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| 09:45 Uhr

Fußball
Relegation, Eskalation und Resignation

Toralf Konetzke (l.) und Hannovers Matthias Dworschak 1997 im Aufstiegsrückspiel zur 2. Bundesliga im Duell.
Toralf Konetzke (l.) und Hannovers Matthias Dworschak 1997 im Aufstiegsrückspiel zur 2. Bundesliga im Duell. FOTO: Imago Sportdienstfoto GmBH
Cottbus. Zwei K.o.-Serien hat Energie Cottbus schon mitgemacht in seiner Vereinsgeschichte. Mit gemischten Gefühlen. Die RUNDSCHAU blickt zurück. Von Steven Wiesner

Alles oder nichts. Keine drei Worte könnten das Prinzip der Aufstiegsspiele präziser beschreiben. „Wir hätten alles gewinnen, aber auch alles verlieren“, hatte Energie-Kapitän Marc Stein vor den allesentscheidenden Aufstiegsspielen zur 3. Liga gesagt.

Zwei Spiele dürfen über eine komplette Saison richten. Gefühle und Emotionen, die sich 300 Tage lang anstauen, werden in 180 Minuten gepresst und entladen sich dann umso explosiver, als würde man eine Flasche mit Kohlensäure bewusst nochmal kräftig durchschütteln und erst dann öffnen. Diese beiden Spiele haben die Macht, eine Mannschaft, die eigentlich alles gewonnen hat, als Verlierer dastehen zu lassen. Das macht sie so gefährlich. Alles oder nichts. Zwei derartige Duelle hat Energie Cottbus schon gespielt in seiner Vereinsgeschichte. Wir setzen uns in die Zeitmaschine.

1996/97: Energie Cottbus – Hannover 96 0:0 / 3:1

Die erste Erfahrung mit diesen besonderen K.o.-Spielen macht der FCE in der wundersamen Spielzeit 1996/97. Es ist die dritte Amtszeit von Trainer Eduard Geyer, der eine ordentliche Lausitzer Mannschaft zu einer gefürchteten Bande von Weiganden macht und die Stadt Cottbus mit Erfolgen für die Ewigkeit überhaupt erst auf die Landkarte zu packen scheint. Im Frühsommer 1997 ist Cottbus deutschlandweit in aller Munde. Nach einem 7. und einem 3. Platz marschiert Energie unangefochten durch die Regionalliga, damals noch dritthöchste Spielklasse, und bleibt in insgesamt 57 Pflichtspielen ungeschlagen. Im Derby gegen Dynamo Dresden reißt die schöne Serie zwar, doch die Teilnahme an den Aufstiegsspielen ist Energie zu diesem Zeitpunkt schon sicher.

Dort wartet Hannover 96, mit Spielern wie Otto Addo, Gerald Asamoah, Dieter Hecking oder Fabian Ernst stark favorisiert. Doch Cottbus bringt im Auswärtsspiel trotz Gelb-Roter Karte für Jens-Uwe Zöphel ein 0:0 zustande. „Eigentlich hätten wir 8:0 verlieren müssen“, wird Detlef Irrgang später sagen. „Aber Kay Wehner hatte an diesem Tag zehn Arme.“ Ein weiterer Erklärungsversuch von Irrgang sind die gelb-grünen Auswärtstrikots, die extra für dieses Spiel besorgt werden müssen, da Hannover ebenfalls in Rot spielt. „Wahrscheinlich war Hannover so geschockt gewesen von unseren Trikots und hat deshalb kein Tor geschossen. Wir sind schließlich rumgerannt wie die Papageien.“

Aufstiegsheld Detlef Irrgang enteilt den 96ern Matthias Dworschak, Fabian Ernst (kniend) und Dieter Hecking.
Aufstiegsheld Detlef Irrgang enteilt den 96ern Matthias Dworschak, Fabian Ernst (kniend) und Dieter Hecking. FOTO: Imago Sportdienstfoto GmBH

