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| 19:05 Uhr

RUNDSCHAU-Wendeserie: Erster Bundesliga-Spieler aus der DDR
Andreas Thom: „Ein Traum wurde wahr“

  Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, Berlin, 1988: Dynamo-Stürmer Andreas Thom. DDR-Fußballmeister BFC Dynamo Berlin gewinnt am 6. September das Hinspiel der ersten Runde im Europapokal der Landesmeister gegen Werder Bremen.
Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, Berlin, 1988: Dynamo-Stürmer Andreas Thom. DDR-Fußballmeister BFC Dynamo Berlin gewinnt am 6. September das Hinspiel der ersten Runde im Europapokal der Landesmeister gegen Werder Bremen. FOTO: picture alliance / dpa / Roland Holschneider
Berlin. Andreas Thom war der erste DDR-Fußballer, der nach dem Mauerfall in der Bundesliga spielte. Heute ist er bei Hertha BSC Individual- und Techniktrainer für die Profis bis hinunter zur U 14.

Die Wende hat ihn zu einer Figur der Zeitgeschichte gemacht. Er hat deutsch-deutsche Fußball-Geschichte geschrieben. Andreas Thom war der erste Fußballer, der aus der DDR den Weg in das westdeutsche Profitum fand. Die Geschichte dazu ist auch knapp 30 Jahre nach ihrer Entstehung amüsant. Sie begann sechs Tage, nachdem die Mauer fiel, am 15. November. Schauplatz war nicht Berlin, sondern Wien.

Die DDR-Nationalelf spielte gegen Österreich um die Qualifikation für die WM 1990 in Italien. „Als die Mauer fiel, waren wir in Leipzig zur Vorbereitung. Wir haben versucht, den Fokus auf diese so wichtige Partie zu legen, aber das ist in die Hose gegangen“, erzählt Andreas Thom. 0:3 verlor die DDR, verpasste die Qualifikation. Verwunderlich war das nicht: Rund 100 Scouts und Berater von Bundesliga-Clubs tummelten sich im Praterstadion, um Kontakt zu den besten Fußballern zwischen Thüringer Wald und Ostsee herzustellen.

Der schnellste unter den dreisten war der kugelrunde Rainer Calmund von Bayer Leverkusen – oder besser sein Abgesandter Wolfgang Karnath. Der schlich nach der Partie zur Ersatzbank, ergatterte Adressen und Telefonnummern – auch die von Andreas Thom. Einen Tag später flog Calmund nach Berlin, traf den damals 24-Jährigen in dessen Wohnung in Berlin-Mitte. „Calmund hat gesagt, er kümmert sich um alles. Ich konnte das ja nicht entscheiden“, sagt Thom.

Am Ende wechselte er für die damals stattliche Summe von rund drei Millionen Mark und mit dem Segen des DDR-Fußballverbandes ins Rheinland. Für Thoms Vorstellung am 12. Dezember 1989 ließ Calmund extra den Rasen fluten, um das eigentlich angesetzte Spiel gegen die graue Maus FC Homburg absagen und den Fokus auf den neuen Topstar lenken zu können.

Beim Nachholspiel im Februar war Thom in der Startelf und brachte Bayer in Führung. Bis 1995 spielte er für den Club. Danach ging es für den Stürmer noch zu Celtic Glasgow nach Schottland („eine wirklich schöne Erfahrung“) und zurück in die Hauptstadt zu Hertha BSC. „Das war ein Neuanfang. Ich durfte eine wunderschöne Zeit erleben.“ Deren sportlicher Höhepunkt in der einzigen Teilnahme an der Champions League lag.

Die Zeit des Mauerfalls hat Thom noch gut in Erinnerung. „Ich war ja in einem Alter, in dem ich schon alles bewusst erleben konnte.“ Die Demonstrationen hat er registriert. „Aber ich habe beim BFC Dynamo das gemacht, was ich geliebt habe –  Fußballspielen. Darauf habe ich mich konzentriert.“

Und schon bei seiner Präsentation in Leverkusen berlinerte er: „Abjehaun wär ick nie.“ Klar, die Bundesliga habe auch er verfolgt, obwohl es eigentlich verboten war. „Wer hat sich schon dran gehalten.“

Flucht war kein Thema – wegen der Familie. „Meine Eltern, mein Bruder, meine Freundin, die Tochter, die hätten ja alle Probleme bekommen“, sagt er heute. Dafür hatte er ihr zu viel zu verdanken.

Mit neun Jahren fuhr der inzwischen verstorbene Vater ihn mit Bus und Bahn aus dem heimischen Herzfelde (Märkisch Oderland) zum Training bei Dynamo, mit zwölf ging es an die Sportschule in Hohenschönhausen. Der Grundstein für die Karriere.

Natürlich ist er glücklich über den Mauerfall. „Für mich als Fußballspieler haben sich dadurch ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Ein Traum wurde wahr. Und mit 24 Jahren war ich im richtigen Alter. Andere gute DDR-Spieler, die über 30 waren, konnten die Chance nicht so wahrnehmen“, bilanziert Thom, der in dieser Zeit auch aus der SED austrat.

Heute arbeitet er bei Hertha BSC als Individual- und Techniktrainer. Es ist eine Arbeit, die er sehr genießt. „Ich fühle mich wohl, habe einen guten Überblick über die Spieler und kann ihre Entwicklung verfolgen“, sagt Thom. Und vielleicht erzählt er jungen Talenten mal von der aufregenden Zeit vor 30 Jahren, als er Geschichte geschrieben hat.

 Andreas Thom am 21. September 2017 im Einsatz als Nachwuchstrainer mit Spielern der U 19 im Hertha BSC Olympiapark.
Andreas Thom am 21. September 2017 im Einsatz als Nachwuchstrainer mit Spielern der U 19 im Hertha BSC Olympiapark. FOTO: imago/Camera 4 / Eberhard Thonfeld