikone Täve Schur. FOTO: Jörg Carstensen / J“rg Carstensen
Cottbus. Heinz Florian Oertel – der Liebling unter den DDR-Reportern hat nie den Kontakt zur Lausitzer Heimat verloren. Am Montag, 11. Dezember, feiert er in Berlin seinen 90. Geburtstag. Von Christian Taubert

Es kommt nicht alle Tage vor, dass Leser die RUNDSCHAU anrufen und darauf aufmerksam machen, Termine nicht zu vergessen. Und dennoch: In der Vorwoche erhielten wir per Mail den Hinweis: Denken Sie an den 11. Dezember – HFO wird 90. Danke!

Aber diesen Geburtstag hatten wir natürlich längst auf dem Schirm. Der Autor dieses Beitrages sogar ganz besonders. Denn mit Heinz Florian Oertel verbindet mich ein ganz besonderes Ereignis: Für die Auszeichnung der „Sportlers des Bezirkes Cottbus“ im Jahre 1968 hatte der gebürtige Cottbuser, der schon zwei Jahrzehnte in Berlin lebte und den Weltsport für Funk und Fernsehen kommentierte, die Moderation übernommen. Als er mir, dem 13-jährigen Radsportler, den Siegerpokal überreichte, flachste Oertel: „Rasierst du dich schon? Wenn es einmal so weit ist, dann schenke ich dir einen Rasierapparat.“

18. Dezember 1968, „Stadttor“ Cottbus: Heinz Florian Oertel bei der Ehrung zum „Sportler des Bezirkes Cottbus“ – mit Christian Taubert, dem Autoren dieses RUNDSCHAU-Artikels.    
18. Dezember 1968, „Stadttor“ Cottbus: Heinz Florian Oertel bei der Ehrung zum „Sportler des Bezirkes Cottbus“ – mit Christian Taubert, dem Autoren dieses RUNDSCHAU-Artikels.   FOTO: -

Das musste er nicht. Aber diese Begegnung mit HFO hat meinen späteren Berufswunsch nicht unwesentlich beeinflusst. Gut zehn Jahre später, in der LR-Sportredaktion, war ich oft Augen- und Ohrenzeuge, wenn Heinz Florian bei den Sportredakteuren seine nächste Kolumne „Diesmal ohne Mikrofon“ ankündigte oder über erschienene Texte gesprochen wurde. Warum das nötig war?

Seine Kritik in den gut 100 Druckzeilen war Sport- und Parteiführung nicht selten ein Dorn im Auge. Etwa, wenn er die Reduzierung der DDR-Eishockey-Oberliga auf zwei Dynamo-Mannschaften in Berlin und Weißwasser geißelte. Oertel hörte sich das an. Unterlassen hat er es trotzdem nicht. Die vielen Leserbriefe aus der Lausitz hätten ihn vielmehr bestärkt, vor kritischen Themen nicht Halt zu machen. Dass ihm nach der Wende Westkollegen unterstellt haben, er hätte von der Partei Anweisungen für seine Reportagen bekommen, hat ihn gekränkt. Weil da über einen Kamm geschoren wurde. „Mir hat niemand erzählt, was ich zu sagen hatte“, erteilt Oertel seinen Kritikern auch heute noch eine Abfuhr. „Diesmal ohne Mikrofon“ ist ein Beleg dafür, wie ehrlich, bodenständig und bescheiden der Lausitzer aufgetreten ist.

Dabei: Wenn einer von 17 Olympischen Spielen (Sommer und Winter), 17 Friedensfahrten und acht Fußball-Weltmeisterschaften berichtet hat, dann könnte man es ihm fast nachsehen, wenn die Lausitz ins Hintertreffen geraten wäre. Doch das war nie Oertels Ding. Seine LR-Kolumne ohne Bezug zur Region, undenkbar. Ob im Leistungs- oder Freizeitsport – der große HFO wusste von unzähligen Episoden aus den Anfangsjahren nach 1945 zu erzählen, von Kontakten zu den Briesker Fußball-Knappen, den Motorsportlern aus Fürstlich Drehna, Hänchen und Lübbenau. Und natürlich den Assen des Sportklubs Cottbus. Er schlug den Bogen von den Größen in der Welt des Sports zu den vermeintlich Kleinen: den Tröbitzer Federballern, den Hockeyspielern von Lok RAW Cottbus, den Billardkeglern aus Leuthen-Oßnig bis zu den Cottbuser Turnieranglern.

Als ich im Vorjahr mit ihm telefonierte und wissen wollte, wie er seinerzeit den Kontakt zur Lausitz gehalten habe, sprudelte es aus ihm heraus: „Die LAUSITZER RUNDSCHAU war meine Heimatzeitung.“ Sie habe ihn stets auf dem Laufenden gehalten. Er scheute sich aber auch nicht davor, bei den Sportredakteuren der 1950er- bis 1980er-Jahre Franz Seidel, Günter Pangratz, Wolfgang von der Burg oder Christian Taubert anzurufen. „Ein Glück-auf in die Lausitz“, hieß es dann und: „Was ist los mit Energie Cottbus?“ Fußball, das war auch Oertels sportliche Reibungsfläche.

Für viele Lausitzer, die seine Buchlesungen und Diskussionsveranstaltungen in der Region nicht versäumen, ist der Heinz Florian ein Idol. Sie wissen, dass der am 11. Dezember 1927 in Cottbus geboren Lausitzer nach dem Zweiten Weltkrieg als Schauspielanfänger im Stadttheater auftrat, später als Lehrer sein Geld verdiente. Dass er 1949 sein Reporter-Debüt beim „Sender Cottbus“ gab und ihn sein ungewöhnlich lockerer Plauderton die Türen für Funk und Fernsehen öffnete. 17 Mal wurde er später „Fernsehliebling des Jahres“ in der DDR.

Übrigens, kein Oertel-Telefonat ohne Episode: Beim schon erwähnten Gespräch erzählte er, dass es in seinem Haus keinen Computer gebe. „Ich schreibe noch immer auf einer Schreibmaschine aus Sömmerda, Baujahr 1938.“ Alle Texte seiner Bücher seien darauf entstanden. Oertel lachte: „Mein Verlag wusste, worauf er sich einlässt.“ Und ich habe den sympathischen Moderator vor mir gesehen, der mit mir während der Sport-Gala über einen Rasierapparat spricht.

Auch Reporter-Legende Heinz Florian Oertel beschäftigte sich in seiner Kolumne „Diesmal ohne Mikrofon" mit der Namenssuche.
Auch Reporter-Legende Heinz Florian Oertel beschäftigte sich in seiner Kolumne „Diesmal ohne Mikrofon" mit der Namenssuche. FOTO: LR