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| 19:46 Uhr

Fußball
„Wir stecken in einer echten Zwickmühle“

80 Punkte in einem Jahr: Energie Cottbus will den erfolgreichen Kader langfristig zusammenhalten.
80 Punkte in einem Jahr: Energie Cottbus will den erfolgreichen Kader langfristig zusammenhalten. FOTO: Steffen Beyer
Cottbus. Energie-Präsident Michael Wahlich erklärt im RUNDSCHAU-Interview, warum der Januar ein entscheidender Monat für den FCE wird.

Das Jahr 2017 war für Energie Cottbus sehr erfolgreich und ziemlich turbulent. 2018 dürfte es nicht weniger spannend zugehen. Energie-Präsident Michael Wahlich erklärt im RUNDSCHAU-Interview, wie schwierig schon der Januar wird, warum die Stadionfrage kompliziert bleibt und welche Rolle Milliardär Daniel Kretínský spielen könnte.

Michael Wahlich, im Februar haben Sie vom „allerbesten Freund der Familie“ berichtet, der für 500.000 Euro Genusscheine bei Energie gezeichnet und damit geholfen hat, eine Finanzlücke zu schließen. Ist dieser Freund zufrieden mit dem FCE?

WAHLICH: „Ich weiß, dass er sogar sehr zufrieden ist. Es war richtig, dass wir das gemacht haben. So sind wir in etwas ruhigeres Fahrwasser gekommen und haben ein glänzendes Jahr gespielt. Wir haben 80 Punkte gesammelt, einen Vereinsrekord aufgestellt. Die Mitglieder und Fans sind zufrieden – das gilt auch für die Mitarbeiter, die Sponsoren und uns Ehrenamtliche.

Dennoch war es kein Bilderbuch-Jahr, Sie hatten einige Klippen zu umschiffen. Man weiß, dass Sie gesundheitliche Sorgen haben. Wie anstrengend war es für Sie?

WAHLICH: „Es war sehr anstrengend, weil wir nicht einfach auf einer Welle geschwommen sind und sich alles von allein erledigt hat. Wir hatten durchaus interessante Momente, wenn man beispielsweise an Neutrino denkt.“

Die undurchsichtig Firma, die groß bei Energie einsteigen wollte – mit Geld für eine Technologie, die überhaupt noch nicht funktioniert.

WAHLICH: „Genau, da wurde einiges losgetreten, doch das haben wir meiner Meinung nach gut gelöst. Im April kam dann die Sache mit den Ausschreitungen in Babelsberg. Ich möchte das nicht noch einmal vertiefen, bleibe aber bei meiner Einstellung, dass ich Politik wie auch Gewalt nicht im Stadion haben möchte. Dass dies ein bisschen träumerisch ist, weiß ich auch. Wir haben jetzt einige gute Akzente gesetzt und wissen, dass uns diese Problematik noch länger beschäftigen wird – auch wenn sie nervt. Aber ich habe auch viele schöne Momente erlebt.“

Woran denken Sie da?

WAHLICH: „Wenn fremde Leute im Stadion auf mich zugekommen sind und mir gesagt haben: ,Herr Wahlich, vielen Dank und machen Sie bloß weiter.‘ Das war kein Einzelfall, wahrscheinlich macht man die ganze Arbeit wegen dieser schönen Momente. Es äußern sich ja leider nur selten die positiv Gestimmten, dafür in den Internetforen umso mehr die Brubbelsäcke und Besserwisser.“

Welchen Anteil hat in Ihren Augen Trainer Claus-Dieter Wollitz an dem sportlich überragenden Jahr?

WAHLICH: „Einen sehr großen. ,Pele’ identifiziert sich zu 100 plus X Prozent mit diesem Projekt. Wenn er richtig loslegt, muss ich manchmal schmunzeln. Aber egal worum es geht, es ist bei ihm immer die totale Identifikation mit der Region, mit den Menschen. Sicher muss man aufpassen, dass er nicht übers Ziel hinausschießt. Aber das ist mir trotzdem viel lieber, als ein Trainer der auf dem Platz oder bei der Pressekonferenz einschläft. Er ist hier in der Lausitz total angekommen, wird sehr gemocht und respektiert. Er ist ein extrem wichtiger Faktor für uns.“

Wollitz dürfte sich mit der starken Bilanz für andere Clubs interessant gemacht haben. Gab es Anfragen?

WAHLICH: „Jedenfalls hat er sie nie gegenüber uns offenbart. Ich weiß aber, dass ,Pele‘ seine Arbeit sehr ernst nimmt und sich als Trainer natürlich auch gut verkaufen muss. Sicher arbeitet er an seinem Marktwert, aber ich denke nicht, dass er berechnend ist.“

Sein Vertrag läuft bis Juni 2018 – wie geht es dann weiter?

WAHLICH: „Wenn der Aufstieg gelingt, verlängert sich der Vertrag automatisch. Ansonsten stecken wir in einer echten Zwickmühle.“

Wie meinen Sie das?

