ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 15:59 Uhr

Der große RUNDSCHAU-Vergleich
Was kann Energie von Eisern Union lernen?

 Hoch und runter ging es bei Energie Cottbus und Union Berlin in den vergangenen Jahren.
Hoch und runter ging es bei Energie Cottbus und Union Berlin in den vergangenen Jahren. FOTO: lr / LR
Cottbus/Berlin. Viele Jahre spielte Energie Cottbus höherklassiger als Union Berlin – oder zumindest auf Augenhöhe. Spätestens nach dem Abstieg des FCE liegen jedoch Welten zwischen beiden Clubs. Die RUNDSCHAU sucht nach den Gründen und vergleicht beide Vereine. Von der RUNDSCHAU-Sportredaktion

Energie: 1966 entstand im Kohlerevier die BSG Energie, die auf Parteibeschluss von Brieske verstärkt worden war. In der DDR spielte Cottbus meist zweitklassig, schaffte 1990 nach dem Aufstieg mit Rang sieben die beste Oberliga-Platzierung der Geschichte. Unter „Ede“ Geyer gelang 1997 der Sprung in den Profifußball mit dem späteren Durchmarsch in die 1. Liga. Unter Petrik Sander stieg man 2006 erneut auf. Mit dem Abstieg 2009 begann die Talfahrt bis in die 4. Liga.

Union: Olympia Oberschöneweide (1906 gegründet) bekam 1966 den heutigen Namen. Viele Spieler arbeiteten in der Eisenindustrie. Als Gegenstück zum BFC war Union bei der Partei gehasst und beim Volk beliebt. Bis zur Wende war es eine Fahrstuhlmannschaft zwischen DDR-Liga und Oberliga. Chaos nach dem Mauerfall: Gefälschte Bankbürgschaft  für die 2. Liga 1993 und Lizenzentzug im Jahr darauf. Erst 2001 gelang der Sprung in die 2. Liga, 2005 musste aber in der Oberliga neu aufgebaut werden. 2008/09 gelang als erster Meister der neuen 3. Liga der Aufstieg. In den folgenden zehn Zweitliga-Jahren belegte Union fast immer einen einstelligen Platz.

Energie: Etwa 500 000 Lausitzer leben im Einzugsgebiet. Energie fehlt am östlichen Ende der Republik die überregionale Strahlkraft, das ist auch am Sponsorenpool erkennbar. Hauptsponsor ist die Sparkasse Spree-Neiße, Trikotsponsor Karton.eu aus Spremberg. Die Leag hat als in der Region tätiges Energie-Unternehmen gerade seinen Sponsoringvertrag verlängert. Beim Verein setzt man auf viele regionale mittelständische Unternehmen und auch Kleinstbetriebe. Der umtriebige „Energie-Club 90“ war die erste Sponsorenvereinigung nach der Wende. Heute haben die Unternehmer das Ziel, die Nachwuchsförderung beim FCE voranzubringen.

Union: Etwa 3,6 Millionen Menschen leben in Berlin, fast eine weitere Million im Umland. Die Hauptstadt hat mit Hertha BSC, Alba Berlin, den Füchsen und Eisbären weiteren Erstliga-Sport zu bieten. Dennoch profitiert Union von der Lage im Osten. Der Verein boomt, das Stadion hatte in der abgelaufenen Saison eine Auslastung von 97 Prozent. 2004 hatte Union noch 30 Sponsoren – aktuell sind es etwa 200. Ab der Saison 2020/21 wird Adidas für fünf Jahre sämtliche Teams von Union ausrüsten – jährliche Einnahmen: 700 000 Euro. Hauptsponsor Layenberger verlässt nach drei Jahren den Verein. Ein neuer Geldgeber wird noch gesucht.

