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Pechstein-Anwalt: "Die Sportgerichte sind nicht neutral genug"

Simon Bergmann arbeitet für die Kanzlei Schertz Bergmann.
Simon Bergmann arbeitet für die Kanzlei Schertz Bergmann. FOTO: privat
Cottbus. Der Sportrecht-Experte sieht eine Parallele, aber auch einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Fall von Claudia Pechstein und dem des FC Energie Cottbus.

Claudia Pechsteins Kampf durch die Instanzen machte Schlagzeilen, weil dabei auch die Frage der Zuständigkeit von Sportgerichten im Raum steht. Ihr Anwalt Simon Bergmann sieht Parallelen zum Fall des FC Energie, aber auch einen wichtigen Unterschied.

Simon Bergmann, als Anwalt von Claudia Pechstein sind Sie mit der Klage auf Schadensersatz gegen den Eisschnelllaufverband vorm Bundesverfassungsgericht angelangt. Könnte der Weg des FC Energie auch dorthin führen? Der Verein will gegen die Strafe des Sportgerichtes des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) notfalls auch vor einem Zivilgericht vorgehen.
Bergmann Die Fälle sind nicht hundertprozentig zu vergleichen. Claudia Pechstein hatte zuvor eine Athletenvereinbarung unterschrieben, in der sie unter anderem die Dopingregeln oder eben auch die Rechtsprechung des Verbandes anerkennt. Diese Vereinbarung ist nun der aktuelle Streitpunkt. Der Bundesgerichtshof hat zuletzt gesagt, dass sie wegen dieser Vereinbarung nicht vor einem staatlichen Zivilgericht gegen den Verband klagen dürfe.

Dürfte Energie also auch nicht vors Zivilgericht - der Verein ist schließlich Mitglied im NOFV und DFB und deren Regeln unterworfen?
Bergmann Ich denke nicht, dass diese Verbandsmitgliedschaft einen Gang vor das Zivilgericht ausschließt. Es gibt ja auch den Beispielfall des SV Wilhelmshaven, der sich nach einem jahrelangen Rechtsstreit gegen DFB und Fifa erfolgreich vor dem Bundesgerichtshof durchgesetzt hat.

Wieso sind die Sportgerichtsbarkeiten so umstritten?
Bergmann Grundsätzlich ist es gut, dass es diese Sportgerichte gibt. Ansonsten würde ein russischer Dopingsünder in Moskau und ein jamaikanischer Dopingsünder in Kingston verurteilt oder freigesprochen werden. Dann würde es keine Rechtsgleichheit geben. Das Problem ist ein anderes.

Welches denn?
Bergmann Die Sportgerichte sind häufig sehr verbandsfreundlich - weil sie eben mit Verbandsmitgliedern besetzt sind. Da ist bei staatlichen Gerichten für mehr Neutralität gesorgt.

Konkret im Fall von Energie Cottbus wird auch hinterfragt, was mit den Strafgeldern passiert, die das Verbandsgericht ausspricht und der Verband dann kassiert. Böse formuliert könnten da die Richter doch dem Verband die Taschen vollmachen, oder?
Bergmann Da haben Sie letztlich völlig recht. Das ist auch der Hauptvorwurf an die Sportgerichte: Sie sind nicht neutral genug.

Welche Chancen räumen Sie dem FC Energie grundsätzlich bei dem Vorstoß ein, vor einem Zivilgericht ein Verbandsurteil zu revidieren?
Bergmann Ich kenne den Fall nicht genau genug. Aber wie gesagt: Das Beispiel des SV Wilhelmshaven zeigt, dass dem Verein der Gang vors Zivilgericht durchaus anzuraten ist.

Vorher sollte man beim FCE aber entscheiden, aus welchem Grund man das macht. Entweder, weil die Strafe so hoch und schmerzhaft ist. Oder, weil man eine grundsätzliche Entscheidung will, die für die Zukunft tragfähig ist.

Mit Simon Bergamm

sprach Jan Lehmann