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| 11:22 Uhr

Auszeit
Baut die Bildschirme ab!

Cottbus. Nach dem 1. Spieltag der Fußball-Bundesliga wird wieder heftig über den Videobeweise diskutiert. RUNDSCHAU-Reporter Jan Lehmann sagt in seinem Kommentar: Baut die Bildschirme am Spielfeldrand schnell wieder ab! Von Jan Lehmann
FOTO: dpa / Sven Hoppe

Viele Eltern von Kindern im Youtube-Alter kennen vermutlich dieses Phänomen: Die Kids hängen stundenlang auf der Videoplattform rum, um dort anderen Jugendlichen oder auch Erwachsenen zuzuschauen, wie diese Videospiele spielen und kommentieren. Diese relativ neue Gattung der Unterhaltung heißt „Let`s play“ (dt. „Lasst uns spielen“) und ich kann mir deren Daseinsberechtigung oder gar Faszination schlichtweg nicht erklären.

Und dennoch befand ich mich am Wochenende in einer ganz ähnlichen Situation: Bei den Übertragungen des ersten Bundesliga-Spieltag habe ich nämlich auf meinem Fernseher größtenteils Männer gesehen, die auf Bildschirme geschaut haben, auf denen Fußball lief. Konkreter: Fußballschiedsrichter, die ungelenk über der Bande buckelten, um auf einem Flachbildschirm strittige Szenen aus vielerlei Perspektiven und in Supersonderzeitlupe zu begutachten. Der Videobeweis ist zurück aus der Sommerpause. Einige der besagten Referees hatten deshalb am ersten Spieltag ungefähr genauso viel Bildschirmzeit wie ich früher in meinen kompletten Sommerferien.

Der Effekt war ungefähr der gleiche: Viereckige Augen und wenig Erkenntnisgewinn. Denn trotz des großen finanziellen und personellen Aufwandes gibt es auch nach diesem Spieltag genauso viele umstrittene Entscheidungen wie 1963, als es vom allerersten Bundesliga-Tor von Timo Konietzka nicht einmal Bewegtbild gab.

Das Hauptproblem: Für strittige Szenen im Fußball wird es bis auf die Frage, ob der Ball tatsächlich hinter der Linie war, keine endgültigen technischen Antworten geben, die hundertprozentig gerecht sind. Und so empfindet beispielsweise die Fraktion Pro-Bayern den Elfmeter für Franck Ribery als völlig regelkonform – die Kontra-Bayern-Abteilung kann darüber nur den Kopf schütteln. Und die Tatsache, dass ausgerechnet diese schwer zu beurteilende und spielentscheidende Szene beim Bundesliga-Auftaktspiel des Rekordmeisters am Freitag gegen Hoffenheim nicht noch einmal vom Schiedsrichter am Bildschirm begutachtet wurde, zeigt wie beliebig und damit grotesk das System ist. Und dass nach dem Referenzfall am Freitag künftig alle geschossenen Elfmeter daraufhin untersucht werden müssten, ob ein Spieler zu früh in den Strafraum gelaufen ist, lässt für die Zukunft Spiele erwarten, die längere als eine komplette Netflix-Serie dauern.

Der Videobeweis zerstört den Spielfluss, hemmt jeden spontanen Jubel über ein möglicherweise später doch noch aberkanntes Tor und macht den Erstliga-Fußball keinesfalls gerechter. Nachzufragen an diesem Wochenende beim FC Schalke, der sich in Wolfsburg wohl zu Recht über die Entscheidungen aus der Videozentrale in Köln beschwerte. Die Trefferquote der Entscheidungen am Bildschirm ist meiner Meinung nach genauso groß wie die in der 3. Liga, wo es den Videobeweis glücklicherweise noch nicht gibt.

In Cottbus haben wir am Samstag erlebt, dass erst ein klares Tor der Meppener nicht anerkannt wurde, kurz darauf ein Cottbuser Treffer wegen Abseits offenbar falsch annulliert wurde. Na und? Trotzdem war es eine intensive Partie, die dem Publikum viel zu bieten hatte und nach deren Abpfiff beide Mannschaften sich irgendwie über den Punkt freuen und irgendwie auch über die vergebene Chance auf den Sieg ärgern konnten. So ist das halt im Fußball, jede Woche auf Tausenden von Plätzen in der gesamten Republik. Bisher hat dies der Faszination an diesem wunderbaren Spiel keinen Abbruch getan. Und deshalb wünsche ich mir ganz nach dem Motto der Youtuber-Generation: Lasst uns einfach spielen – und baut bloß diese Bildschirme am Spielfeldrand schnell wieder ab.

FOTO: LR / Sebastian Schubert