Energie: 2009 verabschiedete man sich bewusst von seinem Image. Energie stand für osteuropäischen Kampffußball. Der „Fightclub“ wurde aber abgelegt. In der Lausitz wollte man nicht mehr das gallische Dorf vor den Toren Berlins sein, sondern ein normaler Club. Mehr Spielkultur, weniger Melzig oder Akropovic. Nun ist man wieder auf der Suche nach einer Identität, die man vermarkten kann, und muss sich dabei noch gegen das Nazi-Image wehren.

Union: Die Köpenicker sehen sich als Gegenentwurf zum Estab­lishment. Zu Ost-Zeiten rebellierte Union gegen Mielkes Regime-Club BFC Dynamo, heute gegen den Kommerz im Fußball und den DFB. 2012 stimmte Union als einziger Profiverein gegen dessen Sicherheitskonzept. Die Fans fühlen sich verstanden. Auch weil das Stadionerlebnis hier im Vordergrund steht wie deutschlandweit sonst nur noch am Millerntor in St. Pauli. Deswegen fliegen Zuschauer selbst aus England regelmäßig über den Teich, um an der Alten Försterei ehrlichen Fußball zwischen Stehplätzen, Weihnachtssingen und WM-Wohnzimmer fühlen zu können.

Energie: Als eingetragener Verein beherbergt der FCE das Profi-Team wie auch die Nachwuchsabteilung. Oberstes Gremium ist die Mitgliederversammlung, operative Entscheidungen fällt das Präsidium unter Werner Fahle. Das Präsidium wird vom Verwaltungsrat berufen, der von den etwa 3000 Mitgliedern gewählt wird. Geschäftsführer Karsten Sachs spielt in der sportlichen Ausrichtung eine untergeordnete Rolle. Claus-Dieter Wollitz ist Cheftrainer und Sportdirektor in Personalunion. Es gibt Überlegungen, das Profi-Team auszugliedern oder  eine Stadiongesellschaft zu gründen. Dafür wurden mit einer Satzungsänderung erste Weichen gestellt.

Union: Der Verein strukturiert sich in Aufsichtsrat, Präsidium, Ehrenrat und die 22 000 Mann starke Fan- und Mitgliederabteilung. Vor allem letztere hat viel Macht: Vor sieben Jahren kauften mehr als 5000 Fans eine Stadion-Aktie und halten seitdem 44 Prozent an der Stadionbetriebs AG. Eine Umbenennung der Alten Försterei ist somit nur mit ihrer Zustimmung möglich. Die Profi­­­-
Abteilung dagegen wurde nicht ausgegliedert. Ohne Präsident Dirk Zingler wird bei Union kaum eine Entscheidung getroffen. Und auch Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profifußball und damit Kader-Schmied, wird als Mann hinter dem Aufstiegs-Erfolg gefeiert.

Energie: Mit Claus-Dieter Wollitz (2009 bis 2011 und seit 2016), Rudi Bommer (2012/13), Stephan Schmidt (2013/14), Jörg Böhme (2014), Stefan Krämer (2014/15) und Vasile Miriuta sowie den Interimslösungen Markus Feldhoff (2011) und René Rydlewicz (2014) gab es in den vergangenen zehn Jahren insgesamt acht verschiedene FCE-Trainer. Mit Michael Feichtenbeiner (2009/10), Christian Beeck (2012/13), Roland Benschneider (2014 bis 16) sowie Claus-Dieter Wollitz (2010/11 und seit 2016) gab es vier Sportdirektoren. Nach den Abstiegen 2014 und 2016 gab es jeweils einen Umbruch im Team, die Mannschaften wurden weitgehend komplett ausgetauscht.

Union: Seit 2009 gab es sechs Trainer: Uwe Neuhaus (2007 bis 2014), Norbert Düwel (2014/15), Sascha Lewandowski (2015/16), Jens Keller (2016/17), Interimstrainer André Hofschneider (2016, 2018) und Urs Fischer (seit 2018). Mehr Kontinuität gibt es auf Funktionärsebene mit Präsident Dirk Zingler (seit 2004) und dem finanziellen Geschäftsführer Oskar Kosche (seit 2006). Der Kader hat sich verändert, aber nie sein Gesicht verloren. Michael Parensen lief schon in der 3. Liga für Union auf.

