ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:43 Uhr

Fussball
Kurzzeitgedächtnis eines Goldfisches

Steven Wiesner
Steven Wiesner FOTO: Sebastian Schubert / LR
Als Leon Goretzka am Samstag den Trainingsplatz auf Schalke betrat, dachten sich einige Fans wohl: ‘Ach, heute denken wir uns mal gar nichts.‘ Sie buhten den Nationalspieler aus, weil der tags zuvor seinen Wechsel zum FC Bayern bekannt gemacht hatte, und beleidigten ihn auf eine perverse Art und Weise („Du Judas, du Drecksau, zieh mein Trikot aus! Von Steven Wiesner

Sei froh, dass so viele Kinder hier sind, sonst würden wir dich vom Platz holen.“), dass man sich gewünscht hätte, ein Mitspieler wäre mal stehengeblieben und hätte die Flachhirne zusammengestaucht. Denn anscheinend muss solchen Leuten erstmal jemand klarmachen, dass der Fußball zwar eine unglaublich tolle Sache sein kann, aber niemals dazu taugt, ihn so persönlich zu nehmen. Wenn das ihr Verständnis davon ist, ihren Klub zu supporten, dann muss dieses Verständnis dringend überarbeitet werden. Denn Fans, die aus jedem Spieler, der ihren Verein verlässt, gleich einen Verräter machen, der nur Geldschecks hinterherjagt, fangen auch an zu pfeifen, wenn ihr Team nach einer herausragenden Hinrunde mal zwei Testspiele hintereinander verliert – wie zuletzt bei Energie Cottbus zum Unmut von Claus-Dieter Wollitz geschehen. Fans sollten aber nicht mit dem Kurzzeitgedächtnis eines Goldfisches durch die Welt irren und die Jungs, die sie gestern noch bejubelt haben, heute „vom Platz holen“. Zumal sich Goretzka keine Faxen geleistet hat wie ein Pierre-Emerick Aubameyang ein paar Kilometer weiter. Wenn sich ein Fußballer nicht nur monetär, sondern vor allem sportlich verbessern kann, hat man das zu akzeptieren. Fans haben dann das Recht, enttäuscht zu sein und, wenn es denn sein muss, auch das Trikot dem Kamin zu überlassen. Sie haben aber nicht das Recht, auf den Menschen und seine Würde zu spucken. Das ist nichts anderes als ein ekelhafter und einfältiger Sittenverfall.