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| 21:07 Uhr

Cottbus
Wollitz: „Mich zu ertragen, ist nicht einfach“

Claus-Dieter Wollitz wäre im Fall des Scheiterns wohl sofort zurückgetreten.
Claus-Dieter Wollitz wäre im Fall des Scheiterns wohl sofort zurückgetreten. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie Cottbus kehrt in die 3. Fußball-Liga zurück. Claus-Dieter Wollitz ist damit sein Meisterwerk gelungen. Der Vertrag des Trainers verlängert sich bis 2020 - trotzdem bittet er um Bedenkzeit. Von Jan Lehmann und Frank Noack

Claus-Dieter Wollitz stürmte nach dem Abpfiff auf den Rasen und herzte zuerst seinen Mannschaftskapitän Marc Stein. Später genoss er die Sektdusche von seinen Spieler und sang  aus voller Kehle mit den Fans das Lied dieser Saison: „Wir hol’n die Meisterschaft, wir schießen Flensburg ab, und den Landespokal, hol’n wir noch einmal.“

Dem Trainer ist ein echtes Meisterwerk gelungen. Wollitz hat den FCE durch zwei äußerst kraftraubende Regionalliga-Jahre geführt und durch das engste Nadelöhr des deutschen Fußballs, die Aufstiegsspiele zur 3. Liga, gequetscht. Energie Cottbus ist zwei Jahre nach dem schockierenden Absturz wieder zurück im Profi-Fußball.

Und das hat der FCE zu großen Stücken dem Trainer zu verdanken. Präsident Michael Wahlich und der Verwaltungsratsvorsitzende Matthias Auth haben den erschütterten Verein stabilisiert, Wollitz hat ihm die nötige Energie gegeben. Schon am Tage des Abstiegs, als ganz Cottbus in rot-weißer Trauer vereint war, hatte sich Wollitz zwar schockiert, aber kämpferisch gezeigt. Der Trainer sagte noch auf der Pressekonferenz nach der 2:3-Niederlage gegen den FSV Mainz II: „Es müssen kluge, nachvollziehbare Entscheidungen gefällt werden. Die 4. Liga wird kein Selbstläufer. Wir brauchen eine gute Truppe, eine gute Mischung, eine gute Balance.“

Und genau diese Mischung fand Wollitz. Um die beiden erfahrenen Stützpfeiler Marc Stein und Tim Kruse formierte der Trainer mit seinem Assistenten Frank Eulberg viele junge Akteure, deren Namen in Cottbus damals noch niemand kannte. Beim FCE, der einst ehemalige Erstliga-Recken wie Boubacar Sanogo oder Ivica Banovic verpflichtet hatte, musste man sich an Namen wie Fabio Viteritti oder Kevin Weidlich gewöhnen. Wollitz machte nicht den Fehler, ehemalige Topspieler im Spätherbst ihrer Karriere zu verpflichten. Selbst mit Publikumsliebling Torsten Mattuschka fand er keine gemeinsame Basis für einen Neuanfang, obwohl sich beide menschlich sehr schätzen.

Stattdessen setzte Wollitz auf viele Talente aus dem Cottbuser Nachwuchsleistungszentrum und holte zudem Spieler, die erst noch nach oben wollen – und teilweise anderswo sogar schon gescheitert waren. Dass er Torjäger Streli Mamba und Verteidiger José-Junior Matuwila – längst unumstrittene Stammspieler – über ein Probetraining für sein Team entdeckte, darf als einer von mehreren Coups gewertet werden. Auch Lasse Schlüter beispielsweise galt in Nordhausen als „nicht Regionalliga-tauglich“, eher er in Cottbus zu einer festen Größe wurde. Torhüter Alexander Meyer entwickelte sich unter Wollitz sogar so gut, dass ihm mit seinem überraschenden Wechsel zum VfB Stuttgart der Sprung von der 4. in die 1. Liga gelang. Energie kassierte dafür eine vorzeigbare Ablöse.

Zudem schaffte es Wollitz, die Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Beim ersten Training im Sommer 2016 betonte er: „Wir müssen die Art des Fußballs wieder zurückbringen, für die Energie Cottbus steht: Leidenschaft, Willensstärke, Identifikation.“ Dass er und seine Spieler bei dieser ersten Einheit von 600 Fans mit viel Beifall empfangen wurden, war wichtiger Vorschusslorbeer für den Trainer. Angesichts der später zu Tage tretenden finanziellen Probleme des Vereins behauptete Wollitz: „Wenn ich das alles gewusst hätte, hätte ich den Job nicht übernommen.“ Doch ob das stimmt, kann man nicht genau sagen. Dem 52-Jährigen, der schon von 2009 bis 2011 eine erfolgreiche und bewegte Zeit bei Energie Cottbus hatte, ist anzumerken, dass er mit dem Herzen an diesem Verein hängt.

