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| 16:01 Uhr

Fussball
Pele, Pep und Perfektion: Was die beiden Trainer gemeinsam haben

Immer am Anschlag: "Pele" Wollitz und "Pep" Guardiola.
Immer am Anschlag: "Pele" Wollitz und "Pep" Guardiola. FOTO: LR
Cottbus. 18 Punkte Vorsprung in der Liga, trotzdem kennt Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz nur den höchsten Gang. Diese Besessenheit eint ihn mit einem prominenten Pendant im Weltfußball. Von Steven Wiesner

Ganz oder gar nicht. Dazwischen gibt es relativ wenig im Trainerleben des Claus-Dieter Wollitz. Das hat am Wochenende in Fürstenwalde auch Schiedsrichter Felix Burghardt zu spüren bekommen, als Wollitz nach einem Foul vor der Cottbuser Bank Mitteilungsbedürfnis äußerte und Nase an Nase mit dem Unparteiischen diskutierte. Nach dem Abpfiff war dann Union-Trainer Matthias Maucksch an der Reihe, um lautstark gegenseitige Standpunkte mit seinem Kollegen zu erörtern. Wollitz kann in solchen Momenten zum Vulkan werden. Zu einem Vulkan, der nicht nur mit dem Brodeln anfängt, sondern Lava und Asche spuckt.

Der Energie-Trainer ist aber nicht nur hart gegen Referees und Trainerkollegen. Er kann auch für seine Spieler ungemütlich werden. So wie vor einigen Wochen nach dem Heimspiel gegen Germania Halberstadt, als er den Abpfiff kaum abwarten konnte, um seine Mannschaft noch im Mittelkreis vor laufender Kamera zusammenzufalten – wohlgemerkt nach einem Spiel, das sie mit 3:1 gewonnen hatte.

Viele Fans fragen sich: Warum macht er das alles? Warum kann er keine durchschnittlichen Auftritte akzeptieren? Warum ist er nicht zufrieden? Angesichts der nachgewiesenen Klasse seiner Elf. Angesichts von 18 Punkten Vorsprung in der Regionalliga Nordost, der selbst dann noch stattlich ist, falls Verfolger Dynamo beide Nachholspiele gewinnt. „Wenn man permanent gelobt und gefeiert wird, muss man sich auch mal Kritik anhören“, stellt Wollitz klar. „Ich möchte eine Mannschaft, die 90 Minuten mit Freude und Begeisterung spielt. Mir reichen keine 45 Minuten. Das lasse ich mit mir nicht machen, egal welche Tabellenkonstellation wir haben.“ Achtlosigkeit und Lotterei duldet er nicht. Keine Macht dem Schlendrian.

Claus-Dieter Wollitz
Claus-Dieter Wollitz FOTO: Steffen Beyer

Im Weltfußball lässt sich nun ein prominentes Pendant zu „Pele“ finden. Einen Bruder im Geiste gewissermaßen, der seine Besessenheit und seinen Hang zur Perfektion teilt, ja vielleicht sogar vorlebt: Josep, besser bekannt als „Pep“, Guardiola. Der 47-jährige Branchengott aus Spanien und der 52-jährige Fußballlehrer aus Brakel verstehen sich vortrefflich darauf, die Anspannung stets am Anschlag zu halten. „Ich möchte nicht abheben wegen dem, was ich erreicht habe. Wir müssen weiter gewinnen“, sagt Guardiola. „Die Vergangenheit war super, aber für die Vergangenheit können wir uns nichts kaufen“, sagt Wollitz. Zwei Aussagen, die man wie eine Blaupause übereinander legen kann. Wie zwei Getriebene hasten „Pele“ und „Pep“ durch das Hier und Jetzt, ohne das Gestrige zu genießen. Zwei Sportwagen, die nur den höchsten Gang kennen. Die nur in Etappen denken – und die gewinnt man eben nicht mit der Handbremse.

Von 30 Etappen der laufenden Saison in der englischen Premier League hat Guardiola mit Manchester City im Übrigen deren 26 für sich entschieden, was einen 16-Punkte-Puffer zum Tabellenzweiten Manchester United zur Folge hat. Die Situation des früheren Bayern-Trainers gestaltet sich also genauso wie die von Wollitz. Er muss sich immer wieder unbeliebt machen, den Mahner geben und seine Spieler pieken. Weil ein praktischer Staffelsieg eben noch kein faktischer ist.

Als Manchester City vor kurzem den Tabellenfünften und amtierenden Meister Chelsea London mit 1:0 besiegte, zeigte Guardiola, wie manisch er jedes einzelne Spiel angeht. Die Überwältigung des triumphalen Moments zwang ihn in die Knie und ließ ihn kreischen wie eine 13-Jährige, die ein Meet-and-Greet mit Justin Bieber gewonnen hatte. Dabei hätte er diesen Sieg gar nicht gebraucht. Er führt nur dazu, dass City am Ende der Spielzeit nicht mit 13, sondern 16 Punkten Vorsprung Meister wird. „Viele Spieler gehen mit Kopfschmerzen aus einem Guardiola-Training raus, weil so viel Input auf sie einprasselt“, erklärt Journalist Raphael Honigstein die Detailversessenheit Guardiolas.

Josep Guardiola
Josep Guardiola FOTO: Martin Rickett / dpa

Es ist genau dieser Wahn, mit dem er bereits während seiner Zeit beim FC Barcelona ein unstillbares Monster erschaffen hatte, das zwischen 2009 und 2011 zweimal die Champions League nach Katalonien holte.

Und es ist der Wahn, der sich auch in Claus-Dieter Wollitz Bahn bricht. „Es ist anstrengend, immer wieder zu triezen, aber eben auch meine Aufgabe“, sagt der Energie-Coach. Er will keine leichtgläubigen Spieler. Zu oft schon habe eine von ihm betreute Mannschaft außergewöhnliche Spiele gewonnen „und vier Tage später keinen Schritt vor den anderen gekriegt, weil im Training alles holli locker war“. Luft rausnehmen ist deswegen ein Tabu. „Wer das macht, wird am Ende die bittere Wahrheit präsentiert bekommen.“ Und diese Enttäuschung will weder Guardiola noch Wollitz erleben. „Pep“ will am 26. Mai die Champions League gewinnen, „Pele“ tags darauf in der Relegation den Aufstieg mit Energie Cottbus feiern. Ganz oder gar nicht.