Energie: Das Stadion der Freundschaft (1930 gebaut) ist seit den 1960er-Jahren Spielstätte von Energie. 1988 wurde die Haupttribüne gebaut. Später kamen Osttribüne (2003), Nordwand (2007) und Südtribüne (2008) dazu. Die Kapazität beträgt 22 528 Plätze. 2011 kaufte der FCE das Stadion für zwei Millionen Euro von der Stadt und muss es selbst bewirtschaften. Das ist eine Last von mehr als einer Million Euro jährlich. Dem FCE gehören zudem das Südstadion, der Trainingsplatz Eliaspark, die Turnhalle sowie das Mehrzweckgebäude. Die Geschäftsstelle im Doppelstock-Container ist Sinnbild dafür, dass großer Modernisierungsbedarf besteht.

Union: 1920 wurde das Stadion an der Alten Försterei eröffnet und 2008 von mehr als 2300 Helfern in 140 000 freiwilligen und lustvollen Arbeitsstunden umgebaut, weil der Verein nicht genug Geld hatte. Im Jahr 2013 wurde die neue Haupttribüne der aktuell 22 012 Zuschauer fassenden Arena eröffnet. Mit der Ausgliederung der Spielstätte hat Union auch verhindert, dass die Alte Försterei irgendwann mal zu einer finanziellen Belastung für den Club werden kann. Im Schatten des Stadions befinden sich noch ein Rasenplatz und zwei Kunstrasenfelder. Hier können Nachwuchs und Frauen genauso spielen wie auf vier weiteren separaten Anlagen im Bezirk.

Energie: Mit U19 und U17 spielen kommende Saison die wichtigsten Nachwuchsteams in der höchsten Spielklasse. Im Verbund mit Lausitzer Sportschule und dem Fußball-Landesverband versucht der Verein, die Talente der Region zu holen. Inzwischen werden die Spieler aber bereits mit 15 Jahren von Clubs wie RB Leipzig, Wolfsburg oder Freiburg abgeworben. Prominente Absolventen der Lausitzer Fußballschule: Leonardo Bittencourt (Hoffenheim), Tim Klein­dienst (Freiburg) oder Martin Kobylanski (Braunschweig). Maximilian Philipp (Dortmund) spielte ebenfalls ein Jahr im FCE-Nachwuchs.

Union: U19 und U17 spielen regelmäßig in der Bundesliga. Mit der Flatow-Oberschule hat Union einen wichtigen Kooperationspartner in Köpenick. Alle Eigengewächse wie Robert Huth oder Steven Skrzybski wurden hier ausgebildet. Umso erfolgreicher die Profis werden, desto geringer wird aber auch die Durchlässigkeit. Zum aktuellen Kader gehörten nur vier Jungs aus der Union-Zunft, die zusammen auf eine Spielzeit von 89 Minuten kommen.

  • RUNDSCHAU-Fazit: Energie Cottbus muss sich neu erfinden!

Nein, Cottbus kann man nicht mit dem Potenzial von Berlin vergleichen. Trotzdem hat Energie Fehler – und Union vieles richtig gemacht. Anders ist die Entwicklung seit 2008, als Union in der Regionalliga gegen Energie II spielte, nicht zu erklären. Ja, Energie kann also trotz aller Unterschiede von ­Union lernen. Die Basis für dessen Aufstieg war Kontinuität. ­Union ist gewachsen, ohne ­seine Identität aufzugeben. Genau das hat Energie vergessen – und muss sich nun wieder überlegen, wofür man steht. Für guten Nachwuchs zum Beispiel. Hier sind beide noch auf Augenhöhe. Und Union hat gezeigt, dass die 4. Liga auch ein Neuanfang sein kann.