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| 17:39 Uhr

Interview mit Nils Petersen
„Ich weiß, was Pele Wollitz machen wird“

Nils Petersen tritt am Montag in der ersten Runde des DFB-Pokals mit dem SC Freiburg bei Energie Cottbus an.
Nils Petersen tritt am Montag in der ersten Runde des DFB-Pokals mit dem SC Freiburg bei Energie Cottbus an. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Cottbus. Der einstige Energie-Torjäger kehrt mit Freiburg nach Cottbus zurück. Er spricht über das DFB-Pokalspiel am Montag, 20. August, und seine Karriere. Von Jan Lehmann

Nils Petersen, können Sie sich an den 6. Februar 2010 erinnern? Mit der Einwechslung gegen Koblenz ging Ihr Stern in Cottbus auf.

PETERSEN: Natürlich, ich weiß auch noch, dass ich vorher mit meinem Vater telefoniert habe.

Der hat uns verraten, dass er Ihnen sagte: „Junge, kneif die Arschbacken zusammen.“ Sie wollten weg?

PETERSEN: Nein. Aber ich war unzufrieden, obwohl ich eigentlich glücklich in Cottbus war. Ich wusste, dass wir einen guten Trainer hatten – so etwas sagt man ja selten, wenn man auf der Bank sitzt. Aber mit Sergiu Radu und Emil Jula hatte ich eben zwei sehr gute Stürmer vor mir.

Dann kam der 6. Februar 2010. Der FCE lag zu Hause gegen TuS Koblenz mit 0:1 zurück und Trainer Claus-Dieter Wollitz wechselte den 21-jährigen Angreifer ein. Petersen traf, von da an lief es bei ihm und Energie.
Dann kam der 6. Februar 2010. Der FCE lag zu Hause gegen TuS Koblenz mit 0:1 zurück und Trainer Claus-Dieter Wollitz wechselte den 21-jährigen Angreifer ein. Petersen traf, von da an lief es bei ihm und Energie. FOTO: DPA / Thomas Eisenhuth

Dann kam das Spiel gegen Koblenz.

PETERSEN: Ich bin da unbekümmert rein und hatte gleich ein paar gute Aktionen. Dass ich das 1:1 erzielt habe, war schön. Aber für mich war etwas anderes noch wichtiger.

Was denn?

PETERSEN: Pele Wollitz sagte nach dem Spiel zu mir, dass ich mir jetzt einfach ein paar Einsätze verdient habe. So spielte ich danach ohne den Druck  und wusste, dass ich nicht beim nächsten Fehler wieder raus bin. Zum ersten Mal habe ich Vertrauen gespürt. Das zieht sich durch meine Karriere: Wenn ich das spüre, bringe ich auch Leistung.

Über Bayern München und Werder Bremen landete Nils Petersen im Januar 2015 beim SC Freiburg. Dort etablierte er sich als bester Bundesliga-Joker aller Zeiten und durfte 2018 sogar einmal fürs Nationalteam auflaufen.
Über Bayern München und Werder Bremen landete Nils Petersen im Januar 2015 beim SC Freiburg. Dort etablierte er sich als bester Bundesliga-Joker aller Zeiten und durfte 2018 sogar einmal fürs Nationalteam auflaufen. FOTO: dpa / Johann Groder

Jetzt können wir es Ihnen ja verraten: Nachdem sie bei der Zweiten von Energie etliche Großchancen vergeben hatten, glaubten einige: „Aus dem wird nie was.“

PETERSEN: Ich weiß. Viele glauben ja, Talent und Arbeit reichen aus, um als Fußballprofi Karriere zu machen. Ich sage: Es gehört auch Glück dazu. Für mich hat sich alles irgendwie gefügt. Schon, dass Energie mich damals für relativ viel Geld aus Jena geholt hat, einen Drittliga-Stürmer, der nicht trifft. Aber ich war eben jung und deutsch, das hat  irgendwie in den Kader gepasst. Und so blöd es klingt: Der Abstieg von Energie war mein großes Glück, unter Wollitz konnte ich mich entwickeln.

Jetzt haben Sie 156 Erstliga-Spiele, waren Zweiter beim Fußballer des Jahres, mit dem FC Bayern im Champions-League-Endspiel, haben für die Nationalelf und sogar im Olympia-Finale gespielt. Wie viel davon hatte der 21-jährige Nils Petersen damals im Sinn, als er gegen Koblenz eingewechselt wurde?

PETERSEN: Puh, wenn ich das alles höre, kann ich das selbst kaum glauben. Mein Ziel war es, ein gestandener Zweitliga-Spieler zu werden. Mit ein paar Einsätzen und Toren in der Vita. Dass es so gut laufen würde, hätte ich nie gedacht. Weil ich auch bei jeder meiner Stationen mit Spielern trainiert habe, die mindestens genauso gut und vielleicht sogar besser als ich waren. In Cottbus zum Beispiel Marc-Philipp Zimmermann oder Alexander Bittroff. Mit etwas mehr Glück hätten die auch einen anderen Weg gehen können.

