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Stefan Krämer, der Taxifahrer und eine Gänsehaut-Geste

FUSSBALL. Trotz der 0:3-Niederlage konnte Energie-Trainer Stefan Krämer in Bielefeld lächeln. Zwar nicht über den eigentlich erhofften Sieg, dafür aber über den Empfang an der ehemaligen Wirkungsstätte. Frank Noack

Ja, es muss einfach so sein. Dieser Taxifahrer muss ein ganz besonderer Mensch sein. Er lebt und arbeitet in Bielefeld - und kennt Stefan Krämer nicht. "Stefan wer?", entschuldigt sich der Taxifahrer. Fußball interessiere ihn nicht sonderlich, ergänzt der Mann. Bei der WM in Brasilien hat er nur das Vorrunden-Spiel Uruguay gegen England gesehen und sich diebisch über den Sieg des Außen seiters gegen das Mutterland des Fußballs gefreut. "Engländer sind arrogant. Wenn sie ins Taxi steigen und merken, du sprichst ihre Sprache nicht, halten sie dich gleich für doof", erklärt er mir auf der Fahrt zum Stadion. Deshalb kann man Uruguay schon mal die Daumen drücken.

Ob der Ordner am Eingang der Schüco-Arena die englische Sprache beherrscht - keine Ahnung. Aber er kennt Stefan Krämer. "Ich bin gespannt, wie er heute hier empfangen wird", sagt er zu seinen Ordner-Kollegen, während er meine Eintrittskarte begutachtet. Bis Februar 2014 ist Krämer jeden Tag durch dieses Tor gefahren. Erst als Interims-Trainer der Arminia, dann als Chefcoach. In der Saison 2012/13 schaffte er mit Bielefeld den Aufstieg in die 2. Liga und lässt sich zur Feier des Tages das mittlerweile legendäre Arminia-Tattoo auf der Brust stechen.

Am Ostersamstag kehrte der 48-Jährige erstmals als Cottbuser Trainer zurück. Und es trifft sich gut, dass Energie pünktlich ist. Denn Krämer muss zahlreiche Hände schütteln. In den Tagen vor dem Spiel gegen seinen Ex-Verein hat der Trainer in diversen Interviews immer wieder versichert, er werde trotz seiner Bielefelder Vergangenheit natürlich den Weg in die richtige Umkleidekabine finden. Dass es so ziemlich das einzige Erfolgserlebnis an diesem Samstag bleiben wird, ahnt Krämer gut 90 Minuten vor dem Spiel noch nicht.

Gemeinsam mit dem Sicherheitsmann am Eingang zur Pressetribüne blicke ich in die noch gähnend leere Schüco-Arena. Im Mai 2013 ließen die Bielefelder Spieler hier ihren Trainer durch die Luft fliegen und feierten ausgelassen den Aufstieg. Ob der Energie-Coach kurz an jene Jubelszenen denkt, als er den Rasen inspiziert? Oder doch eher an das Aus im Februar 2014? "Krämer ist trotz seiner Ent lassung hier beliebt", meint der Sicherheitsmann und liefert auch die Begründung gleich noch hinterher: "Seine Art kam sehr gut bei den Fans an. Er ist immer menschlich geblieben."

Beinahe unmenschlich ist, dass Krämer trotz der empfindlichen Kühle die gesamten 90 Minuten mit kurzärmligem T-Shirt an der Seitenlinie steht. Erst wie ein Tiger immer unterwegs und seine Mannschaft antreibend, später dann, als die Partie für Energie endgültig verloren ist, mit der Ruhe der Enttäuschung über die vielleicht bitterste Niederlage dieser Saison. Zumindest für Krämer persönlich, denn: "Ich wollte natürlich hier gewinnen. Es ärgert mich riesig, dass wir das nicht geschafft haben."

Die bemerkenswerteste Szene dieses Nachmittags hätte dann vielleicht sogar den Taxi fahrenden Uruguay-Anhänger gerührt. Nach dem Schlusspfiff kommen plötzlich "Stefan Krämer"-Rufe aus dem Bielefelder Fanblock. Klar, nach einem 3:0-Sieg der eigenen Mannschaft lässt es sich leichter gönnen als nach einer Niederlage. Und dennoch - es ist eine bemerkenswerte Geste.

Oder eben "außergewöhnlich", wie Krämer sie nennt: "Ich weiß nicht, ob das in Deutschland überhaupt schon mal passiert ist. Das war ein Gänsehaut-Gefühl, obwohl ich es wegen der Niederlage nicht richtig genießen konnte." Es scheint, als habe bis auf den Taxifahrer in Bielefeld niemand die Arbeit von Krämer vergessen - auch wenn dann im Frühjahr 2014 längst nicht mehr alles nur positiv war. Gerade das aber machen die "Krämer"-Rufe so bemerkenswert.

Auch bei der Pressekonferenz sind die meisten Objektive auf den FCE-Trainer gerichtet. Klack, klack, klack - Krämer lächelt freundlich in die Kamera. Selbst so mancher Arminia-Edelfan kommt mitsamt Kinder noch schnell zum Erinnerungsfoto. Eine Mitarbeiterin im Presseraum nimmt zur Sicherheit einen offenbar befreundeten Foto grafen zur Seite: "Du, deine Krämer-Bilder, die kriege ich doch, oder? Alle!"