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DFB-Präsident Grindel im Interview
"Der Videobeweis ist auf einem guten Weg"

Reinhard Grindel und RP-Redakteur Gianni Costa.
Reinhard Grindel und RP-Redakteur Gianni Costa. FOTO: Costa
DFB-Präsident Reinhard Grindel spricht im Interview über die EM-Bewerbung 2024, den Videobeweis und schwierige Entscheidungen für Vereine.

Reinhard Grindel hat wenig Zeit. Vom Sportkongress "SpoBis" geht es für ihn gleich weiter in den Düsseldorfer Landtag. Ein Hintergrundgespräch mit den sportpolitischen Sprechern der Landesregierung. Der 56-Jährige ist seit April 2016 der Präsident des DFB, zuvor saß er für die CDU zwölf Jahre im Bundestag.

Reinhard Grindel trägt derzeit klobige Schuhe mit Klettverschluss. Das hat ihm in Sozialen Medien Spott eingebracht. Seit zweieinhalb Monaten laboriert er an einem Mittelfußbruch.
Reinhard Grindel trägt derzeit klobige Schuhe mit Klettverschluss. Das hat ihm in Sozialen Medien Spott eingebracht. Seit zweieinhalb Monaten laboriert er an einem Mittelfußbruch. FOTO: Costa

Herr Grindel, Deutschland bewirbt sich um die EM 2024. Als Botschafter hat sich der DFB erneut für einen Ehrenspielführer entschieden - 2006 war es Franz Beckenbauer, nun Philipp Lahm. Was erhoffen Sie sich von seinem Engagement?

Grindel Die Botschaft, die wir rüberbringen wollen, und unser Botschafter passen perfekt zusammen. Lahm ist das Gesicht einer Spielergeneration. Er hat als Kapitän gezeigt, dass er für flache Hierarchien steht und vor allen Dingen immer über die vier Eckfahnen des Fußballplatzes hinausschaut. Er ist ein Mann, der sozial engagiert ist, der für die Werte im Fußball steht, die wir mit unserer Bewerbung vermitteln wollen: Respekt, Toleranz, Vielfalt. Es soll ein Fußballfest werden. Wir wollen als Land in der Mitte Europas Brücken bauen, in einer Zeit, in der in manchen Ländern das Nationale sehr stark betont wird.

Und Sie sind zuversichtlich, damit punkten zu können?

Grindel Wir haben unsere Qualität in der Organisation des Sommermärchens bewiesen, und das wollen wir auch 2024 einbringen. Unser Motto "United by Football" wollen wir leben, wir können eine EM 2024 versprechen, die sehr nah am Fan ist. Ein Turnier, bei dem sich Menschen begegnen und unsere Werte wie Freiheit gelebt werden.

Wäre es denkbar, dass Deutschland oder die Türkei doch noch auf eine Kandidatur verzichten?

Grindel Es gibt keine Anzeichen.

Sie betonen immer die Transparenz.

Grindel Ja, weil sie sich durch unsere gesamte Bewerbung ziehen soll. Wir haben bereits beim Auswahlverfahren unserer zehn Städte für die EM 2024 maximale Transparenz gezeigt und uns auch von externen Organisationen begleiten lassen. Wir werden uns auch beim Bewerbungsverfahren der Uefa streng an die Vorgaben halten.

Die WM in Russland ist schon jetzt ein Politikum. Wie positioniert sich der DFB?

Grindel Wir vertreten als DFB klare Standpunkte und Haltungen. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass die Dopingkontrollen nicht intern durch die Fifa organisiert werden sollten, sondern von unabhängiger Stelle. Grundsätzlich geht es uns bei der WM darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir werden eine deutsch-russische Woche im Vorfeld organisieren. Wir wollen das Zeichen setzen, dass wir uns unserer Geschichte bewusst sind, und möchten das Sportereignis nutzen, neue Freundschaften zu schließen.

Noch ist ungeklärt, ob der Videoassistent eingesetzt wird. Was ist Ihre Meinung?