WAHLICH: „Wir müssen den Januar extrem dafür nutzen, Spieler zu überzeugen, im Negativfall noch einen weiteren Anlauf in der 4. Liga mit uns zu wagen. Es gibt gute Gespräche, aber jetzt komme ich zur Zwickmühle. Die Spieler sagen: ,Ich würde bleiben, wenn Pele Wollitz bleibt.‘ Und der Trainer sagt: ,Ich würde bleiben, wenn soundso viele Spieler bleiben.‘ Aus dieser Zwickmühle müssen wir unbedingt raus.“

Mit Trainingsstart am kommenden Samstag gehen also die Verhandlungen los?

WAHLICH: „Wir werden schon vorher in der Führungsebene besprechen, mit wem wir wann und mit welcher Intensität verhandeln. Gerade sind wir auch noch dabei auszuloten, was wir für Verstärkungen im Winter ausgeben können. Wir spüren, dass wir in der Breite noch ein Verstärkung brauchen und auch in der Spitze – die sogenannten Unterschiedsspieler. Aber die müssen auch hierher passen. Das Mannschaftsgefüge in diesem Team ist schon ein ganz besonderes. Es würde extrem viel Kraft kosten, das wieder neu aufzubauen. Deswegen wollen wir den Kader soweit es geht zusammenhalten.“

Das heißt aber, Energie wäre auch für ein weiteres Jahr in der 4. Liga zumindest finanziell gerüstet?

WAHLICH: „Ja. Aber wir mussten 2017 auch einen Rückgang bei den Sponsorengeldern um 500 000 Euro hinnehmen. Davon konnten wir nur 300 000 Euro mit neuen oder aufgestockten Zuwendungen kompensieren. Deswegen werden wir im Januar an unsere treuen Sponsoren herantreten und fragen, ob sie sich eine Aufstiegsprämie für den Verein vorstellen könnten. Wir sind guter Dinge, weil wir ja schon ein anderes Projekt erfolgreich gestemmt haben.“

Sie meinen den Kunstrasenplatz im Nachwuchsleistungszentrum?

WAHLICH: „Ja, wir haben das geschafft – und zu geringeren Kosten als geplant. Angedacht waren 614 000 Euro, gelandet sind wir bei 595 000 Euro. Wir haben sehr vielen Helfern dafür zu danken, besonders dem Landessportbund Brandenburg und dem Energie-Club 90. Dieser Platz ist extrem wichtig für unsere Nachwuchsarbeit, auf die wir weiter sehr viel Wert legen.“

Ein großer Kostenfaktor bleibt das Stadion der Freundschaft. Wird 2018 das Jahr, in dem der FCE eine Stadiongesellschaft gründet?

WAHLICH: „Damit beschäftigen wir uns. Aber das ist eine hochkomplizierte Sache – und es macht keinen Sinn, wenn der FCE nur selbst Gesellschafter ist.“

Wer könnte Gesellschafter sein?

WAHLICH: „Jede Firma, die wirtschaftlich gut unterwegs ist. Oder ein kommunales Unternehmen. Aber: Nur an einen Fußballclub zu vermieten, wird für ein positives Ergebnis nicht reichen. Für andere Veranstaltungen müsste investiert werden: In Toiletten, Dächer, Tribünen. Es bleibt ein schwieriges Thema, das wir weiter diskutieren.“

Sie haben zuletzt den Sponsoringvertrag mit der Leag verlängert.

WAHLICH: „Ja, die Leag hat sogar ihr Engagement verstärkt. Das ist sehr wichtig für den Verein.“

Hoffen Sie darauf, dass Haupteigentümer Daniel Kretínský sein Herz für den FCE noch mehr weitet? Der Milliardär ist Besitzer von Sparta Prag und fußballverrückt.

WAHLICH: „Ich habe ihm einen Brief geschrieben, im Frühjahr will er nach Cottbus kommen. Natürlich versuchen wir, ihn von unserem Projekt zu überzeugen und für den Verein zu begeistern. Aber wir sollten da nur von kleinen Schritten ausgehen. Wir haben schon einmal eine Zusammenarbeit im Nachwuchsbereich mit Sparta Prag vorbesprochen. Mal sehen, was da 2018 alles auf uns zukommt.“

Was wünschen Sie sich für 2018?

WAHLICH: „Dass wir der Region diesen ersehnten Aufstieg schenken können. Und ich wünsche mir, dass wir als Region noch weiter zusammenrücken. So weit, dass wir im Falle des Misserfolges nicht ins Bodenlose versinken, sondern gemeinsam einen neuen Anlauf starten können.“

Und persönlich?

WAHLICH: „Natürlich Gesundheit für meine Familie, meine Freunde. Und dass mich die besagte Krankheit mit den fünf Buchstaben jetzt weiterhin in Ruhe lässt.“

Mit Michael Wahlich
sprach Jan Lehmann


Lesen Sie am Mittwoch, was Energie Cottbus mit den „Philipp-Millionen“ gemacht hat und für welchen Spieler der Verein ebenfalls noch eine überraschende Transferbeteiligung erhalten hat.

Energie-Präsident Michael Wahlich.
Energie-Präsident Michael Wahlich. FOTO: Steffen Beyer
Präsident Wahlich bescheinigt Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz die „totale Identifikation mit der Region, mit den Menschen“.
Präsident Wahlich bescheinigt Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz die „totale Identifikation mit der Region, mit den Menschen“. FOTO: Steffen Beyer