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"Philipp hat viele Dinge richtig gemacht"

Rudi Bommer freut sich auf das Wiedersehen mit Maximilian Philipp am kommenden Dienstag.
Rudi Bommer freut sich auf das Wiedersehen mit Maximilian Philipp am kommenden Dienstag. FOTO: Imago/img1
Cottbus. Der Ex-Trainer von Energie Cottbus erklärt im RUNDSCHAU-Interview, warum der Dortmunder Millionen-Transfer unter seiner Regie nicht den Durchbruch geschafft hat. Und er kritisiert seinen damaligen Nachfolger beim FCE sowie die heutige Regionalliga. Frank Noack

Letztlich hat auch Rudi Bommer (59) einen Anteil daran, dass Energie Cottbus jetzt rund zwei Millionen Euro am Transfer von Stürmer Maximilian Philipp vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund kassiert. Denn in Bommers Amtszeit beim FCE konnte sich Philipp noch nicht bei den Profis durchsetzen und ging deshalb im Januar 2013 nach Freiburg. In dem Transfervertrag wurde jene Klausel verankert, die dem FCE zehn Prozent der Ablöse von 20 Millionen Euro beschert.

Hallo Herr Bommer, schöne Grüße aus der Lausitz. Wo erreichen wir Sie gerade am Telefon?
Eigentlich bin ich im Urlaub. Aber wir bereiten uns mit dem SC Hessen Dreieich gerade auf die deutsche U21-Nationalmannschaft vor, die im Rahmen der EM-Vorbereitung am Dienstag hier bei uns auf der Anlage trainieren wird. Da gibt es viel zu tun. Sicherheitsauflagen, Pressearbeit etc. Aber Sie wollen mit mir doch sicher nicht über Dreieich, sondern über Maximilian Philipp reden, oder?

Stimmt.
Das dachte ich mir, ist ja schließlich ein spannendes Thema. Ganz ehrlich: Ich freue mich für den Jungen, dass er den Sprung zu einem Topverein wie Borussia Dortmund geschafft hat. Und ich freue mich, dass Energie Cottbus an diesem Wechsel mitverdient.

Und jetzt kommt dieser Maximilian Philipp als U21-Nationalspieler am Dienstag ausgerechnet nach Dreieich. Werden Sie mit ihm über die Zeit in Cottbus reden?
Klar, ich muss ihn doch fragen, ob damals alles in Ordnung war. Aber mal ganz im Ernst: Mich interessiert schon, wie er die Dinge im Nachhinein beurteilt. Als junger Mensch hat man ja oftmals einen etwas anderen Blickwinkel.

Wie sehen Sie es denn mit dem Abstand von mittlerweile über fünf Jahren? Warum konnte sich Philipp in Cottbus nicht durchsetzen?
Erinnern Sie sich mal an die damalige Situation in der Saison 2013/14 - wir standen tief im Tabellenkeller. Als Trainer lautet dein wichtigster Auftrag: Klassenerhalt! Erst in zweiter Linie geht es darum, junge Spieler zu fördern. Dass ich Talente fördern kann, habe ich allerdings auch hinlänglich bewiesen. Nehmen Sie nur mal Spieler wie Simon Terodde, Mirko Boland oder Sascha Mölders. Sie alle sind längst gestandene Profis.

Nochmal zurück zu Maximilian Philipp. Was hat bei ihm damals gefehlt? Geduld?
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Und eigentlich war Robert Berger weiter als Maximilian. Er hat als B-Jugendlicher schon bei uns mittrainiert. Aber Geduld ist ein gutes Stichwort. Talent allein reicht nicht, du musst auch Geduld mitbringen. Heutzutage wird das immer schwieriger, weil der Druck von außen wächst. Darf ich kurz ein Beispiel aus meiner eigenen Karriere erzählen?

Bitte!
Ich hatte mit 18 Jahren ein Angebot von Bayern München, habe es aber abgelehnt. Weil mir klar war, dass ich dort im Grunde genommen zwei Jahre lang keine Chance gehabt hätte zu spielen. Stattdessen bin ich zu Fortuna Düsseldorf gegangen. Langfristig gesehen war es die richtige Entscheidung. Und man muss sagen: Auch Philipp hat in Freiburg viele Dinge richtig gemacht.

Wie meinen Sie das?
Er hat dort die nötige Geduld aufgebracht und sich in Ruhe entwickelt. Mit Christian Streich hatte er einen ganz tollen Trainer. Und jetzt kassiert der SC Freiburg 20 Millionen - sie haben deshalb ebenfalls alles richtig gemacht.