2010/11 wurde Petersen mit 25 Treffern Zweitliga-Torschützenkönig und wechselte zum FC Bayern.
2010/11 wurde Petersen mit 25 Treffern Zweitliga-Torschützenkönig und wechselte zum FC Bayern. FOTO: DPA / Thomas Eisenhuth

Sie haben Talent, Arbeit und Glück genannt. Wie viel Demut braucht es, um sich durchzusetzen?

PETERSEN: Klar, das gehört auch dazu. Gerade als junger Spieler muss man einiges schlucken.

In Cottbus wurden Sie scherzhaft Jens genannt. Das hatten Sie Coach Bojan Prasnikar zu verdanken, weil er sich Ihren Namen nicht merken konnte. Da mussten Sie ziemlich leidensfähig sein, oder?

PETERSEN: Ja. Da musste ich durch eine harte Zeit. Aber im Leben gehört Geduld dazu. Die fehlt den jungen Spielern heute vielleicht ein bisschen. In Cottbus habe ich mich freiwillig für die zweite Mannschaft gemeldet, damit ich auf Spielpraxis bekomme. Und wir hatten mit Daniel Ziebig oder Marco Kurth gestandene Profis, die den Jungen die Richtung vorgegeben haben. Diese Erziehung war nicht schlecht.

Anfangs kam Nils Petersen in Cottbus für die zweite Mannschaft zum Einsatz.
Anfangs kam Nils Petersen in Cottbus für die zweite Mannschaft zum Einsatz. FOTO: Steffen Beyer

Egal, ob nun Claus-Dieter Wollitz, Freiburg-Coach Christian Streich oder Bundestrainer Joachim Löw – alle schwärmen von Ihrer charakterlichen Stärke. Verraten Sie uns bitte: Wie wird man Everybody‘s Darling?

PETERSEN: Das ist mir etwas unangenehm, das so zu hören. Aber klar, es ehrt mich. Es geht wohl darum, dass man authentisch ist und sich treu bleibt. Mir wurde auch schon geraten, mal die Ellbogen auszufahren oder Konflikte über die Medien auszutragen. Aber das ist nix für mich. Manchmal trainiere ich in Freiburg schlecht und haue frustriert einen Ball weg. Aber da merke ich: ,Ne Nils, das bist du nicht.’

Sie haben damit aufhorchen lassen, indem Sie erklärten, dass man als Fußballer ziemlich verblödet.

PETERSEN: Ich wollte mit dieser Aussage nicht im Mittelpunkt stehen, das ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Es ging eigentlich darum, dass es Menschen gibt, die in ihrem Leben viel mehr leisten als wir Fußballer und viel weniger Anerkennung bekommen.

Wie meinen Sie das?

PETERSEN: Wenn ich mit einem Arzt, einem Richter, einer Krankenschwester oder Menschen mit anderen anspruchsvollen Berufen an einem Tisch sitze, wollen doch immer alle nur wissen, was in meiner Profifußball-Welt passiert. Dabei ist diese Welt nicht real. Wir verdienen viel Geld, haben Fans, die sich unsere Klamotten kaufen, werden  bejubelt. Man muss sich bewusst sein, dass dies nicht die wahren Verdienste im Leben widerspiegelt.

Nun kehren Sie am Montag in die Lausitz zurück.

PETERSEN: Und ich freue mich sehr auf das Stadion der Freundschaft, auf die Leute, auf die Nordwand. Das sage ich nicht, weil es in der Lausitzer Rundschau steht. Energie Cottbus war neben Freiburg meine erfolgreichste Zeit. Dort hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass die Leute mich mögen – sie haben sogar meinen Namen gerufen. Deshalb ist es mir damals wahnsinnig schwergefallen, aus Cottbus wegzugehen. Ich habe heute noch gute Kontakte und freue mich, dass Energie es wieder zurück in die 3. Liga geschafft hat.

Was wird das für ein Spiel?

PETERSEN: Tim Kleindienst und ich waren die Einzigen, die über diesen Gegner gejubelt haben. Für unsere Kollegen ist Cottbus kein Traumlos. Das wird eine schwierige Aufgabe – und ich weiß auch schon, was Pele Wollitz machen wird.

Was denn?

PETERSEN: Er wird uns zum absoluten Favoriten erklären und sagen, dass Energie keine Chance hat. Das hat er früher schon so gemacht. Dabei weiß er genau, was unter Flutlicht im Stadion der Freundschaft möglich ist. Wir haben damals mit Energie ja schon einmal Freiburg im Pokal geschlagen.

Ist es ein Nachteil für Sie, dass Energie schon im Rhythmus ist?

PETERSEN: Das wird man dann sehen. Energie ist komplett eingeschworen, die haben zwei Jahre in der Regionalliga zusammengespielt. Dazu die Euphorie nach dem Aufstieg. Wir müssen aufpassen. Wir bringen Respekt mit, aber auch das Selbstbewusstsein, dass wir diese Aufgabe meistern können.

Schauen in Freiburg nicht alle schon auf den Bundesliga-Start?

PETERSEN: Nein. Für uns geht es in Cottbus gleich um alles. Der Pokal ist für uns ein extrem wichtiger Wettbewerb. Wir bereiten uns so vor, als wäre es unser erstes Bundesliga-Spiel.

Mit Nils Petersen
sprach Jan Lehmann