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Fußball
Wollitz nervt seine Mannschaft

Hand aufs Herz: Claus-Dieter Wollitz will mit dem FCE aufsteigen.
Hand aufs Herz: Claus-Dieter Wollitz will mit dem FCE aufsteigen. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus führt souverän die Tabelle an. Aber nicht in jedem Spiel tritt der Spitzenreiter bei eigener Führung so souverän auf, wie es sich der Trainer vorstellt. Er ahnt: Im Mai können diese Nachlässigkeiten fatale Folgen haben. Von Frank Noack

Es soll bloß niemand ­sagen, das Leben als Medizinkoffer von Energie Cottbus sei immer nur schön. Vor allem dann nicht, wenn Claus-Dieter Wollitz in der Nähe ist. Dann wird aus der Komfort­zone für Medizinkoffer direkt vor der Ersatzbank des FCE im Handumdrehen ein emotionales Krisengebiet, indem es schon mal einen kräftigen Fußtritt gibt. Am Ostersonntag beim Spiel gegen Lok Leipzig war wieder so ein Tag. Ab der 70. Minute tigerte Wollitz mit stetig steigendem Adrenalin­pegel an der Seitenlinie auf und ab. Das,  was er von seiner Mannschaft sah, ­gefiel ihm trotz  2:0-Führung überhaupt nicht. Genauer gesagt, ge­rade wegen der 2:0-Führung gefiel es ihm nicht. Statt mit dem dritten Tor den Deckel auf diese bis dahin souverän geführte Partie drauf zu machen, schaltete der Favorit nach 70 Minuten einen Gang herunter und ließ die eine oder andere Chance für Leipzig zu.

„Ein 2:0-Vorsprung ist trügerisch. Das muss man klar sagen“, wird Wollitz später im Kreise der Journalisten erklären. Das hört sich zunächst einmal nach einer lapidaren Fußball-Weisheit an. Sie zu beherzigen, könnte für den Tabellenführer der Fußball-Regionalliga Nordost aber in dieser Saison noch über­lebensnotwenig werden. Denn in den beiden Aufstiegsspielen am 24. und 27. Mai wird es in der Schlussphase mit Sicherheit härtere Gegenwehr geben, falls der FCE auch da mit 2:0 vorn liegen sollte.

Wollitz weiß, dass seine Mannschaft in dieser Saison viele Dinge richtig macht und deshalb auch 18 Punkte Vorsprung hat. Er weiß aber auch, dass die Mannschaft in der Schlussphase oftmals ein gefährliches Spiel betreibt, indem sie dem Gegner aus Sicht von Wollitz allzu viel Freiraum gewährt. „Du musst in der 2. Halbzeit den Hintern so anheben, dass nichts mehr anbrennt“, fasst der Coach in der Fußballersprache die Aufgabe zusammen. Das sei seit Monaten ein großes Thema in der Mannschaft. Wollitz: „Sie hat den Gegner in ­allen Belangen klar im Griff. Aber sie packt nicht richtig zu. Bayern München hat beim 6:0 gegen Dortmund richtig zugepackt – und erst dann aufgehört.“

Der Rekordmeister führte am Ostersamstag gegen Dortmund nach der ersten Halbzeit schon mit 5:0, ehe er es nach der Pause deutlich ruhiger angehen ließ.

Eine solche Spielübersicht und -kontrolle wünscht sich Wollitz auch von seiner Mannschaft. Stattdessen neigt sie dazu, im Vorgefühl des Sieges einige Laufwege weg­zulassen und auch der Konzentration Verschnaufpausen zu gönnen. „Die ersten 70 Minuten gegen Lok waren sehr fokussiert. Dann haben wir nach­gelassen“, sieht es Kapitän Marc Stein. „Wir müssen daran ­arbeiten, dass wir das souveräner gestalten. Man kann auch mal dem Gegner den Ball überlassen. Aber man darf nicht zu passiv werden und die Bälle zu leicht verlieren.“

Gegen Lok Leipzig blieben diese leichten Ballverluste ohne Folge. Aber in den Aufstiegsspielen? „Ich weiß nicht, ob man sich das in der entscheidenden Saisonphase so erlauben kann. Klar, jetzt reicht es. Wenn wir die Finalspiele erfolgreich bestreiten wollen, dann reicht es nicht, weil dann der Kopf auch nochmal eine ganz entscheidende Rolle spielt“, warnt Wollitz. „Ich kann es nur immer wieder an­sprechen. Ich hoffe, dass die Jungs das irgendwann umsetzen.“

Wollitz ist sich sehr wohl bewusst, dass er seine Spieler mit diesem Thema nervt. Er will in den nächsten Wochen trotzdem nicht locker lassen. „Ich weiß, dass viele sagen: ,Der Trainer ist nie zufrieden, obwohl wir gewinnen und gewinnen und gewinnen.‘ Ich glaube aber, dass es wichtig ist, den Finger immer wieder reinzuhalten, auch wenn es anstrengend ist und den einen oder anderen nervt.“

Wollitz nervt. Für den Erfolg von Energie Cottbus. Trotzdem besteht auch für den Medizinkoffer an der Seitenlinie die Hoffnung, dass er nicht nur die 70. Minute, sondern die gesamte Saison überlebt. Denn es gibt reaktionsschnelle Hände auf der Ersatzbank. Sie wissen mittlerweile genau, wann sie den Koffer in Sicherheit bringen müssen.

Emotionales Krisengebiet an der Seitenlinie: Als Medizinkoffer in der Nähe von Claus-Dieter Wollitz ist man zwar ganz nah dran – lebt aber gefährlich.
Emotionales Krisengebiet an der Seitenlinie: Als Medizinkoffer in der Nähe von Claus-Dieter Wollitz ist man zwar ganz nah dran – lebt aber gefährlich. FOTO: Steffen Beyer
FOTO: Steffen Beyer