Im Rückspiel darf Energie dann wieder in Rot-Blau auflaufen – und liefert ein Spiel ab, das die 20 000 Menschen im Stadion der Freundschaft ihr Leben lang nicht mehr vergessen werden. Ein abgefälschter Freistoß von Thomas Hoßmang bringt Cottbus in Führung, doch Wehner patzt bei einem Distanzschuss von Ernst. Zu diesem Zeitpunkt ist Hannover aufgestiegen. Nun braucht es höhere Mächte. Und die lassen das Flutlicht einschlafen. Finsternis für ein paar Minuten und Spielunterbrechung. Eine Pause, die eher Energie zugutekommt, weshalb man noch heute munkelt, dass Cottbuser Verantwortliche den Stecker höchstselbst gezogen hätten. Irrgang: „Dieses Geheimnis hat der gute Hajo Prinz mit ins Grab genommen.“

Doch Legenden werden nach der Unterbrechung auch auf dem Rasen gebildet. Wieder kassiert Cottbus in Person von Jens Melzig einen Platzverweis. Dann muss es halt in Unterzahl gehen. Irrgang trifft erst nach einer Hereingabe Frank Seiferts und später nach einem typischen Solo mit Irrgang-Haken und unterlegt mit einem Gerhard-Delling-Livekommentar, den jeder Cottbuser im Schlaf aufsagen kann. „Hat er die Nerven? Er hatte sie fast. Und er hat sie dann doch!“ Man kennt das ja. Das Spiel ist gewonnen. Eskalation und Ekstase auf den Rängen. Das Stadion intoniert: „Oh, wie ist das schön, sowas hat man lange nicht gesehen.“ Streng genommen hat man sowas sogar noch nie gesehen. Energie Cottbus steigt erstmals auf in die 2. Fußball-Bundesliga.

2008/09: Energie Cottbus – 1. FC Nürnberg 0:3 / 0:2

Der Cottbuser Stürmer Stiven Rivic (l.) kann Nürnbergs Abwehrspieler Pascal Bieler nicht mehr am Flanken hindern.
Der Cottbuser Stürmer Stiven Rivic (l.) kann Nürnbergs Abwehrspieler Pascal Bieler nicht mehr am Flanken hindern. FOTO: picture-alliance/ dpa / Bernd Settnik

Die zweite und bis heute letzte Erfahrung mit einer solchen K.o.-Serie macht Energie in der Bundesliga-Saison 2008/09. Es ist die erste Relegation seit 1991 – und Cottbus darf gleich das Premierenspiel bestreiten. Durch einen 3:0-Heimsieg am letzten Spieltag gegen Bayer Leverkusen springt die Mannschaft von Trainer Bojan Prasnikar überhaupt erst auf Rang 16, der in den Jahren zuvor noch den direkten Abstieg bedeutet hätte. Nun bekommt Cottbus noch eine zweite Chance in zwei Partien gegen den Tabellendritten aus Liga zwei und sieht sich dem 1. FC Nürnberg gegenüber.

Schon im Hinspiel vor eigener Kulisse aber verspielt der FCE nahezu alle Möglichkeiten auf einen verspäteten Klassenerhalt. Christian Eigler und Isaac Boakye mit einem Doppelpack binden den Lausitzern eine Hypothek für das Rückspiel von drei Toren auf. Da, wo zwölf Jahre zuvor noch „Oh, wie ist das schön“-Gesänge zu hören sind, schallen nun „Prasnikar raus“-Rufe durch das Stadion.

Das Rückspiel im Frankenland hat fast nur noch statistischen Wert. Der 31. Mai 2009 wird zwar als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem WM-Fahrer Nils Petersen seinen ersten Startelfeinsatz für Energie Cottbus feiert. Er beschließt aber auch das Kapitel Bundesliga für den FC Energie Cottbus. Bis heute und vielleicht für immer. Der FCE resigniert, verliert das Spiel mit 0:2 und ist neben Hertha BSC (2012) der bis heute einzige Erstligist, der als Verlierer aus der Relegation hervorgeht. Ein paar Wochen später wird Claus-Dieter Wollitz als neuer Trainer vorgestellt.

Dieser ist nun auch im Jahr 2018 wieder verantwortlich für den FC Energie. Neun Jahre später soll er Cottbus durch die dritte Schicksalsserie führen. Die Relegation gegen Nürnberg war gewissermaßen der Anfang vom Ende, mit drei Abstiegen binnen sieben Jahren. Das Cottbuser Rückspiel am Sonntag soll nun das Ende vom Ende sein. Mit dem ersten Aufstieg seit 2006.