Grindel Es wäre merkwürdig, wenn ich bezogen auf die Bundesliga dieses technische Mittel unterstütze, weil es den Fußball gerechter macht, und es bei der WM ablehnte. Deswegen bin ich dafür. Die Erfahrung in Deutschland zeigt aber, dass es einiges zu beachten gibt. Deshalb werde ich sehr eindringlich bei der Fifa fragen, was unternommen wurde und noch getan wird, um für eine sachgerechte Vorbereitung zu sorgen. Ich halte es für unerlässlich, dass die Schiedsrichter effektiv miteinander kommunizieren. Es bringt nichts, wenn der Schiedsrichter aus dem einen, der Videoassistent aus einem anderen Land kommt, und sie verstehen sich nicht.

Die Amtssprache dürfte Englisch sein, daran wird es nicht scheitern.

Grindel Die Erfahrungen aus dem Confed-Cup haben gezeigt, dass genau das ein Problem sein kann. Die Kommunikation muss klappen. Und die Videoassistenten müssen sehr intensiv geschult werden.

Die Zeit bis zum Sommer ist knapp. Sind Sie wirklich zuversichtlich, dass das noch gelingen kann?

Grindel Es wäre ungerecht gegenüber den Schiedsrichtern aus anderen Kontinenten, wenn wir ihnen die Qualifikation von vorneherein absprechen würden. Meine Forderung an die Fifa ist, eine intensive Vorbereitung und sehr eingehende Schulungen zu garantieren. Es gibt ja Erfahrungswerte. Daneben sind vor der WM vier Wochen vorgesehen, in denen die Schiedsrichter zusammengezogen werden. Es darf nicht zu einer Situation kommen, in der minutenlang das Spiel unterbrochen wird und alle nur über den Videobeweis reden. Übrigens: In anderen Ländern wird deutlich gelassener mit dem Thema umgegangen.

Empfehlen Sie dem deutschen Publikum mehr Gelassenheit?

Grindel Wenn man sich ein Jahr Zeit für ein Pilotprojekt einräumt, finde ich es nur fair, wenn man erst am Ende sein Urteil fällt. Ich hätte mir weniger Aufregung gewünscht.

Der Videobeweis bleibt?

Grindel Die Zahl der strittigen Situationen ging zuletzt deutlich zurück. Die Zahl der Entscheidungen, mit denen der Fußball tatsächlich gerechter geworden ist, nimmt zu. Insofern sehe ich den Videobeweis auf einem sehr guten Weg.

Wie beurteilen Sie den Zustand des deutschen Fußballs?

Grindel Wir haben zivile Eintrittspreise, wir haben die geringste Zerstückelung des Spielplans im Vergleich zu den anderen internationalen Ligen, bei uns steigen die Ablösesummen noch nicht in schwer nachvollziehbare Größenordnungen. Aber eines ist klar: Die Vereine müssen ehrlich mit ihren Fans umgehen und sich die Frage stellen, ob sie international wettbewerbsfähig sein wollen und was das dann in der Konsequenz bedeutet. Ein Beispiel: Will man alle neun Bundesliga-Partien am Samstag um 15.30 Uhr anpfeifen, könnte dies womöglich nicht damit im Einklang stehen, dass man in der Champions League erfolgreich ist. Man muss sich entscheiden, welchen Weg man gehen will.

Sie haben einen achtjährigen Sohn. Wie erklären Sie ihm, dass ein Neymar 150 Millionen Euro kostet?

Grindel Mein Sohn spielt für meine Begriffe zu oft mit digitalen Endgeräten. Aber da liegt ein Teil der Antwort, die man seinem Sohn geben muss. Ein Fußballer wie Neymar hat nicht nur außergewöhnliche Fähigkeiten, er ist auch eine Marke mit über 100 Millionen Followern in den sozialen Medien. Er hat damit eine überragende wirtschaftliche Bedeutung. Es sind horrende Ablösesummen, aber es steckt eben auch eine Wirtschaftskraft dahinter, wenn Neymar ein neues Trikot oder neue Schuhe weltweit postet.

GIANNI COSTA FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(gic)