Und Energie Cottbus? Auch alles richtig gemacht in der Personalie Maximilian Philipp?
Fakt ist: Er wollte damals unbedingt weg. Wir haben dann gemeinsam mit Christian Beeck mit dem Transfer das Beste für den Verein rausgeholt. Im Nachhinein ist es doch ein super Transfer für alle Beteiligten. Also, ja: Ich würde schon sagen, dass wir es damals richtig gemacht haben.

Was sagen Sie zur Entwicklung von Uwe Hünemeier, der Energie ja damals auch verlassen hat? Künftig spielt er in der Premiere League.
Auch ihn wollte ich damals eigentlich nicht abgeben. Aber sein Vertrag lief aus und auch er wollte weg. Ich freue mich natürlich über seine tolle Entwicklung. Aufstieg in die Premiere League - das ist wirklich sensationell. Er hat ein starkes Tackling, ein gutes Kopfballspiel. Solche Innenverteidiger kommen in England gut an.

Welche Erinnerungen haben Sie generell an die Trainerzeit in Cottbus?
Viele tolle Erinnerungen. Ich bin ja nicht im Streit gegangen. Am Ende musste ich auf meine Gesundheit Rücksicht nehmen. Ich hatte einen Tumor hinter dem Ohr. Die Operation war unumgänglich. Deshalb bin ich auf den Verein zugegangen und habe meinen Rücktritt angeboten. Wirklich geärgert habe ich mich nur über die Dinge, die danach passiert sind.

Sie meinen die Fitnessdiskussion, die Ihr Nachfolger Stephan Schmidt mit seinen öffentlichen Äußerungen ausgelöst hat.
Genau. Deshalb habe ich mich damals nochmal zu Wort gemeldet und darauf gedrungen, dass er das richtigstellt. Notfalls hätte ich sogar die Laktatwerte vorgelegt. Die Mannschaft hatte kein Fitnessproblem.

Wie sehen Sie die heutigen Probleme des FC Energie?
Das tut schon weh. Für mich gehört Energie in die 2. Bundesliga. Dass es so tief geht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Es ist eine schwierige Situation für Pele Wollitz in der Regionalliga.

Als Meister der Hessenliga hätten Sie mit Dreieich in der kommenden Saison auch in der Regionalliga spielen können. Warum verzichtet der Verein auf den Aufstieg?
Weil wir unter den aktuellen Bedingungen nicht in die Regionalliga wollen und können. Die Struktur, die wir dafür unterhalten müssten, ist zu teuer. Deshalb verfolgen wir auch die von Pele Wollitz angestoßene Diskussion über die Zukunft der Regionalliga inklusive der Relegation sehr genau.

Ihre Meinung?
So kann es jedenfalls nicht weitergehen! Die Regionalliga in der jetzigen Form macht die Vereine kaputt. Deshalb soll Pele Wollitz weiter so laut und konsequent bleiben. Wir hier in Hessen unterstützen seinen Kampf.

Trotzdem: Tut es nicht weh, als Meister auf den Aufstieg zu verzichten? Immerhin wurden Sie ja mit dem Ziel Regionalliga geholt.
Klar, aber wir bräuchten Steuergelder, um die Regionalliga finanzieren zu können. Und das geht im Moment nicht, weil Dreieich unter dem sogenannten kommunalen Rettungsschirm steht. Der finanzielle Handlungsspielraum für die Kommune ist also sehr, sehr eng. Vielleicht sieht das im nächsten Jahr anders aus. Wir sind quasi zu früh aufgestiegen.

Im Kader von Hessen Dreieich steht mit Youssef Mokhtari ein weiterer Ex-Cottbuser. Wie fit ist er denn mit 38 Jahren noch?
,Moki‘ ist ein wichtiger Mann bei uns und hat großen Anteil daran, dass wir Meister sind. Ich bin mit ihm ja schon in Duisburg und Burghausen aufgestiegen. Ein Jahr will er noch dranhängen. Vielleicht schaffen wir es dann auch nochmal mit Hessen Dreieich.

Zum Thema:
Rudi Bommer (59) war in der 2. Bundesliga von Januar 2012 bis November 2013 Trainer beim FC Energie. Seit Januar 2016 ist Bommer Coach des Hessen ligisten SC Hessen Dreieich. In seiner aktiven Karriere hat er insgesamt 417 Spielen für Fortuna Düsseldorf, Bayer Uerdingen und Eintracht Frankfurt in der Fußball-Bundesliga absolviert.