Rückschläge haben ihn dabei noch mehr motiviert. Wie zum Beispiel der durchwachsene Saisonstart im ersten Regionalliga-Jahr, der angesichts des völlig neu zusammengestellten Teams nachvollziehbar war: Mit nur einem Sieg nach fünf Spielen hatte Energie da aber schon den entscheidenden Rückstand auf Carl Zeiss Jena kassiert, der nicht mehr aufzuholen war. Doch danach kam der Zug, den die Spieler mit dem Hashtag #nobodycanstopthistrain als „nicht zu stoppen“ bezeichnen, ins Rollen. Von den darauf folgenden 63 Regionalliga-Spielen konnte Wollitz mit seiner Elf 46 Partien gewinnen. Es gab nur noch sechs Niederlagen.

Seine Spieler haben dabei immer zu ihm gehalten. Kevin Weidlich erklärte am Sonntag: „Der Trainer ist wie eine Vaterfigur für uns alle. Er hat im privaten wie auch im sportlichen Bereich immer ein offenes Ohr für uns.“ Wollitz ließ den Profis eine lange Leine – sie zahlten es mit Leistung und Einsatzwillen zurück. Der Trainer erklärte zuletzt: „Wir haben uns um den Menschen gekümmert, wenn es ihm nicht gut ging. Und nicht nur dann, wenn der Spieler ein Tor geschossen oder einen guten Eckball geschlagen hat.“ Am Sonntag bedankte sich Wollitz bei seinem Team und betonte selbstironisch: „Mich 24 Monate zu ertragen, ist auch nicht einfach.“

Wollitz ist auch deshalb ein Meisterwerk gelungen, weil er ein weiteres Ziel erfüllt hat. Zum Trainingsauftakt vor zwei Jahren hatte er erklärt: „Wir wollen einen Kader zusammenstellen, der auch über den Aufstieg hinaus zusammenbleiben kann.“ Mit den zusätzlichen Verstärkungen von Marcelo, Maximilian Zimmer oder Kevin Scheidhauer hat er über diese beiden Jahre eine Mannschaft entwickelt, der man auch in der 3. Liga einiges zutraut. Durch den Aufstieg haben nun alle Spieler einen gültigen Vertrag für die kommende Saison, die Mannschaft ist prächtig eingespielt und Energie scheint sportlich so gut aufgestellt zu sein wie schon lange nicht.

Auch der Vertrag vom Trainer verlängert sich mit diesem Aufstieg automatisch – und das gleich bis 2020. Und dennoch erbittet sich Wollitz jetzt etwas Bedenkzeit. Der Coach macht keinen Hehl daraus, dass dieser Parforceritt durch die Regionalliga mit all ihren Schwierigkeiten ihn viel Kraft gekostet hat. Er sagte am Sonntag: „Wenn wir es nicht geschafft hätten, dann hätte ich meinen Rücktritt erklären müssen.“ Für noch ein Jahr Regionalliga hätte seine Kraft wohl nicht gereicht. Wollitz hat sich in seiner typischen Art auch aufgerieben. Er gibt zu: „Ich muss an mir und meinen Emotionen arbeiten.“ Wollitz war oft auf 180 – und darüber hinaus. Bei Scharmützeln mit gegnerischen Trainern und Spielern. Oder  bei seinem Feldzug gegen die Funktionäre.

Beim Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB), dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) und sogar beim großen Deutschen Fußball Bund (DFB) dürfte es Menschen geben, die den Namen Wollitz nicht mehr hören mögen. Der Cottbuser Trainer hatte sich zu einem der Wortführer in der bundesweiten Debatte um die  Aufstiegsregelung aufgeschwungen. Außerdem hatte er immer wieder den Finger in die Wunde gelegt, wenn FLB und NOFV mit teils fragwürdigen Entscheidungen den ohnehin schon extrem belasteten Vereinen weitere Steine in den Weg legten.

Seine Fehde mit FLB-Präsident Siegfried Kirschen sowie DFB-Präsident Reinhard Grindel sieht Wollitz auch noch nicht als beendet an. Er kündigte an: „Ich will noch etwas klarstellen.“ Es bleibt also weiter spannend, aber das ist es ja immer, wenn der Trainer Claus-Dieter Wollitz heißt. Allerdings kann man davon ausgehen, dass Wollitz seine Mannschaft nicht im Stich lässt – sondern stattdessen mit ihr auch in der 3. Liga für Furore sorgen will. Als er sich dazu entschlossen hatte, den Viertliga-Job bei Energie Cottbus zu machen, hatte Wollitz der neuen Mannschaft attestiert: „Diese Spieler können eine neue Ära einläuten.“ Das haben Wollitz und die FCE-Profis mit dem Aufstieg auch geschafft. Doch diese Ära hat damit auch gerade erst begonnen.

14. Mai 2016: Der Abstieg nach der Niederlage gegen
FSV Mainz II ist für Claus-Dieter Wollitz eine der schwärzesten Stunden als Trainer.
14. Mai 2016: Der Abstieg nach der Niederlage gegen FSV Mainz II ist für Claus-Dieter Wollitz eine der schwärzesten Stunden als Trainer. FOTO: Imago Sportdienstfoto GmBH / imago sportfotodienst
27. Mai 2018: Nach dem 0:0 gegen Flensburg und der Rückkehr in die 3. Liga ist der Jubel des Trainers grenzenlos.
27. Mai 2018: Nach dem 0:0 gegen Flensburg und der Rückkehr in die 3. Liga ist der Jubel des Trainers grenzenlos. FOTO: contrastphoto / O.Behrendt