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"Wir haben zu viel Mittelmaß im Kader"

Kevin Müller.
Kevin Müller. FOTO: dpa
Der Aufstieg ist abgehakt, Energie Cottbus plant schon für die kommende Drittliga-Saison. Im RUNDSCHAU-Interview erklärt der Sportliche Leiter Roland Benschneider, wie der FCE den Kader verändern will. Im Angriff steht ein Umbruch bevor.

Roland Benschneider, Energie hat den Aufstieg offiziell abgehakt. Wie groß ist Ihre Enttäuschung?
Wir haben nie gesagt, dass wir unbedingt hochwollen oder müssen. Wir wollten die Mannschaft entwickeln und haben gesehen, wo wir uns verbessern sollten. Wir haben natürlich alle ein bisschen gehofft, als wir nach 28 Spieltagen noch oben mit dabei waren. Doch man muss klar sagen: Letztlich hat das für den Aufstieg noch nicht gereicht.

Warum hat der FCE in der Endphase der Saison geschwächelt?
Wir haben in der Analyse zwei wichtige Gründe ausgemacht. Manuel Zeitz hat uns zu lange gefehlt. Er ist als Herzstück der Mannschaft nicht zu ersetzen. Mit ihm haben wir neun Mal zu Null gespielt, ohne ihn 2015 noch gar nicht. Und außerdem hatten wir geplant, dass Zbynek Pospech und Fabian Pawela, die wir als Stürmer Nummer eins und zwei geholt haben, die jungen Spieler führen. Das ist nicht eingetreten.

Woran lag das?
Sie hatten vor allem mit sich selbst zu tun, was Verletzungen angeht und was auch private Sorgen angeht. Sie haben die Erwartungen, die wir in sie hatten, leider nicht erfüllt.

Haben Sie da nicht vor der Saison nicht genau genug hingeschaut?
Das war natürlich der Tatsache geschuldet, dass wir relativ wenig Zeit und Vorlauf hatten, eine schlagkräftige Mannschaft hinzustellen. Da konnten wir im Scouting nicht jedes Detail wasserdicht abarbeiten. Wir mussten uns auf Aussagen verlassen und teilweise auch auf Videomaterial. Das ist in der Endkonsequenz ein Fehler gewesen, es hat nicht funktioniert.

Die offensive Mittelfeldreihe war nicht torgefährlich genug. Haben Sie zu viel Mittelmaß im Kader?
Ja, eindeutig. In der Rückrunde hat sich herausgestellt, auf wen man sich verlassen kann. Da haben wir genau hingeschaut und werden mit jedem ins Gespräch gehen. Wir müssen uns mit Sicherheit verstärken - das kann auch den einen oder anderen betreffen, der noch Vertrag hat.

Wird das ein größerer Umbruch.
Nein. Wir haben noch 21 bestehende Verträge über die Saison hinaus, wollen uns aber punktuell verstärken. Das bedeutet, dass wir einigen einen Wechsel nahelegen werden. Der Kader ist inzwischen groß geworden, wir wollen das reduzieren. Ideal wären 22 Feldspieler und drei Torhüter. Wichtig ist, dass wir uns in der Spitze verstärken. Von der Breite her sind wir mit der U 19 in der Hinterhand gut aufgestellt.

Energie hat die Lizenz noch nicht. Hemmt das die Planungen?
Nein. Präsidium und Verwaltungsrat haben den Rahmen abgesteckt. An diese Zahlen halten wir uns.

Muss der Verein die Ansprüche herunterschrauben?
Nicht zwingend. Aber es gibt deutlich weniger TV-Gelder. Das ist es schwierig zu stemmen, aus diesen Mitteln eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Aber es ist möglich.

Ist der Verein auf den Verkauf von Torjäger Kleindienst angewiesen?
Ich will nicht ausschließen, dass uns Tim verlässt. Klar, Energie ist auf solche Einnahmen immer wieder angewiesen. Deshalb haben wir ja auch versucht, eine Durchlässigkeit vom Junioren- in den Männerbereich herzustellen. Tim hat das in seinem ersten Männerjahr super genutzt. Dass er Begehrlichkeiten weckt, ist ganz klar.

Gibt es schon Verhandlungen?
Offiziell hat sich bei uns noch niemand gemeldet. Aber unsere Quellen besagen, dass er Angebote hat oder bekommen wird.

Könnte Kleindienst bei der U 20-WM die Ablöse noch steigern?
Die Vereine, die ihn als Option haben, kennen ihn gut und haben ihn oft genug gescoutet. Allein dass er bei der WM dabei ist, spricht für ihn. Ein deutscher U 20-Nationalspieler, der bei einer WM spielt, ist schon sehr begehrt und hat auch seinen Preis.

Auch Sven Michel könnte Interessen geweckt haben.
Er hat einen Vertrag bei uns und wir planen fest mit ihm.

Wie geht es mit Pospech und Pawela weiter?
Mit beiden werden wir jetzt ins Gespräch gehen. Möglicherweise stehen die Zeichen auf Trennung.

Energie wäre dann im Angriff blank. Macht Ihnen das Sorgen?
Es ist tatsächlich das Schwierigste, den richtigen Stürmer zu finden. Wir haben den kleinen Vorteil, dass wir etwas früher planen und auch besser scouten können. So können wir mit mehreren Kandidaten sprechen. Aber auf dieser Position suchen alle Clubs.

Was ist mit Paul Röwer?
Er ist noch an Viktoria Berlin ausgeliehen, wird aber zurückkehren. Ich werde mit ihm sprechen, es wird schwer für ihn. Er hat in Berlin nicht viel gespielt, nur in der zweiten Mannschaft.

Wird Energie die Ablösesumme für Kevin Müller bezahlen?
Wir können keine Ablöse zahlen.

Was heißt das im Fall Müller?
Wir müssen da noch einmal ins Gespräch mit dem VfB gehen. Die Stuttgarter planen nicht mehr mit Kevin, er hat von uns ein Angebot vorzuliegen und würde gerne hierbleiben. Wenn das nicht klappt, müssen wir wahrscheinlich im Torwartbereich noch einmal auf den Markt gehen.

Wäre René Renno wieder als Nummer eins denkbar?
Definitiv.

Der Vertrag von Trainer Krämer läuft bis 2016. Wann sprechen Sie mit ihm über eine Verlängerung?
Das eilt nicht und wäre zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch kaum in seinem Sinne. Wir sind ungeachtet der jüngsten Schwächeperiode einhundert Prozent mit ihm zufrieden. Er passt einfach hier her.

Ihr Vertrag geht ebenfalls bis 2016, wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich würde auch gern längerfristig hierbleiben, weil ich mich sehr wohlfühle und die Aufgabe extrem Spaß macht. Das muss aber der Verein entscheiden.

Sie und Krämer galten als ideales Duo. Einer extrovertiert, der andere ruhiger. Hat sich das im Alltag tatsächlich als ideal erwiesen?
Fachlich haben wir immer mal unterschiedliche Ansätze. Er ist schon 20 Jahre Trainer, ich stand als Profi auf dem Platz - da sieht man Dinge naturgemäß anders. Aber das ist okay so und mitunter sogar konstruktiv.

Ihr Draht zueinander funktioniert also weiterhin?
Der ist top, dieses turbulente Jahr hat uns noch mehr zu sammengeschweißt. Schließlich haben wir den Kader gemeinsam zusammengestellt.

Mit Roland Benschneider

sprach Jan Lehmann